Darum ist der 1. FC Nürnberg Deutschlands womöglich spannendster Klub
Dafür, dass es sich immer noch um einen Zweitligisten handelt, ist der ganz große Fußball aktuell ziemlich präsent beim 1. FC Nürnberg.
Torjäger Mohamed Ali Zoma wurde tatsächlich für Italiens A-Nationalmannschaft nominiert, als erster Zweitligaspieler der Geschichte. Regisseur Javier Fernandez - eine Leihgabe vom FC Bayern - spielt zwar noch nicht für Spaniens Auswahl, erinnert Trainer Miroslav Klose mit seinem Selbstvertrauen im Alter von erst 19 Jahren aber immerhin an deutsche Fußball-Ikonen: "Die zwei, die ich kenne und die genauso waren, waren Thomas Müller und Toni Kroos."
Nicht mehr für den Club aktiv, aber dafür Hoffnungsträger der deutschen Nationalmannschaft sind derweil die beiden Nürnberger Eigengewächse Nathaniel Brown und Finn Jeltsch. Linksverteidiger Brown sorgte bereits bei der WM für Furore und wechselte anschließend für 50 Millionen Euro von Eintracht Frankfurt zum FC Bayern. Jeltsch, mittlerweile beim VfB Stuttgart, ist nun erstmals beim DFB-Team dabei und überraschte sogar den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp.
"Unter den Spielern, die mir jetzt nicht sofort geläufig waren, war Finn der erste, der mir aufgefallen ist", sagte Klopp über Jeltsch. "Weil du guckst auf die Statistik und denkst: Alter, Einsätze, hä? Was ist das denn? Und dann guckt man ein bisschen genauer hin und stellt fest: Außergewöhnlicher Verteidiger, der es sehr gut macht, eine außergewöhnliche Athletik hat und kicken kann." Jeltsch ist zwar erst 20 Jahre alt, hat aber schon 90 Profieinsätze hinter sich.
Zoma, Fernandez und das Duo Brown/Jeltsch - alle stehen sie gewissermaßen exemplarisch für beachtliche Entwicklungen beim 1. FC Nürnberg. Ach ja, Nürnberg ist aktuell Tabellenzweiter der 2. Bundesliga, aber dazu später mehr.
Joti Chatzialexiou sorgte beim 1. FC Nürnberg für einen Strategiewechsel
Zoma wechselte im Sommer 2025 für 1,5 Millionen Euro vom italienischen Drittligisten UC AlbinoLeffe zum Club. Und zwar auf Empfehlung von Nürnbergs Daten-Scouting-Partner Jamestown Analytics (JTA), einem Unternehmen des legendären Tony Bloom. Mit einem radikalen Fokus auf Statistiken führte der ehemalige Pokerspieler seinen Herzensklub Brighton & Hove Albion in den vergangenen Jahren in ungeahnte Höhen. Später stieg er höchst erfolgreich bei Union Saint-Gilloise in Belgien und den Hearts of Midlothian in Schottland ein.
Mit JTA bietet Bloom mittlerweile auch Klubs außerhalb seines direkten Einflussgebiets Hilfe im Bereich des Daten-Scoutings an. Die Suche nach Partnern verläuft penibel, in jedem Land soll es nur einen geben. In Italien fiel die Wahl auf Como 1907, das seitdem bis in die Champions League gestürmt ist. In Deutschland bekam im Juni 2025 Nürnberg den Zuschlag.
Auf Seiten des Clubs vorangetrieben hat die Kooperation Joti Chatzialexiou. Nach vielen Jahren im Nachwuchsbereich des DFB beerbte er 2024 Dieter Hecking als Nürnbergs Sportvorstand. Hecking hatte bei der Suche nach Neuzugängen eher auf sein breites Beraternetzwerk gesetzt. Chatzialexiou vollzog einen Strategiewechsel, baute die klubeigene Scoutingabteilung massiv aus und implementierte einen Fokus auf Daten, der letztlich in der Zusammenarbeit mit JTA resultierte.
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Wie läuft die Kooperation zwischen Jamestown Analytics und Nürnberg?
"Diese Kooperation zeigt, wie ernst wir das Thema Daten-Scouting nehmen", sagte Chatzialexiou bei der Bekanntgabe 2025. "Für uns ist es eine Auszeichnung, dass JTA sich für eine Partnerschaft mit uns entschieden hat, da das Unternehmen in jeder Liga nur einen einzigen Verein betreut und diesen mit Informationen und Empfehlungen zu Spielern unterstützt. Anhand der Beispiele von Brighton, Union Saint-Gilloise oder auch Como 1907 sieht man, was durch Anpassungen im Scouting angestoßen werden kann. Davon wollen auch wir profitieren."
Generell gibt es bei der Suche nach Neuzugängen zwei Wege. Entweder Nürnberg bittet JTA um Vorschläge für konkrete Spielerprofile. Oder Nürnbergs Scoutingabteilung entdeckt einen interessanten Spieler und lässt ihn von JTA durchchecken. Über diesen oder den anderen Weg dürfte praktisch jeder Neuzugang der vergangenen drei Transferphasen "JTA approved" sein.
"Wir tauschen uns immer aus, über jeden Transfer und jeden Spieler", sagte Chatzialexiou neulich. "Die Zusammenarbeit mit Jamestown ermöglicht es uns, viel globaler zu arbeiten. Wir haben beispielsweise keine Scouts in Argentinien, kriegen aber durch Jamestown direkt eine passende Einschätzung des Spielers durch die Analyse seiner Daten." Klar ist: Je exotischer der abgebende Klub eines Neuzugangs erscheint, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler von JTA vorgeschlagen wurde.
Bestätigt wurde dieses Zustandekommen bisher lediglich bei einem Transfer: Mohamed Ali Zoma. Der heute 22-Jährige schlug in seiner ersten Saison direkt voll ein. Im Sommer lehnte Nürnberg lukrative Angebote für ihn ab. Aktuell führt er mit sechs Treffern die Torschützenliste der 2. Bundesliga an. Als vorläufige Krönung folgte nun die erstmalige Nominierung für die italienische Nationalmannschaft.
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Der Mastermind der Nachwuchsarbeit wechselte zum FC Bayern
Noch bevor Chatzialexiou bei der Suche nach Neuzugängen einen Datenfokus implementierte, stellte der Club seine Akademie neu auf. Nach dem Bundesliga-Abstieg 2019 übernahm der ehemalige Spieler und Profitrainer Michael Wiesinger die Nachwuchsleitung. Unter seiner Ägide investierte Nürnberg in die Jugend, engagierte neue Co-Trainer und legte einen größeren Fokus auf Individualtraining.
Die bald darauf einsetzende Corona-Pandemie brachte den Club finanziell in Bedrängnis. Auch um Gehälter zu sparen, rückte die Jugendarbeit weiter in den Fokus. In dieser Gemengelage gelang in den vergangenen Jahren etlichen hauseigenen Talenten der Sprung zu den Profis. Neben den deutschen Nationalspielern Brown und Jeltsch auch Can Uzun, der mittlerweile für die Türkei stürmt. Der Bayerische Rundfunk schrieb in Bezug auf die legendäre Talentschmiede des FC Barcelona neulich sogar schon von "Frankens La Masia".
Mastermind Wiesinger wechselte im Mai etwas überraschend als Leiter Sport und Nachwuchsentwicklung zum FC Bayern. Der Münchner Sportdirektor Christoph Freund nannte ihn bei der Ankunft "einen der besten Fachleute in Deutschland für diese Position". Wiesingers Nachfolge in Nürnberg trat derweil sein jahrelanger Mitstreiter Dieter Frey an. "Die letzten Jahre haben gezeigt, dass jeder Euro, den man in den Nachwuchs bei uns investiert, wirklich sehr, sehr gut angelegt ist", sagte Frey dem BR.
Allein für Brown, Jeltsch und Uzun kassierte Nürnberg seit 2023 zusammengerechnet 34 Millionen Euro. Dazu kommen im selben Zeitraum 38,5 Millionen für Caspar Jander (zum FC Southampton) und Stefano Tzimas (zu Brighton). Genau wie später Zoma wechselten auch die beiden als junge Talente nach Nürnberg und entwickelten sich anschließend rasant.
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1. FC Nürnberg: Wie der BVB, nur einige Stufen kleiner
Mit derartigen Werdegängen kann Nürnberg nun bei der Suche nach weiteren spannenden Talenten werben. Ein bisschen wie Borussia Dortmund, nur einige Stufen kleiner. So bekam Nürnberg im Winter beispielsweise den Zuschlag für Mittelfeldjuwel Fernandez. Neben Zoma zählt die Leihgabe vom FC Bayern zu den auffälligsten Spielern der noch jungen Saison. Zudem ist Fernandez ein absoluter Sieggarant: Von den 15 Spielen, bei denen er zum Einsatz kam, hat Nürnberg keines verloren.
Mit Eric Porstner (19) spielte sich links hinten derweil ein weiteres Eigengewächs fest. Dem 21-jährigen Stürmer Piet Scobel gelang in der vergangenen Saison der Sprung von der Reserve zu den Profis, mit vier Treffern ist er nun Nürnbergs zweitbester Torschütze hinter Zoma. Beide Angreifer schwärmen von der Detailarbeit mit Trainer Klose, bekanntlich einem ehemaligen Weltklassestürmer.
Und dann ist da noch Marko Soldic, der in der vergangenen Saison im Alter von 16 Jahren und 38 Tagen zum zweitjüngsten Spieler in der Geschichte der 2. Bundesliga hinter Kennet Eichhorn avancierte. Soldic gilt als einer der vielversprechendsten Mittelfeldspieler Deutschlands. Womöglich beerbt er Fernandez, sofern dieser erwartungsgemäß im kommenden Sommer zum FC Bayern zurückkehrt.
Und womöglich kommt es dann ja zu einem Wiedersehen in der Bundesliga: Seit dem Abstieg 2019 erschien Nürnbergs Rückkehr in die Beletage des deutschen Fußballs noch nie so realistisch wie aktuell.