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Chaos beim Ausbau von Batteriespeichern

Technologie

Batteriespeicher könnten das deutsche Stromsystem entlasten und Milliarden sparen. Doch bei ihrem Ausbau herrscht Chaos. Batterieforscher Dirk Uwe Sauer erklärt, was an der Strategie von Wirtschaftsministerin Reiche problematisch ist und warum die Verbraucher von mehr Speichern erstmal nicht profitieren. Ein Interview von Adrian Arab Schon heute sind die erneuerbaren Energien aus der Stromversorgung Deutschlands nicht mehr wegzudenken. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 58 Prozent des Verbrauchs über sie gedeckt - ein neuer Rekord für die ersten sechs Monate eines Jahres. Doch im Vergleich zu ökologisch schlechteren Energieerzeugungsmethoden haben Wind- und Sonnenenergie ein Problem: Sie lassen sich nicht steuern. Während Gaskraftwerke je nach Bedarf hoch- oder runtergefahren werden können, können Sonne und Wind nicht an- oder ausgeschaltet werden. Helfen können bei diesem Problem Batteriespeicher. Produzieren an sonnigen Tagen etwa Photovoltaikanlagen Strom in Massen, kann nicht genutzte Energie in diesen gelagert werden. Bislang klappt das in Deutschland allerdings nur bedingt, wie Dirk Uwe Sauer erklärt. Er lehrt an der RWTH Aachen und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Methoden zur Energiespeicherung. Er betont zudem: Nur Batteriespeicher alleine werden die Probleme bei der Stromversorgung nicht lösen. Herr Sauer, Batteriespeicher werden häufig als Schlüsseltechnologie der Energiewende bezeichnet. Zu Recht? Dirk Uwe Sauer: Wir brauchen auf jeden Fall Energiespeicher. Das ist offensichtlich, wenn man sich unser Stromsystem anschaut. Im Sommer haben wir inzwischen fast täglich Überschüsse bei der Stromerzeugung, vor allem durch Photovoltaik. In den frühen Abendstunden und am Morgen fehlt dagegen Strom, was regelmäßig zu hohen Preisen führt. Wir brauchen Technologien, die diese Schwankungen ausgleichen. Also vor allem Batterien? Batteriespeicher sind eine wichtige Möglichkeit, aber nicht die einzige. Wir müssen auch den Stromverbrauch flexibler machen, Elektroautos intelligent laden und künftig verstärkt bidirektionales Laden nutzen. Das Problem ist, dass viele dieser Möglichkeiten einen flächendeckenden Ausbau intelligenter Stromzähler voraussetzen. Und da steht Deutschland noch ziemlich am Anfang. Große Batteriespeicher können dagegen heute gebaut werden. Sie sind schnell verfügbar und inzwischen wirtschaftlich attraktiv. Hat Deutschland beim Ausbau von Großspeichern den Anschluss verpasst? Das würde ich nicht sagen. Die USA sind zwar deutlich weiter, aber das hat auch mit ihrem Stromsystem zu tun. Wir haben schon vor zehn oder fünfzehn Jahren in Studien festgestellt, dass sich große Batteriespeicher erst rechnen und systemisch notwendig werden, wenn der Anteil der fluktuierenden erneuerbaren Energien ungefähr 50 Prozent erreicht. Jetzt sind wir an diesem Punkt angekommen. Der Boom der Batteriespeicher kommt also nicht überraschend spät. Das Problem ist eher, dass wir schlecht darauf vorbereitet sind. Woran zeigt sich das? Es gibt noch immer große regulatorische Unsicherheiten. Gleichzeitig wollen derzeit sehr viele Investoren Batteriespeicher bauen. Die Netzbetreiber haben Anschlussanfragen für Speicher mit einer Gesamtleistung von mehreren Hundert Gigawatt erhalten – weit mehr, als Deutschland tatsächlich braucht. Weil sich die Investoren möglichst attraktive Netzanschlüsse sichern wollen, werden teilweise sehr viele Projekte gleichzeitig angemeldet. Das hat die Netzbetreiber regelrecht überfordert. Das heißt, viele Investoren sichern sich vorsorglich einen Netzanschluss, obwohl längst nicht alle Projekte gebaut werden? Genau. Wenn sehr viele Anfragen gleichzeitig gestellt werden, kann das jedes System überlasten. Das ist auch von Seiten der Marktteilnehmer nicht besonders klug gelaufen. Gleichzeitig fehlt es aber an politischer Klarheit. Dass die Bundesregierung plant, neue Gaskraftwerke zu bauen, dürfte dazu nur beitragen, oder? Genau. Es ist bis heute nicht ausreichend geklärt, welche Rolle diese Kraftwerke künftig im Strommarkt spielen sollen. Eigentlich sollen sie als Reserve für längere Dunkelflauten dienen. Dafür brauchen wir sie auch. Batteriespeicher können diese Aufgabe wirtschaftlich nicht übernehmen. Aber es macht einen großen Unterschied, ob diese Kraftwerke nur in seltenen Mangelsituationen laufen oder jeden Abend für einige Stunden Strom produzieren, wenn die Preise steigen. Warum ist das für Batteriespeicher entscheidend? Weil sich dann die Frage nach fairen Wettbewerbsbedingungen stellt. Große Batteriespeicher müssen beispielsweise Baukostenzuschüsse für ihren Netzanschluss zahlen. Kraftwerke tun das nicht. Gleichzeitig könnten neue Kraftwerke staatlich unterstützt werden und trotzdem auf denselben Märkten Geld verdienen wie Batteriespeicher. Deshalb muss klar geregelt sein, in welchen Märkten diese Kraftwerke unter welchen Bedingungen eingesetzt werden dürfen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche setzt stark auf den Bau neuer Gaskraftwerke und steht dafür in der Kritik. Ist das aus Ihrer Sicht der falsche Weg? Batteriespeicher und diese Kraftwerke bedienen zunächst zwei unterschiedliche Märkte. Deshalb halte ich wenig davon, sie gegeneinander auszuspielen. Batteriespeicher werden privatwirtschaftlich gebaut. Das ist auch richtig so. Die neuen Kraftwerke sollen dagegen Versorgungssicherheit gewährleisten und als Reserve für seltene Dunkelflauten bereitstehen. Technisch ist die geplante Größenordnung nachvollziehbar. Es handelt sich im Wesentlichen um dieselbe Größenordnung, die auch schon Wirtschaftsminister Robert Habeck vorgesehen hatte. Man kann deshalb nicht behaupten, die Kraftwerksstrategie sei allein ideologisch motiviert. Die entscheidende Frage ist, wie diese Kraftwerke später eingesetzt werden. Was befürchten Sie? Unter Robert Habeck war sehr klar, dass es sich um Reservekraftwerke handeln sollte. Bei der heutigen Politik ist weniger eindeutig, ob die neuen Kraftwerke am Ende nicht doch 3.000 oder 4.000 Volllaststunden im Jahr mit Erdgas betrieben werden sollen. Wenn gleichzeitig der Ausbau der erneuerbaren Energien oder der Stromnetze gebremst wird, könnte genau das passieren. Warum können Batterien längere Dunkelflauten nicht übernehmen? Technisch könnten sie das durchaus. Batterien können langsam entladen werden und haben nur eine sehr geringe Selbstentladung. Das Problem ist die Wirtschaftlichkeit. Einen Batteriespeicher vorzuhalten, der vielleicht einmal im Jahr für eine längere Dunkelflaute gebraucht wird, ist heute jenseits jeder Wirtschaftlichkeit. Eine Lithium-Eisenphosphat-Batteriezelle kostet heute ungefähr 50 Euro pro Kilowattstunde Speicherkapazität. Die Investitionskosten für die Speicherung von Wasserstoff in einer großen Salzkaverne liegen dagegen in einer Größenordnung von etwa 50 Cent pro Kilowattstunde. Natürlich braucht man beim Wasserstoff zusätzlich Elektrolyseure und Kraftwerke für die Rückverstromung. Aber bei Speichern, die über mehrere Wochen Energie bereitstellen sollen und vielleicht nur einmal im Jahr genutzt werden, dominieren die Kosten für die Speicherkapazität. Batterien sind also für kurze Zeiträume zuständig, Wasserstoff für lange? Vereinfacht gesagt, ja. Batteriespeicher sind ideal, wenn sie täglich geladen und entladen werden. Sie erreichen Wirkungsgrade von rund 90 Prozent. Wenn Strom über Wasserstoff gespeichert und später wieder verstromt wird, liegt der Wirkungsgrad eher bei rund 30 Prozent. Für tägliche Speicherzyklen wäre das viel zu ineffizient. Bei einer selten auftretenden, mehrwöchigen Dunkelflaute dominieren dagegen die Investitionskosten. Deshalb ergänzen sich Kurzzeit- und Langzeitspeicher. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts kommt zu dem Ergebnis, dass ein schnellerer Ausbau von Batteriespeichern dem deutschen Stromsystem Milliarden Euro sparen könnte. Halten Sie das für realistisch? Ich bin kein Energieökonom und rechne solche konkreten Zahlen nicht nach. Ob die Einsparung am Ende 2,9, 3,9 oder 4,9 Milliarden Euro beträgt, kann ich deshalb nicht beurteilen. Aber die Mechanismen hinter dieser Rechnung sind plausibel. Ein wesentlicher Punkt sind vermiedene Redispatchkosten. Heute geben wir viel Geld dafür aus, regionale Ungleichgewichte im Stromnetz auszugleichen. Batteriespeicher können diese Kosten reduzieren. Das Einsparpotenzial ist erheblich. Trotzdem können Batteriespeicher das Stromnetz unter Umständen sogar zusätzlich belasten. Das kann tatsächlich passieren, ist aber keine originäre Eigenschaft von Speichern. Stellen Sie sich vor, im Norden Deutschlands wird sehr viel Windstrom produziert. Der Börsenstrompreis fällt stark. Dieses niedrige Preissignal gilt aber für ganz Deutschland. Deshalb beginnen auch Batteriespeicher in Süddeutschland zu laden, Kraftwerke fahren runter und die stromintensive Industrie fährt die Produktion hoch, obwohl dort möglicherweise Strom knapp ist. Anschließend müssen im Süden teuer Kraftwerke hochgefahren werden, um das Netz zu stabilisieren. Wie ließe sich das verhindern? Durch unterschiedliche Strompreiszonen. Dann würden die Preise die tatsächliche regionale Situation besser abbilden. Speicher würden dort laden, wo Strom im Überfluss vorhanden ist, und dort entladen, wo er knapp ist. Das wäre aus meiner Sicht sinnvoll. Dass Deutschland weiterhin eine einheitliche Strompreiszone hat, ist eine politische Entscheidung. Vor allem einige Bundesländer blockieren eine Aufteilung. Warum sollte der Markt den Ausbau von Batteriespeichern irgendwann bremsen? Weil jeder zusätzliche Speicher den Ertrag aller anderen Speicher reduziert. Speicher verdienen Geld mit Preisunterschieden. Sie kaufen Strom, wenn er billig ist, und verkaufen ihn, wenn er teuer ist. Je mehr Speicher es gibt, desto kleiner werden diese Preisunterschiede. Im theoretischen Extremfall gäbe es so viele Speicher, dass die Strompreise über den Tag nahezu konstant wären. Dann könnten Speicher kaum noch Geld verdienen. Deshalb halte ich es für richtig, dass der Staat nicht einfach eine bestimmte Menge an Batteriespeichern vorgibt. Der Markt kann relativ gut herausfinden, wie viele Speicher wirtschaftlich sinnvoll sind. Werden Verbraucher durch mehr Batteriespeicher niedrigere Stromrechnungen bekommen? Zunächst werden Batteriespeicher vor allem die Strompreise stabilisieren. Extreme Preisschwankungen werden seltener. Gleichzeitig kostet Strom, der zwischengespeichert wird, natürlich mehr als Strom, der direkt aus einer Windkraft- oder Photovoltaikanlage genutzt wird. Die Investitionskosten der Speicher müssen schließlich bezahlt werden. Der Stromerzeugungspreis macht außerdem nur einen Teil des Haushaltsstrompreises aus. Wenn der Erzeugungspreis beispielsweise um zwei Cent pro Kilowattstunde sinkt, wäre das auf der Erzeugungsseite ein sehr großer Effekt. Beim Endkundenpreis von 30 oder 35 Cent pro Kilowattstunde fällt die Entlastung dagegen wesentlich weniger spektakulär aus. Für Haushalte geht es deshalb zunächst vor allem um stabile und langfristig abgesicherte Preise. Für die Industrie sind niedrigere Börsenstrompreise wesentlich relevanter, weil viele Unternehmen näher am Erzeugungspreis liegen. Dort können Batteriespeicher einen deutlicheren Effekt haben. Man sollte allerdings nicht erwarten, dass wir kurzfristig wieder Strompreise von drei oder vier Cent pro Kilowattstunde erreichen. Was ist wichtiger: mehr Batteriespeicher oder ein schnellerer Ausbau der Stromnetze? Ich würde dringend davon abraten, das gegeneinander auszuspielen. Physikalisch betrachtet verteilen Stromnetze Energie im Raum, Speicher verteilen sie in der Zeit. Wir brauchen beides. Einen Verteilnetzausbau durch sehr viele Speicher zu ersetzen, ist wirtschaftlich schwierig. Denken Sie an einen kalten Wintertag, an dem in einem ganzen Stadtviertel gleichzeitig Wärmepumpen laufen. Solche Lasten können Sie nicht über Tage oder Wochen aus Batterien versorgen. Dafür brauchen Sie leistungsfähige Netze. Welchen Vorteil haben Batteriespeicher dann gegenüber dem Ausbau der Stromnetze? Empfehlungen der Redaktion Große Freude nach Generalsanierung – doch dann fällt marode Brücke auf Olaf Rieck: Sauerstoff am Berg ist "lächerlicher Selbstbetrug" Hersteller holen Pkw-Produktion wegen Zöllen in die EU zurück Der große Vorteil von Batteriespeichern ist die Geschwindigkeit. Einschließlich Planung und Vorlauf können sie innerhalb von zwei Jahren Batteriespeicher mit mehreren Gigawatt Leistung bauen. Bei neuen Stromleitungen ist das unmöglich. Batteriespeicher sind deshalb eine sehr gute Lösung für die kurzfristigen Probleme unseres Stromsystems. Das darf uns aber nicht davon abhalten, gleichzeitig die langfristigen Lösungen voranzutreiben.

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