Chinas riesige Erdlöcher sind Zufluchtsort für einen seltenen Baum - gefährden ihn aber gleichzeitig
Riesige Löcher im Boden, bis zu 626 Meter tief: In China faszinieren sogenannte Tiankengs wie „Xiaozhai“ seit geraumer Zeit die Wissenschaft. Was die Landschaft so interessant macht, ist die Tatsache, dass die Karst-Senken bewaldet sind und sich so enorme Steinwände im Hintergrund grüner Wälder in die Höhe recken. Obwohl diese ungewöhnliche Umgebung eine Art Schutzraum für viele Pflanzen darstellt, könnten sie langfristig ihr Aussterberisiko erhöhen. Das haben Forscher in neuen Studien herausgefunden, so „Discover Wildlife“. Weniger Vielfalt, mehr Mutationen: Isolation hilft und schaden Pflanzen Die von Wissenschaftlern der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS) sowie des Guangxi-Instituts für Botanik geleitete und im Journal „Current Biology“ veröffentlichte Studie legt nahe, dass einige Pflanzenarten genau durch ihre Abgeschiedenheit in den „Löchern“ bedroht werden. Diese Erkenntnis machen die Forscher an einer seltenen, immergrünen Magnolie (Magnolia aromatica) fest. Als sie das Erbgut von 112 Magnolien untersuchten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Senken, zeigte sich eine Besonderheit: Die Populationen auf dem Grund der Tiankengs besitzen laut „Discover Wildlife“ eine geringere genetische Vielfalt und tragen mehr schädliche Mutationen in sich als ihre Verwandten außerhalb. ANZEIGE ANZEIGE Kurioser Dualismus: Pflanzen könnten für ihren eigenen Untergang sorgen Tiankengs wären nicht einfach nur sichere Rückzugsorte, erklärt mit Kang Ming einer der Co-Autoren der Studie. Die geschützte Umgebung helfe den Pflanzen zwar einerseits, “doch ihre abgeschiedene Lage kann Populationen auch isolieren und die [...] genetische Vielfalt nach und nach zermürben.“ Paradoxerweise könnte also genau der Rückzugsort, der die Pflanzen heute schützt, ihre Überlebenschancen auf lange Sicht verschlechtern. Warum also wächst Magnolia aromatica überhaupt in diesen Sinklöchern? Experimente zeigen, dass junge Pflanzen im Schatten zu 50 bis 90 Prozent überlebten und wuchsen, bei Sonnenlicht gingen sie hingegen schnell ein. Einerseits benötigen die Magnolien also die schattigen Senken, andererseits nimmt so ihre genetische Vielfalt ab. Ein Grund, wieso Kang Ming für mehr Naturschutz aufruft, um die entsprechenden Arten zu schützen. Nur 300 weltweit: So faszinierend und selten sind Tiankengs Dass sich auf dem Grund dieser Senken überhaupt Wälder entwickeln können, liegt an ihrer Entstehungsgeschichte und Größe: Laut „Showcaves“ ist ein Tiankeng (auf Chinesisch „Himmelsloch“) eine extrem seltene Form der Karstdoline: Per Definition gilt eine Senke auch erst dann als Tiankeng, wenn sie mindestens 100 Meter tief und breit ist und von Felswänden eingerahmt wird. Weltweit sind laut „Unesco“ bislang nur etwa 300 dieser Riesendolinen entdeckt worden, die Mehrheit davon im Südwesten Chinas. Sie entstehen über Jahrmillionen durch das Zusammenspiel von Wasser und Kalkgestein, wie „Earth.com“ ausführt: Unterirdische Flüsse waschen Höhlensysteme aus, bis deren Decken irgendwann einstürzen und tiefe Krater hinterlassen. Das weltweit bekannteste und tiefste Exemplar ist das Xiaozhai Tiankeng in Chongqing. Eigene Ökosysteme: Deshalb lieben es die Magnolien in Tiankengs Wie eine Studie im Journal Scientific Reports erklärt, sind Dolinen durch die extrem steilen Felswände weitgehend vom Umland abgeschnitten. So entstehen abgeschirmte Ökosysteme mit hoher Luftfeuchtigkeit, schattigen Bedingungen und stabilen Temperaturen. Forscher bezeichnen Tiankengs deshalb oft als „Inseln“ oder „Refugien“: Sie bewahren Pflanzengattungen und Tierarten, die in der Außenwelt längst ausgestorben sind oder dort unter dem Klimawandel leiden.