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Chinas Wirtschaft: Kampf um Lebensmittel - Hunger wird zur Machtfrage

Welt

Machtkampf mithilfe des Hungers China dreht den Spieß um Eine Analyse von Patrick Diekmann 17.08.2026 - 13:15 UhrLesedauer: 6 Min. China braucht Lebensmittel aus dem Ausland. Doch seine gewaltige Nachfrage schafft Abhängigkeiten – und verschafft Peking ein Druckmittel gegenüber den USA und anderen Staaten. Bei den Reisbauern Thailands zeigte sich im Frühjahr 2026, welche Folgen Chinas Ernährungspolitik weit über die eigenen Grenzen hinaus haben kann. Der britische Sender BBC sprach mit Pratheuang Piamsomboon, einer 48-jährigen Reisbäuerin aus dem Bezirk Nong Chok in Bangkok, über die stark gestiegenen Preise für Dünger. Sie sagte: "Die Härte ist unmöglich in Worte zu fassen." Der Krieg gegen den Iran hat die Versorgung mit Düngemitteln durcheinander gebracht. Durch die weitgehend blockierte Straße von Hormus läuft normalerweise rund ein Drittel des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Düngers. Zugleich hat China im März die Ausfuhr mehrerer Düngersorten gestoppt. Für Peking hat die eigene Ernährungssicherheit Vorrang. Denn mit dem Wohlstand ist auch der Appetit der chinesischen Bevölkerung gewachsen. Andere Staaten wiederum sind auf den chinesischen Absatzmarkt oder wichtige Vorprodukte aus der Volksrepublik angewiesen. Daraus resultiert ein Paradox der chinesischen Wirtschaftspolitik: Ausgerechnet eine der größten Verwundbarkeiten des Landes verschafft Peking politischen Einfluss. China braucht die Welt, um seine Bevölkerung zu versorgen. Doch weil kaum ein anderer Markt eine vergleichbare Nachfrage bietet, kann die Volksrepublik mitentscheiden, wer daran verdient – und wer nicht. Der Lebensmittelsektor ist deshalb weit mehr als eine Frage der Versorgung. Er ist zu einem wichtigen Bestandteil der chinesischen Außenwirtschaftspolitik geworden. Wohlstand verändert Chinas Speiseplan Noch 2001 waren rund zehn Prozent der chinesischen Bevölkerung unterernährt. Seit 2010 liegt der Anteil bei weniger als drei Prozent. Zugleich stieg zwischen 2000 und 2025 die chinesische Produktion von Schweine-, Geflügel- und Rindfleisch um fast 55 Prozent, die von Milchprodukten sogar um 342 Prozent. Doch der Konsum wuchs schneller. China ist heute der größte Verbraucher von Fleisch und Fisch weltweit und konsumiert mehr als 30 Prozent der globalen Menge. Gegenüber dem Jahr 2000 waren die Fleischimporte 2025 um rund 669 Prozent gestiegen, die Einfuhren von Milchprodukten um mehr als 1.750 Prozent. Auch die Fleischproduktion erhöht den Bedarf aus dem Ausland. China benötigt große Mengen Futtermittel. 2023 wurden fast 85 Prozent der Sojabohnen importiert. Insgesamt erreichten die chinesischen Lebensmittelimporte in jenem Jahr einen Wert von 215 Milliarden US-Dollar. Das unterscheidet die Landwirtschaft von anderen Bereichen der chinesischen Wirtschaftspolitik. Bei Elektroautos, Solarmodulen oder Batterien hat Peking gewaltige Produktionskapazitäten aufgebaut und sucht Käufer. Bei zahlreichen Agrargütern sucht China Lieferanten. Für Xi Jinping ist das ein Sicherheitsproblem. Xi rät Chinesen, ihre "Reisschüssel fest in den eigenen Händen halten" China muss rund ein Fünftel der Weltbevölkerung ernähren, verfügt aber über weniger als zehn Prozent der weltweit verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche. Übernutzung hat Böden geschädigt, in wichtigen Agrarregionen fehlt Wasser, andernorts bedrohen Überschwemmungen die Ernten. Wissenschaftler gehen laut einem Bericht des US-Magazins "Foreign Affairs" davon aus, dass Urbanisierung und Bodenschäden Chinas Produktionskapazität für Lebensmittel bis 2050 um bis zu 18 Prozent verringern könnten. Diese politische Brisanz ist nicht neu in der chinesischen Geschichte. Während der durch Maos Politik ausgelösten großen Hungersnot von 1959 bis 1961 starben rund 30 Millionen Menschen. Ende der Achtzigerjahre verschärften steigende Lebensmittelpreise erneut die gesellschaftliche Unzufriedenheit. Xi forderte deshalb von der eigenen Regierung, die Chinesen sollten ihre "Reisschüssel fest in den eigenen Händen halten". China soll also daran arbeiten, sich aus eigenen Kräften versorgen zu können. Peking schützt landwirtschaftliche Flächen und fördert die Produktion wichtiger Grundnahrungsmittel. Bei Reis, Weizen und Mais ist China heute nahezu Selbstversorger. Zusätzlich lagert der Staat enorme Vorräte. Nach Schätzungen des US-Landwirtschaftsministeriums befinden sich in China etwa 44 Prozent der weltweiten Weizenreserven, 53 Prozent der Reisreserven und 59 Prozent der Maisreserven. Wie groß und qualitativ hochwertig die Bestände tatsächlich sind, behandelt Peking als Staatsgeheimnis. Aber eines liegt auf der Hand: Sie verschaffen der Führung im Krisenfall Zeit. Krieg würde China empfindlich treffen Für China wäre eine Unterbrechung des Welthandels besonders gefährlich. Ein Krieg um Taiwan könnte Transportwege gefährden und westliche Sanktionen auslösen. Peking müsste dann verhindern, dass Versorgungsprobleme die Preise hochtreiben und zivile Unruhen auslösen. Loading... Loading... Loading... Wie schnell äußere Krisen die Versorgung treffen können, zeigte Russlands Angriff auf die Ukraine. Die weltweiten Lebensmittelpreise erreichten Rekordwerte, China verlor zeitweise den Zugang zu ukrainischem Mais. Deshalb sichert Peking zunehmend auch die Mittel, die für die eigene Agrarproduktion benötigt werden. 2025 stellte China rund ein Viertel der weltweiten Düngerproduktion und exportierte Dünger im Wert von mehr als 13 Milliarden US-Dollar. Die chinesischen Ausfuhrbeschränkungen für Dünger im Frühjahr 2026 zeigen, dass Chinas Einfluss inzwischen über Lebensmittel hinausreicht: Er erfasst auch die Mittel, mit denen andere Länder ihre Ernten erzeugen. Käufer bestimmt die Regeln Doch noch größer ist Pekings Einfluss als Kunde. 2025 importierte China Agrarprodukte und Meeresfrüchte im Wert von mehr als 207 Milliarden US-Dollar. Für mindestens 32 Volkswirtschaften gehörte die Volksrepublik zu den drei wichtigsten Absatzmärkten für Agrargüter. Brasilien zeigt, welche Abhängigkeiten daraus entstehen können. 2005 gingen weniger als acht Prozent seiner Agrarexporte nach China. 2025 waren es 33 Prozent. In Australien stieg der Anteil im selben Zeitraum von zehn auf 22 Prozent. Hier liegt Pekings Vorteil: China kann häufig zwischen Lieferanten wählen. Ein großer Markt wie China als Exportziel kann dagegen schwieriger ersetzt werden. Immerhin leben in der Volksrepublik mehr als 1,4 Milliarden Menschen. Diese Asymmetrie setzt die Führung politisch ein. Nach einer Analyse der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies verhängte China seit 2010 in 26 Fällen Zwangsmaßnahmen im Agrarhandel, allein fünfmal 2025. Kanada trafen Beschränkungen nach seinen Zöllen auf chinesische Elektroautos. Doch Importe als Machtinstrument zu nutzen, funktioniert nicht immer. Wie begrenzt diese chinesische Macht sein kann, zeigte zum Beispiel Australien. Peking versperrte australischen Produkten im politischen Konflikt im Jahr 2021 den Zugang zum chinesischen Markt und verursachte damit erhebliche wirtschaftliche Schäden. Canberra änderte seinen politischen Kurs jedoch nicht grundlegend, sondern zog gegen chinesische Maßnahmen bei Gerste und Wein vor die Welthandelsorganisation (WTO). 2023 und 2024 hob China die Beschränkungen schließlich wieder auf. USA besonders verwundbar Trotzdem bleiben die Importe für Peking ein Machtinstrument. Für die Vereinigten Staaten ist das besonders heikel. Die US-Landwirtschaft besitzt erhebliches politisches Gewicht. Viele Farmer leben in Bundesstaaten, die für Donald Trump und die Republikaner wichtig sind. 2025 setzte Peking als Reaktion auf Trumps "Liberation Day"-Zölle die Einfuhr von Sojabohnen aus den USA für mehrere Monate aus. Wie weit China mittlerweile seine Bezugsquellen verschoben hat, zeigen die Zahlen vom Juni 2026: Von 13,55 Millionen Tonnen importierter Sojabohnen kamen 12,08 Millionen aus Brasilien und nur 1,27 Millionen aus den USA. China braucht Soja – aber nicht zwingend amerikanisches. Doch diese Strategie hat für Peking Grenzen. Eine stärkere Abhängigkeit von Brasilien verlagert das Versorgungsrisiko. Dürren und Ernteausfälle können dort die Produktion treffen. Zudem kamen 2023 noch 46 Prozent der chinesischen Agrarimporte aus den USA sowie deren Nato- und asiatisch-pazifischen Verbündeten. Chinas langfristiges Ziel geht deshalb über die Suche nach neuen Lieferanten hinaus: Die heimischen Erträge sollen steigen. Saatgut wird zur strategischen Ressource Xi Jinping machte deshalb schon vor vielen Jahren einen Plan. 2017 kaufte der staatliche Konzern ChemChina für 43 Milliarden US-Dollar den Schweizer Saatgut- und Pflanzenschutzkonzern Syngenta. Seitdem investiert Peking massiv in Pflanzenzüchtung, gentechnisch veränderte Sorten und biotechnologische Forschung. Das chinesische Landwirtschaftsministerium bezeichnet Saatgut als die "Chips" der Landwirtschaft – also mit Verweis auf die wichtigen Technochips und Halbleiter als Schlüsseltechnologie, auf der die weitere Produktion aufbaut. China ist inzwischen der weltweit größte Geldgeber für landwirtschaftliche Forschung und Entwicklung. Neue biotechnologisch entwickelte Maissorten steigerten die Erträge um rund zehn Prozent. Gleichzeitig sanken Chinas Maisimporte von 23 Millionen Tonnen 2023 auf sechs Millionen Tonnen zwei Jahre später. Bei bestimmten Vitaminen und Aminosäuren für Tierfutter reicht Chinas Anteil an der Produktion bereits von 80 bis 100 Prozent. Für die USA entsteht daraus eine Gegenabhängigkeit. Würde Washington in einer Krise Agrarausfuhren nach China beschränken, könnte Peking seinerseits Lieferungen wichtiger Stoffe für die amerikanische Viehhaltung erschweren. Damit verschiebt sich der Wettbewerb vom Handel mit Lebensmitteln zur Kontrolle über ihre Produktionsgrundlagen. Der nächste Konflikt beginnt auf dem Acker Für Washington und andere Regierungen stellt sich deshalb zunehmend die Frage, wie viel Abhängigkeit sie in diesem Bereich hinnehmen wollen. Sie könnten Bezugsquellen für Dünger und Futtermittelzusätze verbreitern, eigene Saatgutforschung fördern oder chinesische Beteiligungen an wichtigen Agrarunternehmen strenger prüfen. Damit könnte sich in der Landwirtschaft eine Entwicklung wiederholen, die bei anderen strategischen Gütern längst begonnen hat: Auf Abhängigkeit folgt der Versuch, neue Lieferketten aufzubauen. Für China würde das bedeuten, dass ausgerechnet der Erfolg seiner Wirtschaftspolitik Gegenkräfte mobilisiert. Wie weit diese Entkopplung im Lebensmittelsektor gehen kann, ist offen. Nahrung lässt sich nicht beliebig ersetzen, Anbauflächen lassen sich nicht verlagern wie Fabriken, und Ernten richten sich nicht nach geopolitischen Bündnissen. Genau deshalb dürfte der Kampf um Ernährungssicherheit an Bedeutung gewinnen. In einer Welt wachsender Handelskonflikte wird Macht nicht nur daran gemessen, wer die wichtigsten Technologien beherrscht. Sondern auch daran, wer im Krisenfall noch eine volle Reisschüssel hat. Verwendete Quellen foreignaffairs.com: "China’s Hunger Games" (kostenpflichtig, englisch) spiegel.de: "Asiens Reisbauern droht der Dünger auszugehen" nzz.ch: "Wie ernährt China seine Bevölkerung?" (kostenpflichtig) zeit.de: "Erst wird Sprit unbezahlbar, dann Lebensmittel" (kostenpflichtig) agrarheute.com: "US-Landwirte in der Krise: Trumps Agrar-Politik stärkt China und Brasilien" foreignaffairs.com: "The Next Global Economic Crisis Will Be Made in China" (kostenpflichtig, englisch) Quellen anzeigen Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... ShoppingAnzeigen Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading...

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