CSD-Anschlag: Vom Problemkind zum Attentäter - Abdul Ballouts Weg in die Gewalt
KI-Stimme. Info Schon sehr früh in seinem Leben fällt Abdul Ballout auf. Ab der 1. Klasse einer Grundschule in Tiergarten kämpfen die Lehrkräfte mit seiner Aggressivität. Der Junge wird vom Unterricht suspendiert – was bei Sechsjährigen sehr selten passiert. Auch in der Nachmittagsbetreuung gibt es Probleme. Das Personal der Schule rät zur Diagnostik, mobilisiert Hilfe für den Jungen, dessen Eltern aus dem Libanon stammen. Das Jugendamt schaltet sich ein, die Schulhilfekonferenz beschäftigt sich mehrfach mit dem jungen Abdul. Anfangs schreibt er noch Zweien und Dreien, dann werden die Noten schlechter. Die Grundschule wechselt er zweimal. Das zeigen Recherchen unserer Redaktion, die auf Vermerke von Jugendamt und Schulbehörde zurückgehen. In der weiterführenden Schule kommt Abdul Ballout auf ein Förderzentrum. Ihm fällt das Lernen schwer, er fällt aber vor allem emotional auf. Aus dem Teenager Abdul ist ein Schulverweigerer geworden, auf seinen Zeugnissen stehen fast nur noch Sechsen. Auch interessant Einweisung in die Psychiatrie: Eltern von Abdul Ballout verweigern Zustimmung Die Behörden versuchen laut Akten zweimal, ihn in Schulersatzprogrammen unterzubringen. Auch die Einweisung in die Psychiatrie steht im Raum. Doch, so heißt es, verweigern die Eltern die Zustimmung. Heute, viele Jahre und einen schweren Anschlag mit einer Toten und Verletzten später, wird deutlich, dass die Behörden vieles über Abdul Ballout wussten. Die Schule, das Jugendamt, die Polizei, die Justiz. Und der Fall ist auch eine Geschichte darüber, warum sich Terrortaten in manchen Fällen so schwer verhindern lassen. Der Fall wirft aber auch die Frage auf: Wenn die Behörden so viel wussten, warum konnte ihn keiner stoppen? Im Tatfahrzeug entdeckten die Ermittler nach dem Anschlag DNA-Spuren von Ballout. Weitere relevante Spuren konnten die Kriminaltechniker nicht sichern. Der Generalstaatsanwalt geht derzeit davon aus, dass Ballout den Wagen gesteuert hat – und allein im Fahrzeug saß. Ballout selbst ist tot. Er kann nichts mehr sagen, nichts erklären. Aber genau das ist es, was die Kriminalbeamten nun herausfinden müssen: Gab es Menschen in Deutschland oder im Ausland, die von der Tat im Vorfeld gewusst haben? CSD-Anschlag in Berlin: Am Ende scheitert der Staat „Insgesamt war ein zunehmender Radikalisierungsprozess seit dem Jahr 2021 festzustellen“, sagt Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) am Mittwoch im Innenausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Mehr zum Anschlag in Berlin Auch zu seinem Weg in den Dschihad und zu seinen Motiven kann Abdul Ballout nichts mehr sagen: Er, der junge Mann, der sich lange in der Berliner Islamisten-Szene tummelte, Moscheen aufsuchte und Imame traf, der im Internet für seine brutale Ideologie missionierte und sogar zum „Islamischen Staat“ ausreisen wollte, ebendieser Ballout zeigt nun, wie sich ein junger Mensch radikalisieren kann. Der Fall erzählt, wie der Staat versucht, ihm wohlwollend zu begegnen, zu helfen, zu stützen. Wie der Staat aber auch mit Härte reagiert, die Polizei ihn observiert, heimlich eine Kamera zur Überwachung vor der Berliner Dreizimmerwohnung installiert, wo Ballout bis zuletzt mit seinen Schwestern und seiner Mutter gelebt hat. Am Ende scheitert der Staat. Abdul Ballout schlägt am vergangenen Wochenende beim Christopher Street Day in Berlin zu, rast mit einem gemieteten Auto in die Menschenmenge. Seit seiner Kindheit ist der spätere Täter den Behörden bekannt, der Polizei, den Nachrichtendiensten, dem Jugendamt. Und doch können sie die Tat am Ende nicht verhindern. Es ist schwer zu rekonstruieren, welches Ereignis in Ballouts Leben am Ende eine Rolle auf dem Weg in die Gewalt gespielt hat. Die Erfahrungen in der Schule, seine frühe Aggressivität. Die Trennung der Eltern, als er ein Teenager ist. Die radikale Ideologie, die Ballout in der Islamisten-Szene eingetrichtert bekommt und die er selbst verbreitet. Brüche, Scheitern, Indoktrination – all das können Faktoren sein. Festnahme im Libanon stoppt Ballouts Reise zum „IS“ Abdul Ballout wächst in einer Familie von Schiiten auf. Er selbst wendet sich jedoch dem sunnitischen Glauben zu, auf den sich auch der „IS“ und die Salafisten berufen. Ihre Feindbilder: Schiiten, „Ungläubige“, der Westen, Juden und Homosexuelle. Offenbar reicht es Abdul Ballout nicht, nur in Berliner Moscheen zu gehen und Korane zu verteilen. Er will ausreisen, zum „IS“. Erst sucht er sich Mauretanien als Ziel, dann will er nach Syrien. Und reist im Sommer vergangenen Jahres in den Libanon aus, um offenbar von dort weiterzukommen. Doch er kommt nicht weit. Libanesische Sicherheitskräfte nehmen ihn fest. Er kommt in Haft. Nach drei Monaten und einem Prozess im Libanon schieben ihn die dortigen Behörden nach Deutschland ab. Es ist ein großer Bruch in Abdul Ballouts Leben. Er kommt in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft ermittelt, im Mai dieses Jahres steht er vor dem Amtsgericht Tiergarten und muss sich wegen der Planung schwerer staatsgefährdender Straftaten verantworten. Nach seiner Freilassung habe die Polizei Berlin sofort reagiert und „engmaschige polizeiliche Maßnahmen“ gegen den Tatverdächtigen durchgeführt, sagt Senatorin Spranger. Dazu zählten Gefährdungsansprachen, Kontaktgespräche, verdeckte Maßnahmen und Observation. Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen? Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier. Andere Brüche finden sich auch: Abdul Ballout war von Mitte 2023 bis zum Sommer 2024 mit einer Frau aus Salzburg nach islamischem Recht verheiratet. Doch die Beziehung zerbrach. Ballout verliert auch seinen Job in einer Sicherheitsfirma, lebte zuletzt von Sozialleistungen und Taschengeld. Cousins waren Mitglieder des „IS“ Offenbar ist es die rigide Ideologie, in der er aufgeht. Einen ägyptischen Imam in Berlin soll er öfter besucht haben. Brisanter erscheint jedoch eine andere Verbindung: Zwei Cousins waren Mitglieder des „IS“. Das hat zuerst die „Zeit“ recherchiert, die sich auf Akten der libanesischen Sicherheitsbehörden beruft, die dem Bundesnachrichtendienst (BND) vorliegen. Und der Vater der beiden Cousins, Ballouts Onkel, ist ein berüchtigter Anhänger des internationalen Dschihadismus, der in London lebt und sich Omar Bakri Muhammad nennt. Von England aus soll er laut den Recherchen junge Islamisten rekrutiert haben, die sich Organisationen wie Al-Qaida angeschlossen wollten. Die Attentäter auf das World Trade Center in New York 2001 soll er als „die großartigen 19“ geadelt haben. Nach Informationen unserer Redaktion hatte Ballout Kontakte zu Islamisten nach Großbritannien. Ob er allerdings in Verbindung mit seinen Cousins oder dem Onkel stand, ist unklar. Auch interessant Viele Behörden wussten über Ballouts Weg in die Radikalität. Aber es bleibt die Frage, ob sie Informationen ausreichend ausgetauscht haben – und richtig bewerteten. Noch am 21. Juli, vier Tage bevor er beim CSD mutmaßlich ein Auto in die Menge steuerte, Dutzende Menschen verletzte und eine Frau tötete, habe er in der Senatsverwaltung freiwillig die Jugendbewährungshilfe aufgesucht – eine Auflage dafür hatte er nicht, da das Urteil noch nicht rechtskräftig war. Bei der Bewährungshilfe habe er sich an diesem Dienstag jedenfalls ruhig und kooperativ gezeigt. Was das Jugendamt in Berlin-Mitte, verantwortlich für die Bewährungshilfe und die Jugendarbeit mit Abdul Ballout nach der Freilassung aus der Untersuchungshaft, nach Behördenangaben offenbar nicht wusste, dass er bei der Polizei als „Gefährder“ eingestuft gewesen ist. Zugleich ist fraglich, ob diese Kenntnis etwas geändert hätte – denn Hinweise auf konkrete Anschlagspläne hatten auch die Sozialarbeiter der Jugendhilfe nicht.