Chef Chris Methmann im Interview: „Der Alete
Als Foodwatch-Chef Chris Methmann zum Interview in den Tagesspiegel kommt, erwartet ihn ein Teller des Schreckens: Kinder-Riegel, Corny, Twix, Gummibärchen und zuckriges Knuspergebäck von Alnatura. Der Geschäftsführer einer der bekanntesten deutschen Verbraucherschutzorganisationen soll nicht hungrig bleiben. Seit mehr als 20 Jahren kritisiert Foodwatch die Lebensmittelindustrie für irreführende Versprechen und ungesunde Rezepturen. Kann Methmann den Verlockungen seiner Gegner widerstehen? Wann wird er schwach? Herr Methmann, die Sommerferien gehen zu Ende, die Schule beginnt wieder. Was haben Ihre Kinder in der Brotdose? Die Zeiten, in denen ich meinen Kindern die Brotdose gepackt habe, sind langsam, aber sicher vorbei. Mein Sohn und meine Tochter sind alt genug, sie haben das Recht, selbst zu entscheiden. Wir hatten und haben zu Hause aber natürlich dieselben Kämpfe übers Essen wie andere Eltern auch. Nur weil ich bei Foodwatch arbeite, bin ich kein besserer Mensch. Gibt es Lebensmittel, die Sie so wütend machen, dass Sie sie Ihren Kindern entreißen und in den Müll werfen möchten? Meine Kinder sind dafür nicht mehr die Zielgruppe, aber der Alete-Kinderkeks macht mich wütend. Auf der Packung steht, dass der Keks Babys ab dem achten Monat gegeben werden kann. Doch in einer Packung stecken zehn Würfel Zucker. Für ein Baby! Wir wissen, dass die ersten 1000 Lebenstage maßgeblich sind für die Entwicklung der Essensvorlieben. Mit dem Alete-Keks wird schon kleinen Kindern die Liebe zum Zucker eingetrichtert, ohne dass sie sich dagegen wehren können. Aber niemand zwingt die Eltern, ihren Kindern solche Kekse zu geben! Bei dm oder Rossmann stehen diese Kekse neben den notwendigen Dingen wie Windeln. Und eine Marke wie Alete genießt Vertrauen. Da greifen viele zu. Wir wachsen in einem Ernährungssystem auf, das viel mehr Kontrolle über unsere Vorlieben hat, als wir glauben. Eltern können doch lesen, was auf der Verpackung steht, bevor sie ihren Kindern Süßkram kaufen. Natürlich trägt jeder eine Mitverantwortung. Aber das Richtige zu tun, wird uns wahnsinnig schwer gemacht. (Methmann nimmt einen Corny-Riegel in die Hand.) Ich kann kaum lesen, was hier in so einem Corny-Riegel alles drin ist. Und es kann auch nicht sein, dass ich bei jedem Einkauf das Kleingedruckte lesen muss. Ein Schokoriegel ist doch kein Versicherungsvertrag! (Legt den Riegel wieder weg.) Aber jeder Mensch weiß doch, dass Süßigkeiten nicht gesund sind. Ich lehne es zutiefst ab, allein den Verbrauchern die Verantwortung für schlechte Ernährung zu geben. Die Lebensmittelindustrie investiert jedes Jahr Milliarden Euro in Marketing für ungesunde Produkte – vom überzuckerten Frühstücksmüsli mit „Tony the Tiger“ oder „Paw Patrol“ bis hin zu Softdrinks oder Nutella, für das sogar mal deutsche Fußballnationalspieler Werbung gemacht haben. Von klein auf und überall werden Kinder mit Junkfood-Werbung beballert – und jetzt soll ich als Vater dagegen ankämpfen? Warum muss ich gerade rücken, was hochbezahlte Sportstars an Fehlernährung anrichten? Ganz zu schweigen von Red Bull, das inzwischen viele Sportarten sponsert. Sie haben Ihre damals elfjährige Tochter als Testkäuferin zu Lidl geschickt, sie hat problemlos Energy-Drinks bekommen. Schon seit Langem wird über eine Altersgrenze diskutiert. Warum passiert da nichts? Eine Altersgrenze für Energy-Drinks ließe sich ganz einfach einführen und würde unsere Kinder und Jugendlichen schützen. Die große Mehrheit der Bevölkerung steht laut Umfragen dahinter. Wenn das nicht kommt, zeigt das, wie groß der Einfluss von Red Bull, Coca-Cola und PepsiCo ist. Wo sehen Sie die Altersgrenze? Wir fordern eine Altersgrenze ab 18. Dann könnten 16-Jährige Bier kaufen, aber keinen Energy-Drink. Über das Bier könnte man auch mal reden. In anderen europäischen Ländern bekommt man mit 16 keines. Jugendliche können die Risiken nicht gut abschätzen. Sie wissen nicht, was sie sich antun, wenn sie Energy-Drinks trinken. Ihr Konsum kann nicht nur zu Schlafstörungen, Unruhe und Magen-Darm-Problemen führen, sondern in Verbindung mit Sport oder Alkohol sogar zu Herzrhythmusstörungen, Nierenversagen und Krampfanfällen. Der Staat hat hier eine Fürsorgepflicht. Wie soll man Verantwortung lernen, wenn man nie die Gelegenheit dazu bekommt? Wir stellen ja auch nicht in den Schulen Zigarettenautomaten auf und sagen, die Kinder müssten selbst einen Umgang finden. Der neue Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp war vorher Repräsentant von Red Bull. Hätte das ein Kriterium sein müssen, das ihn von diesem Amt ausschließt? Ja, das hätte ein Ausschlusskriterium sein müssen. Er hätte nie Bundestrainer werden dürfen und ich finde, er sollte sich bewusst machen, dass er eine Vorbildfunktion hat. Wie er das mit seiner vorigen Funktion bei Red Bull vereinbaren kann, ist mir schleierhaft. Bundestrainer ist kein öffentliches Amt, aber ein Amt in einem gemeinnützigen Verein. Im Deutschen Fußball-Bund ist ja auch der Breitensport organisiert. Jeder, der in Deutschland Fußball im Verein spielt, hat mit dem Verband zu tun. Sollte sich der DFB gemeinmachen mit so einem Brausekonzern? Nein! Foodwatch fordert seit Langem, Werbung für ungesunde, an Kinder gerichtete Lebensmittel einzuschränken. Während der Ampel-Regierung wollte Ernährungsminister Cem Özdemir das durchsetzen, doch scheiterte er. Sind Sie als Lobbygruppe zu schwach, wenn Ihre Forderungen nicht mal unter einem grünen Minister Realität werden? Die Industrie hatte viel zu viel Einfluss auf das Gesetz und hat auch die Medien eingespannt, allen voran die „Bild“-Zeitung. Beide haben eine Kampagne gegen das geplante Gesetz gefahren, in der auch falsche Infos verbreitet wurden. Es entstand der Eindruck, Özdemir wolle bestimmte Lebensmittel komplett verbieten. Zudem sei die Wirksamkeit von Werbeverboten gar nicht belegt und sogar die Presse- und Meinungsfreiheit in Deutschland sei durch das Gesetz angeblich gefährdet. Özdemir hat das Problem aber leider auch falsch dargestellt. Inwiefern? Er hat vor allem argumentiert, dass unsere Kinder zu dick seien. Ich bin einer von denen, die im Sportunterricht als Letzte gewählt wurden. Das Problem sind doch nicht die Kinder, sondern dass die Lebensmittelindustrie reich wird, indem sie die Kinder krank macht. Das hätte Özdemir klar sagen müssen, statt den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen. Damit hätte er viel mehr Menschen auf seine Seite gebracht. Auch beim Nutri-Score, den Sie fordern, tut sich kaum etwas. Der gibt auf einer Skala von grünem A – sehr gut – bis rotem E – ganz schlecht – an, wie gut zum Beispiel die Inhaltsstoffe einer Tiefkühlpizza sind. Ja, bisher ist der Nutri-Score bei uns nur freiwillig, aber Bundesernährungsminister Alois Rainer sollte ihn zur Pflicht machen. Mit EU-Recht wäre das vereinbar. Der Nutri-Score dient vor allem dem Vergleich zwischen ähnlichen Produkten. Er zeigt etwa, ob ein Joghurt oder ein Fertiggericht gesünder ist als das der Konkurrenz. Denn selbst wenn man nur A-Produkte essen würde, hätte man sich nicht automatisch gesund und abwechslungsreich ernährt. Überschätzen Sie den Nutri-Score? Untersuchungen aus Frankreich, wo der Nutri-Score weiter verbreitet ist als bei uns, zeigen, dass die Menschen anders einkaufen und Lebensmittelhersteller gesündere Produkte herstellen. Die Ampel bietet einen schnellen und einfachen Vergleich im Supermarkt. Nehmen Sie die Pizza: Wir haben in unseren Köpfen abgespeichert, Pizza kann nicht gut sein. Aber es ist möglich, eine Tiefkühlpizza mit grünem Nutri-Score herzustellen. Und dann sollten die Verbraucher eine solche auch erkennen können. Natürlich wäre es besser, wenn wir jeden Tag frisch kochen würden. Aber das ist unrealistisch. Man muss auch mal zu einem Fertigprodukt greifen. Wozu greifen Sie? Zu den veganen Nuggets der Lidl-Eigenmarke. Die kommen bei uns häufiger auf den Tisch. Wie lange dauert Ihr Supermarktbesuch? Seit ich bei Foodwatch bin, gehe ich sehr neugierig durch den Supermarkt. Ich kann dort locker eine Stunde verbringen. Vor allem die Neuheiten schaue ich mir genau an. Und stelle fest, dass viele Versprechen illegal sind. Zum Beispiel? Es gibt eine trendige Neuheit, die vor allem online verkauft wird: Produkte mit Ashwagandha. Das ist eine Pflanze aus Indien, sie gilt als traditionelles Heilmittel gegen Stress. Das getrocknete Pulver wird nun als Kapsel verkauft – für eine chillige Auszeit. Was haben Sie gegen eine chillige Auszeit? Nichts. Aber die Versprechen sind nicht wissenschaftlich belegt. Es gibt klare Regeln für die Werbung mit Gesundheitsversprechen, und diese Produkte verstoßen dagegen. Warum gelangen sie dann trotzdem in den Handel? Weil die Lebensmittelbehörden, die solche Verstöße verfolgen müssten, viel zu wenig Personal haben. Zuständig für Kontrollen – auch im Online-Bereich – sind die kommunalen Ämter in den Städten und Landkreisen, und die Kontrolleure kommen nicht hinterher. Für bundesweite Fälle wie Ashwagandha bräuchte man eine zentralisierte Behörde, die auch den Onlinehandel im Blick hat, aber die gibt es nicht. Im Kühlregal findet man jetzt überall „High-Protein“-Produkte. Eine sinnvolle Neuheit? Dass Proteine irgendwie gesund sein sollen, hat jeder schon mal gehört. Aber keiner weiß, was in den Protein-Produkten steckt. Dann sagen Sie uns das, bitte! Die Hersteller mischen oft Molke-Eiweiß unter. Das ist ein Abfallprodukt aus der Käseherstellung. Diese „High-Protein“-Produkte werden dann überteuert vermarktet. Das Dr.-Oetker-Puddingpulver ist zum Beispiel in der Proteinvariante fast doppelt so teuer wie das normale Pulver! So funktioniert Marktwirtschaft. Die Hersteller müssen ihren Gewinn steigern. Oft machen sie ihre Lebensmittel sogar ungesünder, um mehr davon zu verkaufen. Was meinen Sie? Ein Beispiel sind die Cornflakes. Sie enthielten anfangs keinen Zucker. Aber dann haben die Hersteller gemerkt, dass die Konsumenten eher die Cornflakes kaufen, in denen etwas Zucker steckt. So haben die Hersteller sich gegenseitig hochgeschaukelt. Kellogg‘s Frosties und Co. sind heute reine Zuckerbomben. In den Firmenzentralen sitzt niemand und denkt sich: Ich will die Gesellschaft überzuckern. Das ist eine Marktdynamik. Und deshalb braucht es Regeln. Welche? Neben der Nährwertampel fordern wir eine Limosteuer, denn den meisten Zucker nehmen wir über Getränke zu uns. Oft wird behauptet, die Einführung würde Limos teurer machen. Doch das stimmt nicht, denn Hersteller können den Zuckergehalt in ihren Produkten senken, um die Abgabe zu umgehen. Die schwarz-rote Koalition hat angekündigt, eine solche Steuer 2028 einführen zu wollen. Hat Sie das überrascht? Ja, überrascht und erfreut. Großbritannien hat eine solche Limosteuer, dort wird nun Süßstoff zugesetzt. Ist es wirklich gesünder, Aspartam statt Zucker zu trinken? Süßstoffe sind auf jeden Fall weniger gefährlich als Zucker. Noch besser wäre: Die Hersteller produzieren Getränke, die insgesamt weniger süß sind – das ist ja genau die Idee einer Limosteuer. Aber Aspartam steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Foodwatch selbst hat 2025 die EU-Kommission aufgefordert, dem Stoff die Zulassung zu entziehen. Ja, denn bei Aspartam gibt es aus unserer Sicht offene Fragen zur Sicherheit – und es gibt andere Süßstoffe als bessere Alternative. Wir fordern eine unabhängige Neubewertung von Aspartam, die sich nicht auf Studien stützt, die von der Industrie in Auftrag gegeben wurden. Dem ungeklärten Risiko von Süßstoffen wie Aspartam steht jedoch die völlig klare, schwere gesundheitliche Schädigung durch Zucker gegenüber. Wenn man zwischen zwei Übeln wählen muss, dann sollte man sich für das kleinere entscheiden. Bei welchem Produkt haben Sie sich selbst schon getäuscht? Bei einem isotonischen Grapefruit-Getränk! Ich habe kürzlich bei großer Hitze einen längeren Lauf gemacht, und die letzten fünf Kilometer habe ich von so einem Grapefruit-Getränk geträumt. Ich habe dann eines gekauft, angeblich kalorienarm. Beim Trinken dachte ich: ganz schön süß. Und dann sah ich, dass in der 0,5-Liter-Flasche 20 Gramm Zucker sind – fast die Hälfte der empfohlenen Tagesmenge. Durch den Lauf haben Sie aber auch einen höheren Bedarf. Was spricht eigentlich gegen Fett oder Zucker, wenn etwas dadurch besser schmeckt? Es ist ja nicht so, als hätte sich hier (greift wieder zum Corny-Riegel) ein findiger Müsliriegelbäcker überlegt, wie kann ich den besten Riegel backen? Die Lebensmittelindustrie testet diese Produkte in endlosen Varianten und schaut, bei welchem Zucker- und Fettgehalt der Drang nach ihnen am größten ist. Es fasst mich emotional an, wie viele Leute sich selbst dafür kasteien, wie schlecht sie essen. Wie viele Leute gern abnehmen würden, aber es einfach nicht schaffen. Dass es so schwer ist, kommt nicht von ungefähr. Wir kämpfen gegen ausgefeilte wissenschaftliche Methodiken, hinter denen wahnsinnig viel Geld steckt. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie noch Werbungen auswendig können, die Sie als Kind gesehen haben. Klar: Ich heiß‘ Coco, spring von Ast zu Ast, ich hab noch nie ein Frühstück verpasst! Oder: Chocos, der Knusperbär. Keiner knuspert mehr als er. Ich habe in den Achtzigern viel Zeit vor dem Fernseher verbracht. Dann natürlich Anke Huber mit der Milchschnitte. Die hätte doch kein Tennisturnier gewonnen, wenn sie so viel Milchschnitte gegessen hätte. Aber darüber habe ich damals nicht nachgedacht. Ist Ihre Arbeit als Foodwatch-Chef Ihre Rache an der Lebensmittelindustrie? Ich habe in dem Buch auch über mich und meine Jugend reflektiert. Rache ist das falsche Wort. Mir geht es um Gerechtigkeit. Ich gehöre zu den privilegierteren Menschen in dieser Gesellschaft. Aber es gibt viele andere, deren Leben durch schlechte Ernährung ruiniert wird. Das fasst mich an. Sie geben sich betont bodenständig, schreiben, dass Sie selbst Schokolade und KitKat-Riegel verdrücken. Ist das eine neue Strategie: den Normalo herauskehren, bloß nicht den Essens-Besserwisser spielen? Nein, das ist keine Strategie. Auch ich kenne diese Probleme, bin nicht zufrieden mit meinem Körper. Lange Jahre hatte ich das Gefühl, mit meiner Ernährung stimmt etwas nicht und ich kann es nicht lösen. Ich finde es wichtig, dass wir die Scham loswerden, die mit schlechter Ernährung einhergeht. Denn sie ist Teil eines Systems, einer Industrie. Sie haben bislang standhaft den Süßigkeiten-Teller ignoriert, den wir für Sie vorbereitet haben. Greifen Sie doch zu. Nee, lieber nicht.