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Darf man vom eigenen Kind enttäuscht sein? - „Nicht das Kind enttäuscht uns“

Wissenschaft

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Schon die Frage klingt ein bisschen unanständig: Darf man von seinem eigenen Kind enttäuscht sein? Wenn der Sohn beim Sport als Letzter gewählt wird, obwohl in der Familie sonst alle sportlich sind. Wenn die Tochter keine Lust mehr auf Klavier hat. Wenn in einer Familie voller Ärzte ausgerechnet das eigene Kind nicht Medizin studieren will. Oder wenn es einfach nicht besonders ehrgeizig ist – und damit ziemlich zufrieden.

Eltern dürfen überfordert sein, erschöpft, wütend. Sie dürfen sich Sorgen machen. Aber enttäuscht? Das klingt nach einem Gefühl, für das man sich schämen müsste. Dabei ist Enttäuschung zunächst nichts weiter als die Differenz zwischen dem, was man erwartet hat, und dem, was eingetreten ist. Und Eltern erwarten erstaunlich viel. Oft lange bevor ihr Kind überhaupt weiß, was es selbst will.

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Nicht das Kind enttäuscht uns. Sondern die Differenz zwischen ihm und unserer Vorstellung von ihm

Die Pädagogin und Entwicklungspsychologin Anke Ballmann, deren neues Buch „Ab wann kann ein Kind …?“ (Goldegg) im Frühjahr erschienen ist, kennt solche Eltern aus ihrer Praxis. Dort fallen Sätze wie: „Er könnte so viel aus sich machen“ oder „Sie nutzt ihre Möglichkeiten nicht“. Hinter diesen Formulierungen, sagt Ballmann, stecke häufig eine Vorstellung davon, wie das Kind sein sollte. „Kinder kommen aber als Menschen zur Welt und nicht als Ideenerfüller ihrer Eltern.“

Was passiert in Familien, in denen Leistung und Ehrgeiz zentrale Werte sind, das Kind selbst aber weder besonders leistungsorientiert noch ehrgeizig ist? Ballmann beschreibt eine Dynamik, die für Kinder belastend werden kann: „Es erlebt, dass sein Wesen in seiner Familie wenig Resonanz bekommt.“ Vielleicht ist dieses Kind genügsam, verträumt, naturverbunden oder einfach zufrieden. In einer stark leistungsorientierten Familie kann genau diese Art zu leben schnell als Defizit erscheinen. So, dass Kinder denken, mit ihnen stimme etwas nicht oder sie reichen nicht.

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Eltern dürften Leistung wichtig finden, sagt Ballmann. „Doch kein Kind sollte sich Liebe, Zugehörigkeit und seinen Wert durch Leistung verdienen müssen.“

Die Psychotherapeutin und Autorin Sian Morgan-Crossley („Wie werde ich meine Eltern los?“, Knaur) arbeitet mit erwachsenen Kindern emotional unreifer Eltern. Viele von ihnen spüren noch Jahre später die Folgen davon, dass ihre Eltern sie nur schwer als eigenständige Person sehen konnten – mit eigenem Temperament, eigenen Vorlieben, Meinungen und emotionalen Bedürfnissen.

„Ein selbstständiges Kind kann als respektlos wahrgenommen werden, ein sensibles Kind als übermäßig emotional und ein Kind mit starken eigenen Meinungen als schwierig oder streitsüchtig.“ Oft geht es dabei weniger um die Eigenschaft selbst als um das, was sie im Elternteil sichtbar macht oder auslöst. Selbstständigkeit zum Beispiel kann jemanden verunsichern, der das Gefühl braucht, gebraucht zu werden, oder Sensibilität jemanden überfordern, der selbst Gefühle nur schwer aushält, erklärt Morgan-Crossley.

Erst in der Therapie erkennen manche Erwachsene, dass jene Seiten, für die sie als Kinder kritisiert wurden, gesunde Teile ihrer Persönlichkeit sind. Sie erkennen dann: „Das Problem lag nicht in der jeweiligen Eigenschaft selbst, sondern darin, dass die Eltern nicht aushalten konnten, was diese Eigenschaft in ihnen auslöste, und deshalb versuchten, das Kind zu verändern, kleinzumachen oder zu kontrollieren.“

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Warum Eltern so konkrete Vorstellungen davon entwickeln, welchen Bildungsweg oder welche Interessen ihre Kinder verfolgen sollten, erklärt die Familienpsychologin so: „Weil Kinder immer auch etwas in ihren Eltern berühren: die eigene Biografie, unerfüllte Wünsche, Ängste, Statusvorstellungen, Erfahrungen von Aufstieg oder Abstieg, manchmal auch eigene Kränkungen.“ Wer selbst erlebt hat, wie schwer finanzielle Unsicherheit sei, wünsche sich für sein Kind einen vermeintlich sicheren Beruf. Wer selbst nie studieren durfte, erlebt das Studium des eigenen Kindes womöglich als nachträgliche Erfüllung eines alten Traums. Und wer seinen Selbstwert stark aus Leistung beziehe, werde Leistung vermutlich auch beim eigenen Kind stärker gewichten.

Besonders deutlich wird das bei dem, was Morgan-Crossley „do-as-I-did“-Eltern (also „Mach-es-wie-ich“-Eltern) nennt. Eltern also, die aus ihrem eigenen Lebensweg eine Art Gebrauchsanweisung machen. Entscheidet sich das Kind anders, kann sich das für Eltern wie eine Zurückweisung anfühlen – ihrer Werte, ihrer Erfahrung, manchmal sogar ihrer Person.

Ein selbstständiges Kind kann als respektlos wahrgenommen werden, ein sensibles Kind als übermäßig emotional und ein Kind mit starken eigenen Meinungen als schwierig oder streitsüchtig

In anderen Familien soll das Kind zwar nicht unbedingt denselben Weg gehen, aber dort ankommen, wo die Eltern selbst gerne gewesen wären. Es soll sozial aufsteigen, beruflich erreichen, was den Eltern verwehrt blieb – oder beweisen, dass sich ihre Opfer gelohnt haben. Das Kind wird zur zweiten Chance der Eltern. „Das geschieht meist ohne böse Absicht“, sagt Ballmann. „Genau deshalb ist Selbstreflexion für Eltern so wichtig. Liebe allein schützt uns nicht davor, unsere eigene Geschichte auf ein Kind zu übertragen.“

Aber auch die Freiheit des Kindes kann für Eltern schwer auszuhalten sein. Der Sohn zieht weit weg und die Mutter erlebt es als Verlassenwerden. Die zunehmende Selbstständigkeit eines Kindes könne bei Eltern auch Gefühle zum eigenen Leben auslösen, sagt Morgan-Crossley: über frühere Entscheidungen, das Älterwerden oder nicht verwirklichte Möglichkeiten. Und manchmal ist es sogar der Erfolg des Kindes, der etwas auslöst: weil er an all das erinnert, was man selbst nicht erreicht hat.

Kinder fühlen sich dann schuldig, weil ihnen Möglichkeiten offenstehen, die ihre Eltern nicht hatten. Sie nehmen den sicheren Job, bleiben in der Nähe oder wählen den Weg, von dem sie wissen, dass die Eltern ihn gutheißen. Nicht unbedingt, weil sie ihn selbst für den richtigen halten, sondern weil es schwer ist, frei zu sein, wenn die eigene Freiheit jemanden verletzt, den man liebt.

Und Kinder müssen die Missbilligung ihrer Eltern nicht mal ausdrücklich ausgesprochen bekommen. Sie registrieren Tonfälle, Gesichtsausdrücke, Schweigen, Kritik, Vergleiche mit anderen und einen spürbaren Verlust von Wärme oder Begeisterung. Mit der Zeit wird das Kind, sagt Morgan-Crossley, zum „emotionalen Detektiv“: Es beobachtet ständig, ob die Eltern zufrieden, enttäuscht, wütend oder zurückgezogen sind – und beginnt womöglich, sein Verhalten danach auszurichten. Irgendwann fragt es nicht mehr: Was will ich? Sondern: Was muss ich tun, damit die Verbindung zu meinen Eltern erhalten bleibt?

Erwachsene Klienten könnten sich deshalb oft noch Jahre später erstaunlich genau an jene Momente erinnern, in denen sie spürten, dass ihre Eltern mit ihrer Entwicklung nicht zufrieden waren, obwohl nie ein Satz wie „Ich bin enttäuscht von dir“ gefallen sei, weiß Morgan-Crossley.

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Manche wurden dadurch perfektionistisch und versuchten, erfolgreich oder makellos zu werden. Andere werden zu People-Pleasern, die früh erkennen, was ihr Gegenüber erwartet, und sich entsprechend anpassen. Wieder andere ziehen sich zurück und zeigen möglichst wenig von sich, weil sie so weniger riskieren, beurteilt oder zurückgewiesen zu werden.

Viele Betroffene hielten ihren Perfektionismus oder ihre starke Anpassungsbereitschaft lange für einen festen Teil ihrer Persönlichkeit. Erst später erkannten sie darin Strategien, mit denen sie als Kinder versucht hatten, sich Nähe, Sicherheit und Zugehörigkeit zu erhalten.

Erfolg als Beweis

Für Ballmann hängt das auch damit zusammen, dass Erfolg noch immer häufig mit Status verwechselt wird. „Ein Medizinstudium ist gesellschaftlich mit Prestige, Bildung und beruflichem Erfolg verbunden. Ein Handwerksberuf wird in manchen Milieus trotz hoher Qualifikation und hervorragender beruflicher Perspektiven anders bewertet.“ Dann, sagt Ballmann, schauen Eltern irgendwann stärker auf die Visitenkarte ihres Kindes als auf den Menschen, der diese Visitenkarte trägt. Und sie stellt eine Frage, die den Unterschied ziemlich genau trifft: „Wünschen Sie sich ein Kind, dessen Lebenslauf Sie stolz erzählen können? Oder wünschen Sie sich, dass Ihr Kind stolz auf sein Leben ist?“

Hohe Erwartungen sind nicht automatisch schädlich. Eltern dürfen sich wünschen, dass ihr Kind seine Möglichkeiten ausschöpft. Sie dürfen riskante Entscheidungen kritisieren und sich sorgen, wenn es seine Talente nicht nutzt. Problematisch wird es dort, wo Anerkennung an diese Erwartungen geknüpft wird. „Der Wunsch nach elterlicher Anerkennung hat nicht einfach damit zu tun, gelobt werden zu wollen“, sagt Morgan-Crossley. Für ein Kind sei die Anerkennung der Eltern eng mit Bindung, Zugehörigkeit und dem Gefühl verbunden, wertvoll zu sein.

Noch schwieriger wird es, wenn Eltern ihren erwachsenen Kindern signalisieren, dass sie hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. „In einer solchen Beziehung fehlt die normale Ablösung und Entwicklung einer eigenständigen Identität“, sagt Morgan-Crossley. Die Grenze verläuft für Ballmann dort, wo Kritik vom Verhalten auf die Person übergeht. „Ich halte diese Entscheidung für riskant“ vermittelt etwas anderes als: „Du ruinierst dein Leben.“ Kinder sind nicht dafür zuständig, die Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen.

Und ob Eltern tatsächlich ein Talent fördern – oder eher ihre eigene Vorstellung davon –, lasse sich für Ballmann an einer einfachen Frage prüfen: „Wer freut sich eigentlich über was? Will das Kind zum Klavier? Will es trainieren? Möchte es besser werden? Ist es neugierig, begeistert und will es etwas unbedingt tun?“ Entscheidend sei, wer den Impuls trage: das Kind – oder vor allem die Erwachsenen, die organisieren, motivieren, erinnern, antreiben und vergleichen und erklären, wie schade es wäre, dieses große Talent „wegzuwerfen“. „Talent verpflichtet ein Kind zu gar nichts“, sagt Ballmann. Begabung sei „nur“ eine Möglichkeit – und kein Schicksal.

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Eltern dürfen also traurig sein über eine Entscheidung ihres Kindes, ambivalent, sogar enttäuscht. Viele tun sich mit diesem Gefühl schwer, weil sie glauben, „gute Eltern müssten ihr Kind bedingungslos großartig finden. Das stimmt so nicht“, sagt Ballmann. Eltern dürfen Grenzen setzen, widersprechen und ihrem Kind auch unangenehme Wahrheiten zumuten. Eltern dürfen sogar glauben, dass ihr Kind einen Fehler macht. Doch sie sollten sich fragen, worüber genau sie enttäuscht sind.

Das könne wehtun, weil die Antwort den Blick zurück auf die eigenen Vorstellungen lenke. „Das Wort Enttäuschung beschreibt das eigentlich wunderbar. Eine Täuschung endet. Ich hatte ein Bild von meinem Kind – und die Wirklichkeit passt nicht zu diesem Bild.“ Für Eltern bedeutet das, so die Psychologin, das eigene Kind immer wieder neu kennenzulernen, statt es an einer Vorstellung zu messen. Ein Kind ist keine Fortsetzung einer Biografie, es ist der Beginn einer eigenen.

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