Darum hat es Vieira schwerer
Wohl jeder HSV-Fan wartet auf den ersten magischen Moment, der alles dreht. Kollektiv hatte der Anhang vor wenigen Wochen aufgeatmet, als es den Vereinsbossen gelang, Fábio Vieira am letzten Tag der Sommer-Transferperiode doch noch in den Volkspark zu lotsen. Doch der Heilsbringer tut sich schwer – und bekommt nun Unterstützung von einem Mann, der weiß, wie es sich anfühlt, permanent im Fokus zu stehen. Ex-HSV-Star Rafael van der Vaart bricht in der MOPO eine Lanze für Vieira.
Stuttgart, da war doch mal was. Allein die Erinnerung daran könnte Vieira nach bislang vier Saisoneinsätzen ohne Torbeteiligung helfen. Denn auch wenn man geneigt ist, das zu verdrängen: Auch in der Vorsaison, als der Portugiese auf Leihbasis von Arsenal nach Hamburg wechselte, lief es zunächst alles andere als rund. In seinen ersten sechs Partien blieb er nicht nur ohne Tor, sondern fremdelte auch erkennbar mit Spielweise und Kollegen und sah in den ersten Wochen zweimal Rot. Ein Katastrophenstart. Dann kam Ende November Stuttgart in den Volkspark. Die Nachspielzeit, Fábio Baldés Konter, Vieiras überlegter Abschluss zum 2:1. Eine Explosion der Gefühle. Alles wurde plötzlich gut und Vieira mit insgesamt sieben Treffern und fünf Vorlagen zum Unterschiedsspieler. Und diesmal?
HSV-Coach Polzin adelte Vieira in diesem Sommer
Die Sehnsucht nach einem formstarken Vieira ist im Volkspark überall spürbar. Denn sie haben monatelang hart um ihn gekämpft, ehe Arsenal den Spielmacher für eine Ablöse von neun Millionen Euro doch noch gehen ließ. Und die Wertschätzung, die Vieira in Hamburg erfährt, könnte größer nicht sein. Wenn die Profis vor öffentlichen Trainingseinheiten durch das Spalier der Fans Richtung Platz marschieren, wird der 26-Jährige wie kein anderer von den Blicken der Masse fixiert. „Vermutlich ist er der beste Fußballer, der in den letzten 20 Jahren für den HSV gespielt hat“, sagte Trainer Merlin Polzin schon im Sommer. Er hätte auch sagen können: der Beste, seit van der Vaart nicht mehr da ist.
Der Niederländer, der vor allem in seiner ersten HSV-Zeit (2005 bis 2008) einer der Topstars der Bundesliga war, verzieht ein wenig das Gesicht, als er bei einem Termin in Wilhelmsburg über den Druck sinniert, der auf Vieira lastet. „Er ist natürlich ein toller Spieler“, sagt der 43-Jährige. „Aber man sollte ihn nie mit mir oder anderen Spielern vergleichen. Es geht nicht darum, ob er der beste HSV-Spieler seit van der Vaart oder Barbarez ist. Und man darf nicht vergessen, dass ich es leichter hatte als er.“
Hilft die Erinnerung an die erste Vieira-Sternstunde?
Eine überraschende Aussage, denn kaum ein HSV-Profi zog jemals so viel Aufmerksamkeit auf sich wie van der Vaart. Eine schillernde Persönlichkeit, auf und außerhalb des Platzes. „Aber auch ich habe häufiger mal schlecht gespielt“, erinnert sich der frühere Superstar (109 Länderspiele) an seine Hamburger Jahre. „Wir waren aber eine Mannschaft, die das auffangen konnte. Wir hatten viele große Namen und zählten zu den Top-Teams der Bundesliga. Wenn ich schlecht war, waren andere gut.“ Deshalb sagt van der Vaart voller Überzeugung: „Ich glaube, dass Fábio es viel schwerer hat als ich. Es ist etwas anderes, wenn du mit deiner Mannschaft gegen den Abstieg spielst.“
Vielleicht hilft dem 26-Jährigen der Rückenwind, der nach den jüngsten Siegen gegen Köln (2:1) und in Hoffenheim (3:2) durch den Volkspark weht. Der fürchterliche HSV-Saisonstart (drei Pleiten, 0:12 Tore) ist abgehakt. Und vor allem beim Erfolg in Sinsheim war Vieira schon besser unterwegs als zuvor. Aber eben noch von dem entfernt, was er zu leisten imstande ist.
Aber mit Stuttgart kommt die Erinnerung an Vieiras erste HSV-Sternstunde. „Das könnte helfen“, weiß van der Vaart. „Wenn der Knoten platzt, kann es schnell bergauf gehen. Vieiras Qualitäten sind ja unbestritten.“ Schafft Vieira gegen den VfB erneut die Kehrtwende? Der Blicke des Anhangs kann er sich gewiss sein. Das Können ist im Übermaß vorhanden. Fehlt nur noch dieser eine Moment, der alles drehen kann.