Colin Kaepernick Ein Kniefall und seine Folgen
San Francisco, 26. August 2016: Die San Francisco 49ers empfangen im dritten von vier NFL-Vorbereitungsspielen die Green Bay Packers. Wie bei Sportereignissen in den USA üblich, wird vor Kickoff die Nationalhymne gespielt. Viele Spieler nutzen die Hymne, um innezuhalten - nur ein Profi steht an diesem Tag nicht bei seinen Teamkollegen, sondern sitzt alleine auf der Bank: Colin Kaepernick, der Quarterback der San Francisco 49ers, der das Team wenige Jahre zuvor noch in den Super Bowl geführt hatte.
Bei den Vorbereitungsspielen zuvor fällt kaum auf, dass Kaepernick nicht wie der Rest seines Teams steht. Als er am 26. August gegen Green Bay erneut nicht aufsteht, wird sein Protest erstmals öffentlich wahrgenommen. Kaepernick erklärt, damit gegen die Unterdrückung Schwarzer Menschen und anderer Minderheiten sowie gegen Polizeigewalt zu protestieren. Beim letzten Vorbereitungsspiel am 1. September 2016 verändert Kaepernick die Form seines Protests: gemeinsam mit einem Teamkollegen kniet er während der Hymne.
"Zentraler Protest des Athlete Activism"
"Als ich aufs Spielfeld gegangen bin und wir aufgefordert wurden, für die Nationalhymne aufzustehen, hatte ich auf einmal einen Gedanken", erzählt Kaepernick heute im Podcast des Magazins "The New Yorker": "Warum bin ich eigentlich stolz auf unsere Hymne? Vor allem, wenn dieses Land Schwarze Menschen historisch diskriminiert hat."
Der damals 28-jährige Quarterback entscheidet sich dazu, seine Plattform zu nutzen, um ein Zeichen zu setzen. "Colin Kaepernicks Kniefall ist für mich der zentrale Protest des modernen Athlete Activism", sagt Dae Hee Kwak von der University of Michigan: "Er hat eine große gesellschaftliche Debatte angestoßen - und zugleich gezeigt, wie polarisierend das Thema sein kann."
Dae Hee Kwak hat sich in mehreren Studien damit beschäftigt, wie das Sportpublikum in den USA auf protestierende Athletinnen und Athleten reagiert. Als Kaepernick im Spätsommer 2016 beginnt, während der Hymne zu knien, löst das bei vielen Football-Fans gemischte Gefühle aus: "Einige Leute haben die NFL boykottiert, das Argument war dabei: Ihr könnt mein Land oder meine Flagge nicht so respektlos behandeln. Gleichzeitig gab es aber auch Fans und Zuschauer, die sich mit ihm und dem, was er tut, solidarisieren und ihn unterstützen wollten. Man konnte also sehr deutlich sehen, wie polarisiert die Reaktionen auf diesen Kniefall waren."
Der Kniefall wird zum Politikum
Die Debatte rund um den Kniefall-Protest wird in den USA schnell zum Politikum: Der damalige Präsidentschafts-Kandidat Donald Trump greift Kaepernick im Wahlkampf wegen seines Protests öffentlich an. Nach Beginn seiner Präsidentschaft fordert Trump NFL-Besitzer dazu auf, Athleten zu feuern, die während der Hymne knien.
Nach Trumps Angriffen schließen sich Hunderte NFL-Spieler dem Protest an oder setzen andere Zeichen während der Hymne. "Er hat es für Sportlerinnen und Sportler gewissermaßen zum Mainstream gemacht, zu protestieren", sagt Joseph Cooper von der Texas A&M University. Cooper konzentriert sich in seiner Forschung auf die Schnittstellen von Sport, Race und Kultur in den USA: "Einen derart starken Anstieg von Athletinnen und Athleten, die sich in dieser Form gemeinsam für soziale Gerechtigkeit mobilisieren, hatten wir seit den 1960er-Jahren nicht mehr gesehen."
Bei den Olympischen Spielen 1968, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung, waren Tommie Smith und John Carlos diejenigen, die ebenfalls die US-Nationalhymne nutzten, um zu protestieren: Damals trugen die beiden bei der Siegerehrung über 200 Meter schwarze Handschuhe und reckten die Faust in die Höhe - als Protest gegen Rassismus und die Diskriminierung Schwarzer Menschen in den USA. Eine Geste der Black Power Bewegung. Nach der Aktion werden beide aus dem US-Olympiateam ausgeschlossen und müssen das Olympische Dorf verlassen.
Für Kaepernick folgt das Karriere-Aus
Fast fünf Jahrzehnte später zeigt der Fall Kaepernick, wie riskant politischer Protest für die Karriere eines Athleten sein kann. Die Saison 2016 sollte seine letzte als aktiver Profi in der NFL sein. Nach der Saison steigt er aus seinem Vertrag bei den San Francisco 49ers aus und wird Free Agent. Doch kein anderes NFL-Team nimmt ihn unter Vertrag.
"Sein Aktivismus hat definitiv dazu beigetragen, dass seine Karriere vorzeitig beendet wurde", betont Sportmanagement-Professor Joseph Cooper: "Denn seine Leistungen haben nicht nachgelassen, und er hatte auch keine Verletzung, die seine Karriere beendet hätte. Die einzig naheliegende Schlussfolgerung ist also, dass er wegen seiner politischen Äußerungen keinen neuen Vertrag bekommen hat."
Trotzdem tritt Kaepernick eine Art Protestwelle los: Spätestens nach der Tötung George Floyds durch einen Polizisten und den weltweiten "Black-Lives-Matter"-Protesten im Sommer 2020 wird Kaepernick erneut zu einer zentralen Symbolfigur des Athletenaktivismus. Seine Hinknie-Geste wird von vielen Athletinnen und Athleten weltweit dazu genutzt, um in ihren Sportarten ein Zeichen zu setzen.
"Ich sehe sein Vermächtnis auf jeden Fall als das eines Vorkämpfers für soziale Gerechtigkeit, als eines Aktivisten für Antirassismus", betont Sportmanagement-Professor Joseph Cooper: "Gerade während der 'Black-Lives-Matter'-Bewegung hat sein Aktivismus die Forderungen nach Gerechtigkeit verstärkt - nicht nur gegenüber der Polizei und den Strafverfolgungsbehörden, sondern auch gegenüber der Politik und anderen Institutionen, die Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Diskriminierung immer wieder begünstigt haben."
"Players Coalition" unterstützt den Kampf
Inspiriert vom Protest Colin Kaepernicks gründet sich in den USA die "Players Coalition" - eine Organisation, die Sportlerinnen und Sportler in ihrem Kampf unterstützt. Mittlerweile arbeiten mehr als 1.500 Athleten, Trainer und Teambesitzer aus über zwölf verschiedenen Profiligen in der Koalition zusammen. Mit ihrem Engagement trägt die "Players Coalition" dazu bei, dass sich Sportorganisationen mit Fragen von Rassismus und sozialer Ungleichheit auseinandersetzen.
Auch die NFL reagiert: 2017 vereinbart die Liga mit der Players Coalition, knapp 90 Millionen Dollar für Programme gegen soziale Ungleichheit bereitzustellen. Nach den "Black-Lives-Matter"-Protesten 2020 weitet die Liga ihr Engagement aus und kündigt an, über einen Zeitraum von zehn Jahren 250 Millionen Dollar für den Kampf gegen systemischen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit bereitzustellen. "Das zeigt, dass kollektiver Widerstand und das gemeinsame Engagement von Sportlerinnen und Sportlern eine gewisse Macht haben", sagt Joseph Cooper von der Texas A&M University.
Colin Kaepernick inspiriert bis heute Athletinnen und Athleten. Der Kniefall hat sich seitdem weltweit als Symbol des Protests gegen Rassismus und soziale Ungleichheit verbreitet.