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Chef: Verkündung der Gaskraftwende – „Der deutsche Markt ist wieder investierbar“

Wirtschaft

Audioplayer wird geladen Anzeige Als Russland seine Gaslieferungen 2022 stoppte, konnte Uniper nur noch durch Verstaatlichung vor der Pleite gerettet werden. Jetzt stellt die Bundesregierung den größten deutschen Gasversorger wieder zum Verkauf – die europäischen Wettbewerbsbehörden wollen es so und dem klammen deutschen Finanzminister ist es nur recht. Konzernchef Michael Lewis (59) skizziert eine Zukunft, in der Uniper als Kraftwerksbetreiber und Gasimporteur die Absicherung zur Energiewende liefert. WELT: Uniper wurde vor zehn Jahren als Auffangbecken für fossile und nukleare Kraftwerke aus dem E.on-Konzern ausgegliedert. Heute versorgt sich der deutsche Strommarkt allerdings im Jahresdurchschnitt zu 60 Prozent mit erneuerbarer Energie, die 80 Prozent sind in Sicht. Welche Rolle kann und will Uniper in diesem Umfeld noch spielen? Anzeige Michael Lewis: Unsere Aufgabe ist heute klarer und wichtiger als je zuvor. Die Energiewende braucht Unternehmen, die erneuerbare Energien ermöglichen und zugleich Versorgungssicherheit gewährleisten. Unsere Rolle ist die eines Experten für flexible Kapazitäten. Wir haben geeignete Standorte, das technische Know-how und erfahrene Ingenieurteams. Ohne neue Kraftwerke können wir die Energiewende nicht erfolgreich umsetzen. Bundesregierung und Bundestag haben mit dem neuen Kraftwerksgesetz dieser Realität jetzt Rechnung getragen. Das „StromVKG“ macht nach unserer Analyse den deutschen Kraftwerksmarkt wieder investierbar – und das ist dringend notwendig. Nach der Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag in der vergangenen Woche haben wir umgehend unsere Investitionspläne konkretisiert. Jetzt steht fest: Uniper plant, bis 2030 rund fünf Milliarden Euro zu investieren. Und in unserem Strategieupdate haben wir gerade festgelegt: Der Schwerpunkt der Investitionen – also mehr als die Hälfte – soll in den Geschäftsbereich „Flexible Erzeugung“ gehen. Anzeige Lesen Sie auch Weltplus ArtikelGaskraft vs. Batterie WELT: „Flexible Erzeugung“ ist ein anderes Wort für Gaskraftwerke. Das heißt, Sie investieren in den nächsten Jahren doppelt so viel in konventionelle Kraftwerke wie in den Aufbau erneuerbarer Energien? Lesen Sie auch Lewis: Wir haben immer in CO₂-arme Energie investiert und werden das auch weiterhin tun. Uniper vermarktet Strom aus Wind- und Solarparks, betreibt Wasserkraftwerke in Deutschland und Kernkraftwerke in Schweden. Unsere erneut bestätigte Strategie sieht vor, erneuerbare Energien mit durchschnittlich 500 Megawatt pro Jahr weiter auszubauen. Damit die Energiewende wirklich Erfolg hat, müssen wir ihre Absicherung durch steuerbare und vom Wetter unabhängige Kraftwerke in den Vordergrund stellen. Denn die Energiewende hat hier ihr größtes Defizit. Unsere Absicht ist es, das verlässliche Rückgrat der Strom- und Gasversorgung zu sein. WELT: Vereinfacht gesagt: Den schwankenden Wind- und Solarstrom liefern andere – und Uniper liefert die Sicherheit dazu? Lewis: Wenn wir unsere Kohlekraftwerke stilllegen und unser Energiesystem weiter elektrifizieren wollen – mit Wärmepumpen, Elektroautos, Industrie und Rechenzentren –, dann wird die Stromnachfrage deutlich steigen. Zugleich haben wir wegen des Kohleausstiegs immer weniger verlässliche Erzeugungskapazitäten. Da entsteht eine Lücke. Uniper ist prädestiniert dafür, diese Lücke zu füllen. Lesen Sie auch WELT: Was genau will Ihr Konzern beitragen? Lewis: Wir verfügen in der Nähe von Hanau in Hessen und in Gelsenkirchen in Nordrhein-Westfalen über zwei hervorragende Standorte, an denen neue, hochmoderne Gaskraftwerke sehr schnell abgeschaltete Kohlekraftwerke ersetzen können. Was anderswo knapp ist, ist dort verfügbar: Netzanschluss-Kapazitäten und Erdgasleitungen. Der Anschluss ans Wasserstoffkernnetz ist fest geplant, sodass die Kraftwerke später mit klimaneutralem Brennstoff betrieben werden können. Im Laufe des Jahres 2031 können wir dort rund 1,7 Gigawatt Leistung bereitstellen. WELT: Der Bund versteigert jetzt in einem ersten Schritt Fördergelder für neue Kraftwerke mit zwölf Gigawatt Leistung. Ein Anteil von weniger als zwei Gigawatt für Uniper sieht nicht nach einer Wachstumsstory aus. Werden sich da Investoren für Uniper interessieren, wenn der Bund den Konzern wie geplant bis 2028 privatisiert? Lewis: Den Bau von zwei wasserstofffähigen Gaskraftwerken in dieser Dimension würde ich nicht unterschätzen – ebenso wenig seine Bedeutung. Ein einziges Kraftwerk dieser Größenordnung kann rechnerisch eine Großstadt wie Düsseldorf inklusive Industrie in Spitzenzeiten versorgen. Hinzu kommt: Wir haben eine Reihe weiterer Projekte, mit denen wir uns auf die Teilnahme am zukünftigen Kapazitätsmarkt vorbereiten. Denkbar ist zum Beispiel, dass dann auch Gaskraftwerke mit blauem Wasserstoff und CCS-Technologie zum Zuge kommen. Ob das günstiger ist als der Betrieb mit grünem Wasserstoff, testen wir gerade in einem neuen Gaskraftwerk in Killingholme in England. WELT: Laut Bundesnetzagentur könnten wir noch viel mehr Gaskraftwerke brauchen, um die Stromversorgung in mehrtägigen Dunkelflauten ohne Wind und Sonne zu sichern. Wird der Neubau eines ganzen Kraftwerksparks zur Absicherung des schwankenden Grünstroms teuer für die Verbraucher? Lewis: Die entscheidende Frage ist: Was ist teurer? Die Kraftwerke, die wir für die Energiewende brauchen, oder die Stromlücken, die ohne sie entstehen? Eine sichere Energieversorgung ist zentraler Standortfaktor. Unternehmen investieren dort, wo sie darauf vertrauen können, dass Energie jederzeit verfügbar ist. Wasserstofffähige Gaskraftwerke sind auch aus unserer Sicht der beste Kompromiss aus Sicherheit, Bezahlbarkeit und Klimaschutz. WELT: Uniper zählt Großbritannien und Schweden zu seinen Kernmärkten. Dort planen die Regierungen, kleine modulare Atomkraftwerke, sogenannte Small Modular Reaktor zu bauen. Sind diese SMR für Sie eine Option beim Bereitstellen gesicherter Leistung? Lewis: Wir sind in Schweden an den drei Kernkraftwerken Ringhals, Forsmark und Oskarshamn beteiligt, bei letzterem als Mehrheitseigentümer. Unser stillgelegtes Kernkraftwerk Barsebäck wird dort gerade zurückgebaut. Dass wir bei einer Laufzeitverlängerung der Anlagen mitgehen würden, ist wahrscheinlich. Neubauten großer Reaktoren haben wir derzeit nicht geplant; sie dauern lange, sind kapitalintensiv und würden unsere Bilanz überstrapazieren. Wir verfolgen aber die Entwicklung von SMRs sehr genau – und in Schweden sind wir an einem Forschungsprojekt beteiligt, das neue Materialien und Komponenten für die Reaktortechnologien der Zukunft testet. WELT: Energiewende-Fans könnten Ihren Fokus auf Versorgungssicherheit und Gaskraftwerke als Misstrauensvotum werten. Zum Teil wird behauptet, der Bedarf an Gaskraftwerken werde von einer „fossilen Lobby“ übertrieben dargestellt, die Energiewende würde auch mit mehr Batteriespeichern funktionieren. Lewis: Es gibt keinen Widerspruch zwischen Batterien und Gaskraftwerken. Sie arbeiten zusammen, damit die Energiewende erfolgreich wird. Das ist eigentlich ganz einfach. Batteriespeicher brauchen wir, um Produktionsschwankungen kurzfristig auszugleichen. Uniper zum Beispiel baut Wind- und Solarparks nur noch mit angeschlossenen Batteriespeichern. Zur Bewältigung von mehrtägigen Dunkelflauten allerdings sind Gaskraftwerke unverzichtbar. Die haben unter anderem den Vorteil, dass sie mit den Schwungrädern ihrer Generatoren auch eine sogenannte Momentanreserve bereitstellen, die hilft, die Frequenz im Stromnetz stabil zu halten. Das spart immense Kosten für den Netzbetreiber und damit letztlich für den Verbraucher. Ein Gaskraftwerk ist sozusagen das Gesamtpaket, das nicht nur Strom für lange Dunkelflauten, sondern auch Systemdienstleistungen bereitstellt. WELT: Uniper musste verstaatlicht werden, weil das Unternehmen nach dem Stopp russischer Gaslieferungen Verträge nicht mehr erfüllen konnte. Wie beruhigen Sie Investoren, dass so etwas nicht noch einmal passiert, wenn der Bund das Unternehmen in den nächsten zwei Jahren privatisiert? Lewis: Wir haben aus der Energiekrise 2022 gelernt und haben unser Gasportfolio neu aufgebaut. Eine starke Diversifizierung unserer Lieferketten ist das beste Mittel gegen einseitige Abhängigkeiten. Wir haben langfristige Verträge mit Lieferanten wie ConocoPhillips, Tourmaline und Woodside abgeschlossen, unser Gas kommt heute aus den USA, Norwegen, Australien oder Kanada. Doch Diversifizierung endet nicht bei der Beschaffung. Sie ist das Grundprinzip eines resilienten Energieportfolios. Übrigens nicht nur beim Gas. Das sehen wir in diesem Jahr zum Beispiel auch bei unseren Wasserkraftwerken: Die Füllstände der skandinavischen Wasserreservoire im ersten Halbjahr liegen deutlich unter dem saisonalen Mittel, die Zuflüsse in den Alpen ebenso. Und selbst ein Kernkraftwerk wie unser schwedisches Oskarshamn kann mal einige Monate stillstehen. Solche Ausfälle hinterlassen natürlich auch Spuren in den Ergebnissen – auch aktuell, wobei wir auf das Jahr gesehen zuversichtlich sind, die erwarteten Ziele zu erreichen. Das Beispiel zeigt, dass ein breites Portfolio umso wichtiger ist. WELT: Die Strompreise werden hauptsächlich durch Betriebskosten von Gaskraftwerken bestimmt. Der Iran-Krieg hat Gas teuer gemacht. Andererseits bringen die USA und andere Länder in den kommenden Jahren große Flüssiggas-Kapazitäten an den Markt. Wird der Brennstoff am Ende teurer oder billiger? Lewis: Wir erwarten, dass das Preisniveau langfristig deutlich über dem Preis liegen wird, der vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine üblich war. Bestimmt wird der Gaspreis künftig durch die Grenzkosten der US-amerikanischen Schiefergas-Produktion. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben. Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft und Klimapolitik. Er wurde 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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