DAX +0,66 % 25.629,24 Pkt 18:00:00 MDAX -0,82 % 31.980,52 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,21 % 6.358,01 Pkt 18:00:00 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +1,43 % 4.107,00 USD 22:59:54 Silber +0,34 % 57,79 USD 22:59:48 Brent 0,00 % 90,12 USD 20:28:19 WTI 0,00 % 84,67 USD 22:59:59 Bitcoin +0,51 % 63.084,51 USD 12:24:57 EUR/USD +0,52 % 1,15270 USD 23:29:53 EUR/GBP -0,31 % 0,85510 GBP 23:29:53 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 23:29:53 EUR/JPY -3,08 % 181,491 JPY 23:29:53

Das Ende der günstigen chinesischen Uhren auf AliExpress?

Wirtschaft

Eine Knappheit bei mechanischen Uhrwerken treibt die Preise nach oben. Seikos NH-Kaliber sind kaum noch lieferbar, Marken wie San Martin ziehen kräftig an. Marken wie San Martin, Watchdives oder Sugess dürften hierzulande den meisten Menschen wenig sagen. Doch chinesische Uhrenhersteller haben in den vergangenen Jahren eine Lücke erobert, die japanische Firmen wie Citizen oder Seiko offengelasen haben: Mit erschwinglichen, aber hochwertigen und gut verarbeiteten Armbanduhren, gelang es den chinesischen Herstellern, einen Nerv zu treffen. Weiterlesen nach der Anzeige Manchmal als Hommage an große Designs von Rolex oder Omega, aber immer öfter auch mit eigenständigen Designentwürfen, haben sie mechanische Uhren wieder für eine breite Zielgruppe interessant gemacht. Chinesische Firmen konnten sich dieses Know-How aneignen, da europäische Hersteller einen Teil ihrer Produktion in die Volksrepublik ausgelagert haben. Wer jedoch in den vergangenen Monaten auf den Preis einer San Martin geschaut hat, reibt sich die Augen. Das Modell SN023-G steht im offiziellen AliExpress-Shop mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 623 Euro in der Liste, aktuell verkauft für rund 392 Euro. Noch vor zwei Jahren bekam man vergleichbare Uhren mit demselben Innenleben für 200 bis 250 Euro. In den Reddit-Foren r/ChineseWatches diskutiert die Käuferschaft entsprechend gereizt, ob die Marke den Bogen überspannt hat. Denn San Martin galt jahrelang als eine Art Preisbrecher: Schweizer Anmutung, sauberes Finish, tadellose Armbänder, alles zu einem Bruchteil der Preise der etablierten Konkurrenz. Der Grund für die Preissprünge liegt nicht in Gier allein. Es fehlt an einem simplen Bauteil: dem mechanischen Uhrwerk. Das Herzstück der 300-Dollar-Klasse Weiterlesen nach der Anzeige Um zu verstehen, was gerade passiert, muss man zwei Kaliber kennen. Das eine ist das Miyota 9015 des japanischen Citizen-Konzerns. Es schlägt mit 28.800 Halbschwingungen pro Stunde (4 Hertz), misst flache 3,9 Millimeter und stoppt den Sekundenzeiger beim Zeitstellen (Hacking). Kurz: ein zuverlässiges, dünnes Automatikwerk, das die 200- bis 400-Euro-Klasse trägt. Der Einkaufspreis lag laut dem Fachportal Time+Tide vor wenigen Jahren noch bei rund 90 Euro. Das zweite Werk ist Seikos NH-Serie (NH34, NH35, NH36). Es ist robuster, dicker, weniger genau – und war lange spottbillig. Im Großhandel wechselte ein NH35 teils für unter 30 Euro den Besitzer. Damit wurde es zum Standardmotor unzähliger Micro- und AliExpress-Marken und zum Liebling der Modding-Szene, die Seiko-Uhren nach eigenem Geschmack umbaut. Doch genau dieses billige Fundament bröckelt. Die Kettenreaktion beginnt bei Seiko Der US-Händler Long Island Watch machte die Lage im Mai 2026 in einem Video öffentlich. Die belegbaren Zahlen dahinter liefert der britische Großhändler Cousins, dessen Listenpreise ein Reddit-Nutzer dokumentiert hat: Am 1. Mai 2025 kostete ein NH35 dort 38,34 britische Pfund inklusive Mehrwertsteuer, am 1. April 2026 bereits 44,34 Pfund – und am 12. Mai 2026 sprang der Preis auf 95,94 Pfund. Eine Verdopplung binnen weniger Wochen. Das GMT-Werk NH34 zog im selben Zeitraum von 47,94 auf 107,94 Pfund an. Long Island Watch beziffert die Spanne für die gesamte NH-Serie von rund 30 auf über 100 Dollar. Warum? Ein ganzes Ursachenbündel wirkt zusammen. Seikos eigenes Uhrengeschäft läuft glänzend: Der Konzernumsatz im Uhrenbereich stieg im Geschäftsjahr April 2024 bis März 2025 um 11,7 Prozent auf 175,9 Milliarden Yen, die operative Marge kletterte auf 15,1 Prozent nach 14 Prozent im Vorjahr und 10,6 Prozent 2023. Wenn Seiko seine Werke gewinnbringender in eigenen Uhren verbaut, bleibt für Drittabnehmer weniger übrig. Hinzu kommen der Modding-Boom und der Hype um das GMT-Kaliber NH34, das seit seiner Einführung 2022 stark nachgefragt wird. Belegt ist außerdem, dass Seiko am 6. Oktober 2025 eine Mitteilung gegen gefälschte und modifizierte Uhren veröffentlichte. Auch die Handelspolitik verschärft die Lage, wie beispielsweise neue EU-Zölle auf AliExpress-Sendungen, die allgemeine weltweite Inflation und das volatile weltwirtschaftliche Umfeld. Ob Seiko die China-Marken gezielt ausbremst, wie es in Foren wie Watchuseek breit vermutet wird, ist damit nicht bewiesen. Die These liegt nahe – Seiko hat sichtbar ein Interesse daran, dass günstige NH-Homages nicht die eigenen Modelle kannibalisieren –, bleibt aber Spekulation der Community. Nüchterner formuliert es ein Forennutzer: Wenn Nachfrage das Angebot übersteigt, steigt der Preis, bis beides wieder passt. Alle fliehen zu Miyota – und Miyota wird eng Die logische Reaktion der Marken: Wer keinen NH mehr bekommt, bestellt Miyota. Genau das lässt nun auch die 2022 eingeführte und extrem beliebte 9000er-Serie knapp werden. San Martin selbst teilte mit, dass die Miyota-9XXX-Reihe und die NH-Werke wegen Knappheit "drastisch" teurer geworden seien und Miyotas Auftragsbuch bereits bis Oktober 2027 gefüllt sei. Fallstudie San Martin: vom Preisbrecher zur Premiummarke San Martin zeigt die Dynamik im Zeitraffer. Das Ranking-Portal Timed Reviews beobachtet, dass Neuheiten der Marke inzwischen bei 250 bis über 350 Euro starten, während Shop-UVPs inzwischen in die Region von 600 Euro reichen. Die Marke rechtfertigt das mit besserem Finish, entspiegeltem Saphirglas und aufwendigen Schließen – ein Qualitäts-Wettrüsten, das echte Kosten verursacht. San Martin reagiert selbst mit einem Kaliberwechsel: Man setze zunehmend auf chinesische Seagull-Werke wie das ST2130, die von Marktknappheit verschont blieben; künftig wolle man mehr in China entwickelte Seagull- oder Peacock-Werke nutzen und arbeite sogar an einem eigenen, exklusiven Kaliber. Für Käufer hat der Aufstieg eine Kehrseite: Wer teuer kauft, verliert beim Verkauf überproportional. Und der Titel des Preis-Königs wandert weiter: Als aktuelle Preis-Leistungs-Hüter gelten Marken wie Proxima, Sugess oder Addiesdive. Ein Déjà-vu aus der Schweiz Der Vorgang hat ein historisches Echo. Anfang der 2000er drohte die Swatch Group, ihre ETA-Werke für Drittabnehmer abzuriegeln. Das zwang die Branche zur Suche nach Alternativen – und ließ Hersteller wie Sellita groß werden. Ob sich die Geschichte wiederholt, ist offen. Als Deutungsmuster taugt sie: Ein dominanter Zulieferer dreht den Hahn zu, der Markt erfindet Ersatz. Nur läuft der Film diesmal in China – und dort steht der Ersatz teils schon bereit. Chinesische Kaliber auf dem Vormarsch Als Lückenfüller drängen zwei ETA-2824-Klone nach vorn: das Seagull ST2130 und das PT5000, beide mit 4 Hertz und Einkaufspreisen von grob 30 bis 50 Dollar. Dazu kommen geklonte NH35 zum halben Preis des Originals. Doch die Qualität streut. In den Foren berichten Nutzer von Ausfallraten – die Marke Phorcydes etwa nennt für den PT5000 eine Fehlerquote von zwei bis drei Prozent. Die vom ehemaligen Staatskonzern Seagull entwickelten Werke gelten hingegen als robust und zuverlässig, wenn auch technisch weniger raffiniert als Miyota. Der große Rahmen: Alle werden teurer Der Preisauftrieb ist indes kein rein chinesisches Phänomen. Laut einer Hodinkee-Analyse zog 2025 die gesamte Branche an – Patek Philippe um rund 22 Prozent, Rolex um etwa 7 Prozent. Interessant für die AliExpress-Käuferschaft: Das wachsende Schweizer Segment liegt ausgerechnet zwischen 200 und 500 Franken. Genau in diese Zone drängen die chinesischen Marken nun mit ihren gestiegenen Preisen – und treffen dort auf echte Konkurrenz. Eine Citizen Tsuyosa etwa startet bei rund 329 Euro, dazu kommen Seiko 5 Sports, Orient oder gebrauchte Einsteiger-Schweizer. Der Schnäppchenvorsprung schrumpft. Drei Szenarien – und ein offenes Ende Wie es weitergeht, lässt sich in drei Bahnen denken. Erstens: Seiko beruhigt den Markt und erhöht die Produktion – kurzfristig unwahrscheinlich, weil die eigenen Uhren margenstärker sind. Zweitens: Chinesische Werke wie ST2130 und PT5000 werden zum neuen Standard, samt eigener Kaliber, wie San Martin sie ankündigt. Drittens: Unter den Hunderten Micro- und AliExpress-Marken kommt es zur Marktbereinigung, weil kleinere Anbieter die Mindestabnahmen und Preise nicht mehr stemmen. Fest steht bislang nur das Ergebnis: Das goldene Zeitalter der 200-Euro-Wunderuhr scheint sich langsam seinem Ende entgegenzuneigen.

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