Chancen für Waffenstillstand in Ukraine waren nie so groß wie jetzt
Der Militärexperte Markus Reisner hält einen Waffenstillstand im Ukraine-Krieg derzeit für so wahrscheinlich wie nie zuvor. Gleichzeitig scheint die Wahrscheinlichkeit für jene Art von Frieden zu schrumpfen, für den die Ukraine seit über vier Jahren kämpft.
Im Ukraine-Krieg wächst der Druck auf alle Beteiligten. Genau darin sieht der österreichische Militäranalyst Markus Reisner eine Chance auf ein "Ende des Sterbens" – nicht aber auf einen Frieden, wie die Ukraine und Europa ihn sich erhoffen.
"Ich bin der Meinung, dass die Chancen für einen Waffenstillstand nie so groß waren wie jetzt", sagte der Oberst im Interview mit "n-tv". Seit Monaten könnten weder die Russen noch die Ukrainer einen Durchbruch erzielen. "Es ist ein elender Abnutzungskrieg, der sich von einem Monat in den nächsten zieht" und der sich jetzt einem "Kulminationspunkt" nähere. "Der gegenseitige Druck aufeinander, von Russland und der Ukraine, aber auch von außen ist so groß, dass es durchaus zu einem Einfrieren des Konflikts kommen könnte."
Die USA hätten "nuanciert Druck auf die Ukrainer ausgeübt" – durch das Zurückhalten von Geheimdienstdaten, die Einschränkung von Starlink und die Verzögerung bei Fliegerabwehrraketen. Auf Russland sei gleichzeitig Druck ausgeübt worden, indem Washington der Ukraine Koordinaten für Ziele auf russischem Territorium übermittelt habe, erklärte Reisner.
Trumps Diplomaten treffen Selenskyj in Norwegen
Vor diesem Hintergrund kommt es in der norwegischen Hauptstadt zu einem hochrangigen Treffen: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj trifft dort den US-Sondergesandten Steve Witkoff. Jared Kushner, Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, soll per Video an den Gesprächen teilnehmen. Auch Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre und der finnische Staatspräsident Alexander Stubb sind dabei. "Ziel ist es, die diplomatischen Bemühungen wieder in konstruktivere Bahnen zu lenken", erklärte Støre laut der Nachrichtenagentur NTB.
Die Zusammenkunft fällt in eine Phase erheblicher Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine, wie sich auch am Dienstag wieder zeigte: Trump warf Kiew mangelnde Gegenleistung für die amerikanische Unterstützung vor. Einem Bericht des Portals "Axios" zufolge soll US-Verteidigungsminister Pete Hegseth die Auslieferung von Patriot- und weiteren Luftabwehrraketen blockiert haben – obwohl Nato-Staaten diese bereits finanziert hätten. "All das deutet darauf hin, dass eine politische Entscheidung getroffen wurde, die Unterstützung für uns zurückzufahren", sagte Selenskyj.
Über die schleppende Auslieferung der Luftabwehrraketen und über die Probleme mit den Satelliten-Kommunikationsdiensten Starlink und Starshield sprach Selenskyj nach eigener Aussage in einem Telefonat mit US-Außenminister Marco Rubio. Kiew berichtet seit Tagen von einer Drosselung des Kommunikationssystems, was die Koordinierung von Drohneneinsätzen erschwere. Die US-Regierung bestreitet das. Was genau der laut Selenskyj "konstruktive Austausch" mit Rubio ergeben hat, ließ Selenskyj offen.
Militärexperte: "schwer, sich vorzustellen, wie die Ukraine den Winter überstehen soll"
Wie es jetzt weitergeht? Da wagt Militärexperte Reisner keine Prognose – zu erratisch sei das Vorgehen Trumps. Aus seiner Sicht gibt es jedoch nur zwei legitime Möglichkeiten: "Entweder man geht all-in und die Ukraine bekommt, was sie braucht, um den Krieg zu überstehen. Wenn man dazu aber nicht bereit ist, muss man alles versuchen, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden", sagte er gegenüber "n-tv".
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Nahezu täglich gibt es in der Ukraine Tote und Verletzte. Die Bevölkerung lebt in ständiger Angst vor dem nächsten Angriff. Vielerorts funktionieren Heiz- und Wärmekraftwerke nicht mehr, die Wasserversorgung ist gestört, immer wieder fällt der Strom aus, teils stundenlang. Von der Situation der Soldaten an der Front ganz zu schweigen.
Sollte die Ukraine nicht deutlich mehr westliche Hilfe bekommen und die Russen ihre Angriffe auf dem aktuellen Niveau fortsetzen, sieht Reisner das Land in einer miserablen Position. Dann sei es "schwer, sich vorzustellen, wie die Ukraine diesen Winter überstehen soll". (red/bearbeitet von mcf)