Cholesterinsenker: Schützen sie neben dem Herz auch das Gehirn?
Menschen mit Typ-2-Diabetes haben häufig auch erhöhte Werte des „schlechten“ LDL-Cholesterins. Dadurch steigt ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Um dieses zu senken, wird neben einer Lebensstiländerung (gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion, mehr Bewegung) auch die Einnahme von Medikamenten wie Statinen angeraten.
Jetzt zeigt eine große Studie: Erhalten Menschen mit Typ-2-Diabetes frühzeitig Statine zur Cholesterinsenkung, senken sie damit nicht nur ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie können auch das Risiko für Demenz um 15 Prozent reduzieren.
Die Studie wurde am Europäischen Kardiologenkongress in München präsentiert und im Fachjournal The Lancet Regional Health - Europe veröffentlicht.
Warum unbehandelter Diabetes ein Risiko ist
Besonders unbehandelter Diabetes ist ein Risikofaktor für geistigen Abbau und Demenz. Menschen mit Diabetes Typ 2 haben ein bis zu vierfach erhöhtes Risiko für vaskuläre Demenz, aufgrund von Durchblutungsstörungen im Gehirn. Das Risiko für eine Alzheimerdemenz ist um das Eineinhalb- bis Zweifache erhöht.
LDL-Cholesterin fördert die Plaquebildung, und die daraus resultierenden Störungen der Blutversorgung des Gehirns sind die Ursache für das erhöhte Demenzrisiko.
„Wir haben die Hypothese aufgestellt, dass die frühzeitige Verordnung von cholesterinsenkenden Statinen nach der Diagnose von Typ-2-Diabetes mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sein könnte“, erläuterte der Kardiologe Tummas Ternhamar vom Universitätsklinikum in Kopenhagen in Dänemark.
Etwa 45 Prozent aller Demenzfälle weltweit könnten durch die Vermeidung oder Behandlung von 14 beeinflussbaren Risikofaktoren über die Lebensspanne verhindert oder hinausgezögert werden.
Die Erkennung und Behandlung erhöhter LDL-Cholesterinwerte ab der Lebensmitte ist eine der Maßnahmen zur Senkung des Risikos, betonte Ternhamar.
Wer das geringste Risiko hatte
Für diese bisher größte Studie zu diesem Thema haben die Autorinnen und Autoren um Ternhamar die Daten von mehr als 132.000 Menschen in Dänemark zwischen 2006 und 2021 ausgewertet. Zu Studienbeginn war noch niemand an Typ-2-Diabetes erkrankt und niemand nahm Statine ein.
Bei den Typ-2-Diabetes-Erkrankungen, die dann ab 2006 in der Kohorte auftraten, wurden drei Gruppen unterschieden:
Jene, die innerhalb eines Jahres nach der Diabetes-Diagnose mit der Statineinnahme begannen.
Jene, die innerhalb von einem bis fünf Jahren nach der Diabetes-Diagnose regelmäßig Statine einnahmen.
Und jene, die auch fünf Jahre nach der Diagnose keine Statine eingenommen hatten.
Innerhalb von sieben Jahren wurde bei 2,7 Prozent der Patientinnen und Patienten eine Demenz diagnostiziert:
In der Gruppe jener Diabetes-Patienten, die frühzeitig (innerhalb eines Jahres nach der Diabetes-Diagnose) Statine erhielten, war das Demenzrisiko über einen Zeitraum von zehn Jahren um 15 Prozent reduziert, im Vergleich zu jenen, die keine Statine eingenommen hatten.
In der Gruppe, die zumindest innerhalb der ersten fünf Jahre mit der Einnahme von Statinen begannen, war das Demenzrisiko immerhin noch um 10 Prozent reduziert.
Die Kardiologin Isabel Goncalves vom Kommunikationsteam der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie sagte zu den Ergebnissen: „Menschen mit Typ-2-Diabetes haben bereits ein höheres Risiko für Demenz. Ihnen wird empfohlen, den Cholesterinspiegel zu senken, um das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall zu reduzieren. Diese Studie deutet darauf hin, dass der frühzeitige Beginn einer Statintherapie nach der Diagnose von Typ-2-Diabetes möglicherweise mit einer moderaten Reduktion des Demenzrisikos verbunden ist. Da Statine weit verbreitet und kostengünstig sind, könnten die Ergebnisse potenziell bedeutsam sein.“
Honorine Lebraud von der Organisation Alzheimer’s Research UK, die nicht an der Forschung beteiligt war, kommentierte in der britischen Zeitung The Guardian die Ergebnisse so: „Diese Beobachtungsstudie trägt zu den wachsenden Beweisen bei, die eine Verbindung zwischen Herz-Kreislauf-Gesundheit und Gehirngesundheit herstellen. Sie unterstreicht die Tatsache, dass das, was gut für das Herz ist, auch gut für das Gehirn ist.“
Da es sich aber eben um eine Beobachtungsstudie handelt, sind weitere Untersuchungen notwendig, um eindeutig nachweisen zu können, dass die Risikoreduktion tatsächlich ein Effekt der Statine ist. Nachdem aber auch bereits früherere kleinere Untersuchungen positive Auswirkungen der Statine auf die Gehirngefäße zeigten, halten es Fachleute für sehr plausibel, dass das reduzierte Demenzrisiko tatsächlich auf die Wirkung dieser Medikamentengruppe zurückgeht.