DAX +1,57 % 25.577,02 Pkt 15:46:07 MDAX +1,69 % 30.380,88 Pkt 15:46:08 Euro Stoxx 50 +0,62 % 6.154,13 Pkt 15:46:00 Dow Jones +0,39 % 52.416,52 Pkt 16:01:08 S&P 500 +1,23 % 7.717,65 Pkt 16:01:08 Nasdaq +1,80 % 26.422,62 Pkt 16:01:03 Nikkei +1,73 % 63.268,37 Pkt 07:45:03 Gold +0,62 % 4.063,60 USD 15:51:08 Silber +0,35 % 54,30 USD 15:51:05 Brent -5,47 % 109,48 USD 15:51:03 WTI -1,42 % 100,32 USD 15:51:07 Bitcoin +0,43 % 80.348,92 USD 16:01:06 EUR/USD -0,59 % 1,11520 USD 16:00:44 EUR/GBP -0,23 % 0,83660 GBP 16:01:07 EUR/CHF -0,11 % 0,92310 CHF 16:01:08 EUR/JPY -0,07 % 175,798 JPY 16:01:08

Das rät ein Soziologe

Wissenschaft

"Einsamkeit ist aktuell wirklich ein großes gesellschaftliches Problem", sagt auch Claus Wendt, Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen. Im WDR-Interview schildert er, welche Gefahren von Einsamkeit ausgehen.

WDR: Was ist Einsamkeit?

Claus Wendt: Einsamkeit ist häufig ein Empfinden von den Personen selbst. Es geht um diesen Zusammenhang zwischen den bestehenden sozialen Kontakten und dem, was man sich für sich selber wünscht. Dadurch ist das ein sehr individuelles Thema, ein individuelles Problem.

Prof. Dr. Claus Wendt, Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen

Bildquelle: vdek/Konrad Gös

Es kann gut sein, dass Menschen, die in relativ einsamen Gegenden leben, damit gut klarkommen, weil die wenigen sozialen Kontakte, die sie haben, für sie auch dem entsprechen, was sie sich wünschen. Andere wünschen sich immer mehr soziale Kontakte, merken aber, dass sie nicht viele Leute haben, denen sie sich anvertrauen können. Dann fühlen sie sich nicht nur alleine gelassen, sondern auch wirklich einsam.

WDR: Wie verbreitet ist Einsamkeit? Sind heute viele Menschen einsam?

Wendt: Das ist ein Thema, das uns jetzt gesellschaftlich wirklich intensiv beschäftigt. Das war vor 10 bis 15 Jahren noch nicht in diesem Umfang da. Von daher ist das aktuell wirklich ein großes gesellschaftliches Problem, um das wir uns wirklich auch in allen Bereichen umfassend kümmern müssen - in der Forschung, aber auch in der Gesellschaft und in der Politik.

Diese wirklich problematische Einsamkeit nimmt zu. Wir sehen, dass das starke, als problematisch angesehene Empfinden von Einsamkeit während der Corona-Zeit, stark zugenommen hat. Aber in der Nach-Corona-Zeit ist es überall auf diesem Niveau geblieben - vor allem unter den jüngeren Generationen. Und das muss uns natürlich besonders zum Nachdenken zwingen.

WDR: Was ist der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein?

Wendt: Am Ende geht es darum, dass man weniger Kontakte hat, als man sich wünscht und das auch wirklich als negativ, teilweise sogar als Schmerz, empfindet. Wir kennen das aus der Kognitionsforschung oder der kognitiven Neuropsychologie. Da können die Gehirnströme gemessen werden und dieses Empfinden von Einsamkeit sitzt dort, wo auch anderer Schmerz empfunden wird. Einsamkeit wird also wirklich als schmerzhaft empfunden. Das ist dann natürlich wirklich starke Einsamkeit, die problematisch ist.

Wenn man sich hingegen vorübergehend alleine fühlt, das muss man aushalten können. Das ist ja auch teilweise ein gutes Empfinden für gesellschaftliche Prozesse. Nur dann nimmt man auch wieder Kontakt zu anderen Menschen auf.

WDR: Ist es dann also zum Teil auch gut, mal alleine zu sein?

Smartphones und Social Media verhindern Gefühle von Langeweile.

Bildquelle: WDR / picture alliance / Monkey Business 2/Shotshop

Wendt: Unbedingt. Jetzt würde ich mich auch einfach wieder auf die jungen Menschen beziehen: Dadurch, dass man ständig Social Media ausgesetzt ist, hat man ja das Gefühl, gar nicht mehr alleine zu sein, oder dass einem vielleicht mal langweilig ist. Aus meiner Sicht wäre es aber sehr wichtig, dass man auch mal Ruhe sucht, mal Zeit mit sich alleine verbringt und nicht irgendwelchen Reizen ausgesetzt ist.

Aktuell, glaube ich, muss man solche Ruhepunkte häufiger suchen als in der Vergangenheit, weil man durch die ständige Erreichbarkeit kaum noch in solchen Situationen ist.

WDR: Wie gefährlich ist Einsamkeit? Und wie äußern sich diese Gefahren?

Wendt: Erstmal gibt es natürlich ganz allgemeine Gefahren - auch für unsere Gesellschaft und Politik. Wenn man sich wirklich zurückzieht, dann nimmt man auch nicht mehr an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teil. Das hat dann Auswirkungen auf das Wahlverhalten. Unsere Demokratie ist davon abhängig, dass die Leute sich beteiligen.

Auch bei wirtschaftlichen Prozessen sind wir darauf angewiesen, dass gerade die jungen Menschen gut in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wir brauchen jeden, der sich daran beteiligt - auch, wenn es darum geht, neue und bessere Arbeitsbedingungen aufzubauen.

WDR: Welche Gefahren gibt es noch?

Wendt: Eines der großen Probleme ist natürlich auch die Gesundheit. Man kann eine Kausalität nachweisen, dass durch Einsamkeit alle möglichen Krankheiten entstehen können. Das fängt mit Bluthochdruck oder anderen Problemen, die stressbasiert sind an, aber es gibt auch Zusammenhänge mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder mit Krebserkrankungen.

Auch im Bereich Arbeitslosigkeit und Armut sehen wir Prozesse, die sich durch Einsamkeit verstärken. Gerade arbeitslose Personen haben ja nicht mehr die Kontakte, die sie früher im Erwerbsleben hatten. Dadurch ziehen sie sich weiter zurück und dann fällt es oft schwerer, eine neue Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Darum halte ich das auch gerade für junge Menschen, für so dramatisch. Denn wenn man das gar nicht erst richtig lernt soziale Kontakte aufzubauen, dann fällt es einem später noch schwerer.

WDR: Ist es schwer aus der Einsamkeit herauszukommen? Und wenn ja, warum?

Wendt: Am Ende gibt es natürlich auch da diese Gruppe der schwer Erreichbaren, die dann auch wirklich gar nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Und bei denen gibt es meines Wissens kaum Konzepte, wie man sie wieder integrieren kann. Ansonsten sind da natürlich die etablierten gesellschaftlichen Institutionen. Vereine sind hier besonders wichtig.

Gemeinsames Gaming mit Freunden kann gegen Einsamkeit helfen.

Bildquelle: Monkey Business 2/Shotshop/picture alliance

Vereine müssen aber auch so ausgestattet werden, dass sie geschultes Personal haben, dass mit den Leuten umgehen kann. Da muss man Vereine finanziell deutlich besser unterstützen. Aber auch Schulen, weil es ja zunehmend auch um Kinder und Jugendliche geht. Andere Länder haben die zehnfache Zahl an Psychologen und Menschen in sozialer Arbeit an den Schulen, sodass man auch wirklich mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten kann.

WDR: Was kann man selber machen, wenn man sich einsam fühlt?

Auch ruhige Hobbies wie Stricken können in der Gruppe Spaß machen.

Bildquelle: imago images/Westend61

Wendt: Grundsätzlich würde ich dazu raten, dass man guckt, was bieten Vereine in der Umgebung an - also nicht nur Sportvereine, sondern auch Lesezirkel oder ähnliches. So, dass man sich da auch wiederfindet und darüber dann auch schrittweise Kontakte zu anderen aufbaut. Und es gibt auch zunehmend Nachbarschaftstreffen um aktiv Einsamkeit zu verringern.

Außerdem gibt es immer mehr Homepage-Angebote. Gerade in NRW gibt es von der Landesregierung eine große Plattform, wo man nachsehen kann, welche Maßnahmen und Projekte es zur Reduzierung von Einsamkeit gibt. Da kann man auch seinen Ort eingeben und findet dann auch relativ schnell über eine einfache Suchmaske, bestimmte Maßnahmen und Angebote in der eigenen Region.

Das Interview wurde geführt von WDR-Reporterin Catharina Coblenz. Es wurde für die schriftliche Form leicht sprachlich angepasst, ohne den Inhalt zu verändern.

Sendung: WDR.de, Welche Gefahren gehen von Einsamkeit aus?, 23.10.2026, 05:00

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren