China tappt in eine Erneuerbaren-Falle, die Deutschland seit Jahren kennt
China baut Wind- und Solarkraft weiter in einem Tempo aus, das weltweit heraussticht. Nach Daten vom Global Energy Monitor (GEM) waren zuletzt 180 Gigawatt Solarkraft und 159 Gigawatt Windkraft im Bau. Zusammen ist das fast doppelt so viel wie im Rest der Welt. Das Problem: Ein großer Teil dieser Anlagen entsteht in Regionen, in denen vergleichsweise wenig Strom verbraucht wird. Vor allem im Norden und Nordwesten Chinas gibt es viel Fläche und gute Bedingungen für große Solar- und Windparks. Die großen Verbrauchszentren liegen aber häufig weit entfernt im Osten und Süden des Landes. Damit wächst ein Engpass, der auch in Europa bekannt ist: Der Strom wird dort produziert, wo er nicht unmittelbar gebraucht wird. Netze und Speicher geraten unter Druck Genau deshalb wird der Ausbau der Stromnetze immer wichtiger. Global Energy Monitor verweist darauf, dass die großen Wind- und Solarparks stark auf Ultra-Hochspannungsleitungen angewiesen sind, um Strom über weite Distanzen zu transportieren. Gleichzeitig heißt es dort, dass die derzeit im Bau befindlichen Leitungen für den anhaltenden Ausbau nicht ausreichen. Auch der Thinktank Ember beschreibt, dass mit dem Rekordzubau die Integrationsprobleme wieder zunehmen. Demnach steigen die Abregelungsraten landesweit wieder an. Das heißt: Ein Teil des Stroms aus erneuerbaren Quellen kann zeitweise nicht vollständig genutzt oder abtransportiert werden. Gleichzeitig verweist Ember darauf, dass China mit beschleunigtem Netzausbau und mehr Speichern gegensteuern will. Bekanntes Problem, nur in deutlich größerem Maßstab Das Grundproblem ist nicht neu. Schon länger zeigt sich in vielen Ländern, dass Stromnetze, Speicher und flexible Lasten mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen Schritt halten müssen. Das Kleinman Center for Energy Policy der University of Pennsylvania erklärt, dass in China ein Großteil der großen Wind- und Solarparks in dünn besiedelten Regionen mit geringer lokaler Nachfrage entstanden ist. Als Hauptgründe für Abregelung nennt die Analyse vor allem Netzengpässe und mangelnde Systemflexibilität. Im Unterschied zu Europa ist die Dimension in China allerdings noch einmal deutlich größer. Der weltweit größte Strommarkt verschiebt enorme Mengen erneuerbarer Erzeugung in Regionen, aus denen der Strom erst über tausende Kilometer zu Industriezentren und Ballungsräumen gelangen muss. China investiert trotz steigenden Drucks Dass Peking das Problem erkannt hat, zeigen auch die Investitionen. Die Internationale Energieagentur verweist in ihrem Bericht zu China auf einen starken Ausbau von Netzen, Speichern und intelligenter Infrastruktur. Für Übertragungs- und Verteilnetze nennt die IEA Investitionen von 88 Milliarden US-Dollar. Trotzdem dürfte genau hier in den kommenden Jahren eine der wichtigsten Fragen der chinesischen Energiewende liegen: Nicht nur der Zubau von Windrädern und Solaranlagen entscheidet, sondern auch, ob der Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort ankommt. Denn hohe Ausbauzahlen allein reichen nicht, wenn ein wachsender Teil der Erzeugung im Netz stecken bleibt.