Chef wollte Putin wohl zu Friedensabkommen drängen – der soll die USA geschwächt sehen
Nach der überraschenden Reise des CIA-Chefs John Ratcliffe nach Moskau am Dienstag werden mehr Details zu den Hintergründen bekannt. Konkret ging es offenbar darum, Russland vor einer Eskalation in Form eines hybriden oder militärischen Angriffs gegen einen Nato-Staat zu warnen. Das berichteten „Politico“ und das „Wall Street Journal“ übereinstimmend.
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) nennt Luftschläge oder einen kleinen Vorstoß mit Bodentruppen jeweils im Baltikum als ein denkbares Szenario – als Test der Reaktionsfähigkeit der Nato. Kremlsprecher Dmitrij Peskow dementierte Pläne dieser Art und sprach von „Schauermärchen“.
„Schaurig“ für die russische Führung hingegen dürfte der zweite Grund von Ratcliffes Reise gewesen sein. Wie die „New York Times“ berichtet, nutzte der CIA-Direktor den Besuch auch, um dem Chef des russischen Geheimdienstes FSB, Alexander V. Bortnikow, „unter vier Augen“ zu einem Friedensabkommen mit der Ukraine zu raten.
Angesichts der „düsteren militärischen und wirtschaftlichen Lage Russlands“, erklärte Ratcliffe demnach gegenüber Bortnikov, sei es an der Zeit, dass Moskau ernsthafte Verhandlungen zur Beendigung des Krieges aufnehme. Bereits im vergangenen Monat hatte der CIA-Direktor klare Worte gefunden – und auf die russischen Truppenverluste im Krieg und Moskaus Unfähigkeit, auf dem Schlachtfeld vorzurücken, verwiesen.
Putin soll Trump wegen des Iran-Kriegs für geschwächt halten
Die Lebenserwartung eines russischen Soldaten an der Front betrage, so Ratcliffe, weniger als 35 Minuten. Russland habe in den 18 Monaten seit seinem Amtsantritt nur etwa ein Prozent des gesamten ukrainischen Territoriums hinzugewonnen – eine Entwicklung, die er der „Beherrschung“ der Drohnentechnologie durch die Ukraine zuschrieb.
Vor seiner Reise habe sich Ratcliffe mit seinen ukrainischen Amtskollegen abgesprochen und ihnen versichert, dass er die russische Position ausloten und nicht im Namen der Ukrainer Zugeständnisse machen werde.
Zugleich soll er in Moskau keinerlei Drohungen hinsichtlich möglicher Konsequenzen für die russische Seite geäußert haben, sollte Präsident Wladimir Putin die Einschätzung der CIA ignorieren und sich für die Fortsetzung der Kämpfe entscheiden.
Die „Washington Post“ berichtete nun am Donnerstag (Ortszeit), Ratcliffe habe seine Reise nach Moskau auch im Wissen um neue US-Geheimdienstinformationen angetreten. Diese deuteten darauf hin, dass der Kreml die USA wegen des Krieges gegen den Iran als geschwächt betrachtet und darin eine Gelegenheit sieht, sein Vorgehen gegen amerikanische Interessen und Verbündete in Europa zu verschärfen.
Iran-Krieg kostet die USA viel Munition
Dies ist eine Folge etlicher Berichte über eine verringerte Einsatzbereitschaft der US-Truppen und Engpässe bei der Munition infolge des langwierigen Krieges gegen das Regime in Teheran.
Das Blatt verweist darauf, dass die US-Militärbestände an wichtigen Waffen stark geschrumpft seien. Dazu zählen Patriot-Systeme und andere Luftabwehr ebenso wie hoch entwickelte Angriffswaffen, etwa Tomahawk-Marschflugkörper und das taktische Kurzstreckenraketensystem ATACMS der US-Armee, das auch in der Ukraine dringend benötigt wird.
Bei Ratcliffes Reise nach Moskau ging es „weniger darum, dass Putin in der Klemme steckt“, weil seine Armee eine Pattsituation auf dem ukrainischen Schlachtfeld nicht durchbrechen konnte, „sondern vielmehr darum, dass Russland einschätzt, dass wir erschöpft sind und nicht eingreifen können“, sagte eine der mit der Angelegenheit vertrauten Personen der Zeitung.
Ratcliffe habe russischen Beamten mitgeteilt, dass eine deutliche Eskalation des Krieges in der Ukraine durch Putin Trump näher an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj heranführen würde, so diese Person.
Ob Ratcliffes Nachricht den Kremlchef überhaupt erreichen wird, ist ungewiss. CIA-Analysten und Russland-Experten bezweifeln, dass Wladimir Putins Berater ihm gegenüber ehrliche Einschätzungen über den Verlauf und die Folgen des Krieges geben.
Einige Beamte, so heißt es in dem Bericht, äußerten die Hoffnung, dass Putin als ehemaliger Geheimdienstoffizier eine Botschaft des CIA-Direktors als dringlicher und glaubwürdiger einstufen würde als Mitteilungen über die üblichen diplomatischen Kanäle.
Ob Ratcliffes Besuch ein Hinweis darauf ist, dass sich die Strategie der US-Regierung hinsichtlich Russlands verändert hat, ist nicht bekannt. Die Verhandlungen um eine Waffenruhe stehen seit Monaten still und der Krieg wird in aller Härte weitergeführt.