Clevere Menschen stellen ihr Smartphone auf Schwarz-Weiß
Startseite Panorama Clevere Menschen stellen ihr Smartphone auf Schwarz-Weiß Von: Jana Stäbener Uns auf Google folgen Ein Mann stellt sein Handy auf Graustufen und ist begeistert. Ein Psychologe erklärt, warum sein Experiment „neurobiologisch plausibel“ ist. Frankfurt – Was passiert, wenn auf dem Smartphone Rezeptvideos, Urlaubs-Stories und Hunde-Gifs nur noch in Schwarz-Weiß auf dem Bildschirm erscheinen? Diese Frage hat sich ein Vater gestellt und es ausgetestet. Schon lange bemerke er an sich nämlich den sogenannten „Brain-Drain-Effekt“, also dass ihn die bloße Anwesenheit seines Smartphones ablenke. Umso überraschter war er von den Auswirkungen seines kleinen Bildschirm-Experiments. „Meine Lust, das Handy überhaupt in die Hand zu nehmen, geht seitdem gegen null.“ Ohne Farbe wirkt jede App jetzt „ziemlich langweilig“, schreibt er auf Linkedin. „Funktioniert bei mir richtig gut, kann ich nur empfehlen.“ „Farbe ist ein tief verankerter Teil unseres Belohnungssystems“, erklärt Sven Lindberg der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Gesättigte Töne, rote Punkte, kontrastreiche Symbole signalisierten, dass hier etwas passiere. „Nimmt man die Farbe weg, verliert das Gerät einen Teil seiner Sogkraft – die App wirkt fahler, weniger belohnend, und der Reiz wirkt deutlich abgeschwächt“, sagt der Professor für Klinische Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn. „Neurobiologisch ist das plausibel, empirisch aber noch zu dünn belegt; die vorhandenen Studien sind klein und wurden nicht langfristig durchgeführt. Ich würde es als vielversprechende Spur bezeichnen, nicht als gesicherte Erkenntnis.“ Schwarz-Weiß-Display: Weniger Bildschirmzeit, aber kein Allheilmittel Einige Studien belegten, dass ein Umschalten auf Schwarz-Weiß-Display die Nutzungsdauer im Schnitt um 20 bis 40 Minuten reduzieren könne. „Allerdings führt das nicht zu einer größeren Produktivität“, sagt der Bildungsforscher und Erziehungswissenschaftler Professor Klaus Zierer von der Universität Augsburg. „Auffällig ist, dass die Zahl der Entsperrungen gleichbleibt – der Griff zum Gerät, die Gewohnheit, ist also weiterhin sehr stark ausgeprägt“, ergänzt Lindberg. Graustufen würden möglicherweise die Betrachtungs- und Verweildauer dämpfen, nicht aber den Reflex, nach dem Gerät zu greifen. „Zudem ist der Gewöhnungseffekt bislang kaum untersucht; was heute langweilt, kann in einigen Wochen schon wieder normal aussehen.“ Durch die Einstellungsmöglichkeiten bei Android und iOS könne mittlerweile jeder sein Farbschema frei wählen. Dadurch nutze sich der Effekt möglicherweise schnell wieder ab. „Insofern kann ein Umschalten auf Schwarz-Weiß-Display nicht als ein ausreichender Schutzmechanismus gesehen werden“, sagt Zierer. Entscheidend dafür bleibe die Selbstkontrolle: die Fähigkeit, der Versuchung zu widerstehen, die eigene Nutzungszeit kritisch zu reflektieren und das Handy bewusst zur Seite zu legen. Brain-Drain-Effekt: Was das Smartphone mit unserem Gehirn macht Dass unkontrollierter Smartphone-Konsum die kognitive Leistung und das psychosoziale Wohlbefinden beeinträchtigt, ist aus empirischer Sicht gesichert, betont Zierer gegenüber der Frankfurter Rundschau. „Sinnloses Wischen in Endlosschleife führt dazu, dass nahezu alle Bereiche des Gehirns darunter leiden“ – von der Aufmerksamkeit über die Kreativität bis zu Sprach- und Rechenleistungen. In der Forschung spricht man vom „Brain-Drain-Effekt“, Jugendliche selbst nennen es mittlerweile „Brain Rot“. Man könne sagen: „Das Smartphone ist für viele ein Bildungskiller, weil es im naiven Gebrauch Lernen nicht nur behindert, sondern sogar verhindert.“ Lindberg findet es übertrieben, von einem „Schaden am Gehirn“ zu sprechen. Er würde es eher einen „Fokusverlust“ nennen. Das eigentliche Problem sei die fragmentierte Aufmerksamkeit: „Wer im Minutentakt zwischen Aufgabe und Bildschirm springt, arbeitet langsamer und fehleranfälliger, ohne es zu merken.“ Lindberg war vor einigen Jahren Co-Autor einer Studie, die belegt: Alleine die Anwesenheit eines Smartphones auf demselben Schreibtisch reduziert die Aufmerksamkeit. Außer Reichweite und außer Sichtweite sei also sicher effizienter als nur „schwarz-weiß“. Experten-Tipps: Was wirklich hilft gegen zu viel Bildschirmzeit