CDU in der Krise - Merz-Biografin: "Ich habe keinen Kanzler so oft weinen sehen"
Die CDU steckt in einer historischen Krise, Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz kämpft um Vertrauen. Die Merz-Biografin Mariam Lau erklärt, warum gerade er zum Gesicht der Krise geworden ist und was der CDU jetzt droht.
SRF: Die CDU fliegt erstmals aus einem Landtag. Wie desolat ist die Lage der Partei?
Mariam Lau: Ich beobachte die CDU seit über 25 Jahren und habe sie noch nie so desolat und am Boden erlebt. Die CDU lebt von dem Gefühl, die geborene Regierungspartei zu sein. Wenn das Land dann antwortet: «Nein, seid ihr nicht, es geht vollkommen ohne euch», dann ist das eine existenzielle Krise.
Kanzler Merz wird dabei von vielen als Problem wahrgenommen. Warum ist er so unbeliebt?
Er wird oft als arrogant und herablassend wahrgenommen. Er wirkt manchmal wie ein CEO, der nach zwei Wochen Urlaub ins Büro kommt, die Pizzakartons sieht und sagt: «So, Freunde, jetzt ist Schluss mit dem Dolce Vita.» Diese Suggestion, die Leute würden zu wenig arbeiten, hören sie nicht gern. Das Gefühl «das ist einer von uns» stellt sich einfach nicht ein.
Sie beschreiben ihn in Ihrer Biografie aber als empathisch. Ein Widerspruch?
Man merkt seine Empathie in Situationen, in denen er sich nicht angegriffen fühlt. Er war zum Beispiel bei der Lesben- und Schwulenunion der CDU, Personen, die er zuvor schlimm beleidigt hatte. Dort stand er und sagte: «Ich weiss, dass ich Ihnen mit meinen Bemerkungen sehr wehgetan habe. Und das war ein Riesenfehler.» Er konnte seinen Fehler einsehen und die Hand ausstrecken.
Sie schreiben sogar, er weine oft. Der Kanzler weint?
Ja, ich habe keinen Kanzler so oft weinen sehen. Besonders wenn es um Kinder geht, kann er von Gefühlen übermannt werden. Als er in einem jüdischen Gymnasium in Berlin war und Schüler ihm erzählten, dass sie aus Angst überlegen, ihren Davidstern abzunehmen, sind ihm die Tränen gekommen. Er schämt sich dafür auch nicht.
Warum ist von dieser Seite öffentlich so wenig zu spüren?
Merz steckt in einem Teufelskreis: Er macht zu, wenn er sich angegriffen fühlt. Und je mehr er zumacht, desto unsympathischer wird er den Leuten und desto mehr wird er angegriffen. In dieser Schraube stecken wir gerade fest.
Die «Financial Times» nannte ihn «overconfident and underprepared», übermütig und unvorbereitet. Trifft das zu?
Das ist ein relevanter Punkt. Er neigt zu entscheidungsgeschwollenen Aussagen, ohne sich darum zu kümmern, ob das umsetzbar ist. Die schlichte Wahrheit ist, dass er nie ein exekutives Amt innehatte. Er war nie Ministerpräsident oder Bürgermeister. Für die Prozesse der Führung, für das Organisieren von Konsens, war er komplett unvorbereitet. Dazu hat er seine Mannschaft vor allem nach Loyalität zusammengestellt, nicht nach Kompetenz. Daran krankt das ganze Unternehmen.
Wie geht es jetzt weiter im politischen Deutschland?
Wir sind nervös und aufgeraut. Um die Stabilität, die uns immer ausgezeichnet hat, müssen wir jetzt alle ein bisschen ringen.