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"Citizen Vigilante": Uwe Bolls Trash-Thriller entlarvt sich selbst

Unterhaltung

Uwe Bolls FSK-Skandalfilm mit Armie Hammer erreicht dank Elon Musk Millionen. Dabei zeigt er vor allem einen Spießbürger im Blutrausch. Ein Leitartikel. Ein Film, den unter normalen Umständen niemand gesehen hätte, beschäftigt seit Wochen die Republik. Weiterlesen nach der Anzeige Regisseur Uwe Boll, laut taz "anerkanntermaßen einer der schlechtesten Filmemacher aller Zeiten", hat mit "Citizen Vigilante" einen Actionthriller gedreht, in dem der frühere Hollywood-Star Armie Hammer als vermögender Geschäftsmann Sanders durch ein nicht näher benanntes europäisches Land zieht und Selbstjustiz unter anderem an Migranten übt. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) verweigerte dem Werk zunächst jegliches Kennzeichen. Boll schrie Zensur, Elon Musk stellte den Film 48 Stunden lang kostenlos auf X – und Millionen schauten zu. Selbst nach diesen zwei Tagen war der Film noch in voller Länge auf X abrufbar. Inzwischen ist die FSK ein Stückweit zurückgerudert und hat zumindest der Kinoversion den Stempel "ab 18" zugebilligt. Der Schaden ist dennoch angerichtet: Nicht etwa, weil ein schlechter Film nun legal im Kino laufen darf. Sondern weil der inszenierte Kulturkampf ein handwerklich wie moralisch desolates Machwerk zum globalen Ereignis aufgeblasen hat, das es ohne den Skandal nie geworden wäre. Schimmelkontrolle statt Gerechtigkeit Wer "Citizen Vigilante" tatsächlich anschaut, erlebt keine mutige Gesellschaftskritik, wie etwa bei "V wie Vendetta", sondern die Allmachtsfantasie eines wildgewordenen Spießbürgers. Weiterlesen nach der Anzeige Sanders, der seinen Rachefeldzug mit Mieteinnahmen aus geerbten Immobilien finanziert, gibt sich zwar als Rächer der Schwachen. Doch mehrere Szenen entlarven ihn gründlich als das, was er ist: ein Spießer, dem es in erster Linie um seinen Besitz geht, um die Ordnung, die sein Eigentum schützt, und nicht um Menschen. In einer Szene geht Sanders ins Bordell, als ob es das Natürlichste der Welt wäre. Ob die Frauen dort freiwillig anschaffen oder dazu gezwungen werden, ist Sanders egal. Für ihn ist das ein normales Geschäft: Geld gegen Dienstleistung. Das schien ihm durchaus Vergnügen zu bereiten – bis er an die Wand schaut und Schimmelflecken entdeckt. Er unterbricht den Akt und liest der Prostituierten die Leviten, weil sie offenbar ihr Kämmerlein nicht ordentlich lüftet. Auch hier steht nicht etwa der Schutz der Gesundheit im Vordergrund, sondern: Sanders gehört das Haus, in dem sich das Bordell befindet. Die Sorge um sein Eigentum ist hier die Triebfeder, und sie wiegt schwerer als alles andere. In der anderen setzt er seinen Hausverwalter unter Druck und verlangt einen rücksichtslosen Umgang mit Mietern, um den Immobilienbestand zu sichern. Er pocht darauf, dass die Mieter schneller vor die Tür gesetzt werden, wenn sie ihre Miete nicht (pünktlich) zahlen. Und dass durch sein provokantes Verhalten im Straßenverkehr ein unbeteiligter Autofahrer stirbt, quittiert Sanders ohne erkennbare Empathie. Das Opfer hätte ja die Schranken des Gesetzes überwinden und auf die andere Straßenseite wechseln können. In diesen Szenen zeigt sich: Menschenleben sind diesem Protagonisten nachgeordnet, sein geerbter Besitzstand ist es nicht. Die Frage, die sich beim Anschauen aufdrängt: Geht es Sanders wirklich um Gerechtigkeit, oder hat er einfach Lust am Töten? Die Geschichte hat schon öfter Charaktere hervorgebracht, die ihre Lust, Menschen zu quälen und zu töten, mit erhabenen Werten zu bemänteln suchten. Man denke nur an Josef Blösche, der im Warschauer Ghetto eine regelrechte Lust am Töten von Juden entwickelt hat, und das immer mit dem Verweis darauf, diese hätten sich nicht an die Regeln gehalten. Ähnlich ist Sanders auch: Wenn sich ihm die Gelegenheit bietet, die Pistole zu ziehen wie im Bus gegenüber einem jugendlichen Schwarzfahrer, dann tut er dies, ohne dass eine Notwendigkeit dafür bestehen würde. Migrantengewalt als bloße Kulisse Die im Film gezeigte Gewalt gegen Migranten, Polizisten und Richter dient keiner Auseinandersetzung mit Kriminalität und ihren Ursachen oder mit einem Rechtssystem, das damit überfordert ist, Täter zu bestrafen. Sie ist bloße Folie, der willkommene Anlass für den Amoklauf eines frustrierten Besitzbürgers, der seine Ordnungsvorstellung mit Waffengewalt durchsetzen will. Variety nennt das Ergebnis ein "moralisch bankrottes Stück Exploitation", das seine Gewaltverherrlichung hinter dem Vorwand eines wichtigen Themas verstecke. Boll inszeniert die Hinrichtungen ohne jede kritische Distanz. Sanders schwadroniert in Videobotschaften über "Überfremdung" und löscht ganze Familien aus. Der Film schaut dabei mit sichtlicher Lust zu. Das ist keine Provokation mit Haltung – es ist zynisches Kalkül. Der Musk-Effekt und das Jugendschutz-Dilemma Genau dieses Kalkül ging auf. Die FSK verweigerte die Kennzeichnung, und die rechte Bubble konnte laut Zensur schreien und behaupten, dass mal wieder die Ausländerkriminalität ausgeblendet werden solle. Und wer das Netz kennt, weiß, dass es nicht unbedingt als Platz für Differenzierungen bekannt ist. Elon Musk ignorierte den deutschen Jugendschutz und machte den Film auf X für jeden zugänglich, auch für Minderjährige. Rechte Accounts teilten ihn tausendfach mit dem Vermerk, er sei in Deutschland "verboten". Der AfD-Bundestagsabgeordnete Ronald Gläser sprach von "Gesinnungszensur". Ein trashiger, billig produzierter Streifen, der regulär im Kino sang- und klanglos untergegangen wäre, erreichte so ein Millionenpublikum. Der "Layla"-Effekt – ein Werk wird erst durch die Empörung über seine angebliche Unterdrückung zum Hit – funktionierte auch hier. Das ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Es brauchte nur einen Regisseur, der laut genug "Zensur" ruft, und einen Milliardär, der die Aufmerksamkeitsströme lenkt. So wird selbst einer der schlechtesten Filme des Jahres zum Politikum. Nicht weil er etwas zu sagen hätte, sondern weil das System der digitalen Öffentlichkeit jeden Kulturkampf belohnt, egal wie dürftig sein Anlass ist.

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