DAX +0,44 % 25.818,21 Pkt 18:00:00 MDAX +0,15 % 30.472,32 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -1,22 % 6.131,31 Pkt 18:00:00 Dow Jones -1,34 % 51.770,31 Pkt 21:47:53 S&P 500 -2,12 % 7.580,07 Pkt 21:47:43 Nasdaq -4,19 % 25.437,00 Pkt 22:15:59 Nikkei -0,31 % 63.095,11 Pkt 03:35:02 Gold +0,36 % 3.913,00 USD 04:17:12 Silber +2,04 % 50,10 USD 04:17:14 Brent -6,33 % 110,19 USD 04:16:56 WTI -3,06 % 100,93 USD 04:17:15 Bitcoin +0,32 % 78.483,86 USD 04:27:13 EUR/USD -0,11 % 1,11710 USD 04:26:30 EUR/GBP -0,17 % 0,83440 GBP 04:27:17 EUR/CHF -0,01 % 0,92080 CHF 04:27:16 EUR/JPY -0,04 % 176,396 JPY 04:27:16

Das Rätsel um die Frau, die am Tag vor dem 11. September verschwand

Welt

Am 10. September 2001 verschwindet die Ärztin Sneha Anne Philip spurlos in New York. Einen Tag später stürzen die Twin Towers ein. Starb die 31-Jährige bei den Terroranschlägen des 11. Septembers oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Bis heute gibt ihr Schicksal Rätsel auf.

10. September 2001: Sneha Anne Philip hatte an diesem Montag frei. Nachdem ihr Mann Ron Lieberman die gemeinsame Wohnung in Battery Park City, einem gehobenen Viertel in Manhattan, verlassen hatte, topfte die 31-Jährige zunächst ein paar Orchideen um, räumte ein bisschen auf. So schildert das "New York Magazin" die letzten bekannten Stunden der jungen Ärztin.

Am Nachmittag schrieb sie mit ihrer Mutter: Sie erzählte von einem tollen Abend mit ihrem Mann und welche Pläne sie für das kommende Wochenende hatte. Nach rund zwei Stunden verabschiedete sich Sneha aus dem Chat – sie wolle noch ein paar Besorgungen machen.

Kurz nach 18 Uhr benutzte sie die Kreditkarte ihres Mannes im Laden Century 21, nur wenige Blocks von zu Hause entfernt. Das sollte später die Kreditkartenabrechnung zeigen. Sie kaufte ein Kleid, Dessous, Strümpfe und Bettwäsche, im Laden nebenan noch drei Paar Schuhe.

Als Ron nach Mitternacht von seiner Schicht im Krankenhaus zurückkehrte, fand er die gemeinsame Wohnung verlassen vor. Sneha hatte wohl wieder vergessen, Bescheid zu sagen, dass sie ausging, dachte er. Es wäre nicht das erste Mal. Auch am frühen Morgen war Sneha noch nicht zurück. Sie hat wohl wieder bei einer Freundin oder bei ihrem Bruder übernachtet, glaubte Ron. Noch machte er sich keine Sorgen.

Ein Anruf ins Leere

Ein ungutes Gefühl beschlich ihn erst Stunden später: In der Klinik sah er im Fernsehen, wie ein Flugzeug der American Airlines um 8:46 Uhr in den nördlichen Turm des World Trade Centers raste. Er rief zu Hause an – die Wohnung lag nur wenige Gehminuten von den Twin Towers entfernt. Niemand hob ab. Sneha hatte kein Handy, sie meldete sich nicht zurück und auch Freunde und Verwandte hatten nichts von der 31-Jährigen gehört.

Jetzt machte sich Ron Sorgen.

Wenige Minuten nach dem ersten Flugzeug stürzte ein zweites in den südlichen Tower des World Trade Centers, eine halbe Stunde später ein drittes ins Pentagon bei Washington D.C. Rund 3.000 Menschen starben an diesem Tag. Was mit Sneha Anne Philip geschah, bleibt jedoch ein Rätsel: Wurde auch sie Opfer der Terroranschläge am 11. September – oder gibt es für ihr Verschwinden eine andere Erklärung?

Nur Staub in der leeren Wohnung

Als New York am 11. September 2001 im Chaos versank, schlug sich Ron gegen den Strom aus fliehenden Menschen nach Manhattan durch, um nach seiner Frau zu suchen. Als er am nächsten Morgen in die Wohnung eintrat, war das Innere von feinem Staub bedeckt, der vom Ground Zero durch ein offenes Fenster hineingelangt war. Doch Sneha war nicht da.

Neben Sneha Anne Philip wurden an jenem 11. September in New York rund 9.000 Menschen vermisst gemeldet. In den folgenden Tagen und Wochen leerte sich die Liste langsam, weil Namen doppelt aufgeführt waren, Menschen wiederauftauchten – oder ihre Leichen geborgen wurden. Sneha Anne Philips Name blieb zunächst auf dieser Liste.

Die Frau vor dem Aufzug: Ist es Sneha?

Ihre Familie war schnell überzeugt, dass sie bei den Terroranschlägen ums Leben gekommen sein musste. Es war für sie die einzig plausible Erklärung: Vielleicht war die junge Ärztin zur Katastrophe geeilt, um zu helfen – und wurde, wie so viele andere, vom Einsturz des World Trade Centers überrascht. Eine Heldin, die bei ihrem Einsatz für das Leben anderer ums Leben kam.

Einen möglichen Hinweis darauf schienen zunächst Bilder einer Überwachungskamera zu geben: Eine Frau betritt darin den Eingangsbereich des Wohnhauses, in dem Sneha und Ron lebten – kurz bevor das erste Flugzeug in einen der Twin Towers einschlug. In der Nähe des Aufzugs bleibt die Frau stehen und wartet, bis sie sich schließlich umdreht und geht.

Die Aufnahmen sind zu stark überbelichtet, als dass ihr Mann Ron es mit Sicherheit sagen könnte – doch Silhouette, Frisur und das Kleid passen zu Sneha. Allerdings hat die Frau keine Einkaufstüten bei sich. Was Sneha am Tag zuvor im Century 21 gekauft hatte, tauchte auch nicht in der Wohnung des Paares auf.

Überhaupt gibt es keinen Hinweis darauf, dass Sneha noch einmal in die Wohnung zurückgekehrt war – bis auf ein mysteriöses Detail. Am frühen Dienstagmorgen des 11. Septembers gegen 4 Uhr rief jemand vom Festnetzanschluss der Wohnung auf Rons Handy an. Er vermutete, dass er im Halbschlaf wohl selbst angerufen hatte um seine Nachrichten abzuhören – erinnern konnte er sich daran jedoch nicht.

Begann Sneha Anne Philip mitten im Chaos ein neues Leben?

Um seine Frau zu finden, engagierte Ron einen Privatdetektiv. Ken Gallant, ein ehemaliger FBI-Agent, brachte schnell eine andere Möglichkeit für Snehas Verschwinden ins Spiel: Die 31-Jährige könnte abgetaucht sein und irgendwo ein neues Leben begonnen haben. Doch vieles spricht dagegen.

Ihre Brille, ihren Reisepass, ihre Kreditkarten und den Führerschein – all das hatte Sneha zurückgelassen, als sie aus dem Haus ging. Die Kreditkarte ihres Mannes, mit der sie am 10. September noch shoppen war, wurde danach nie wieder benutzt. Und auch auf ihrem Computer fanden sich keine Hinweise darauf, dass sie durchbrennen wollte.

Eine Verkäuferin bestätigte, Sneha Anne Philip im Century 21 gesehen zu haben – in Begleitung einer Freundin. Könnte Sneha beim Shoppen die Freundin zufällig getroffen, den Abend und die Nacht bei ihr verbracht haben – und am nächsten Morgen auf dem Heimweg von den Terroranschlägen überrascht worden sein?

Wer die Freundin war – noch ob sie überhaupt existierte –, wird nie geklärt. Doch auch die Polizei hielt Sneha zunächst für eines der Opfer des 11. September. Doch sie ermittelte weiter – und zeichnete dann eine ganz andere Version von Sneha Anne Philips Verschwinden.

Ein Leben gerät aus den Fugen

Demnach war Snehas Leben in den Monaten vor ihrem Verschwinden völlig aus den Fugen geraten – so beschreiben es Polizeiberichte und Gerichtsakten laut "New York Magazin". Aufgrund von Verspätungen und "alkoholbedingten Problemen" sei ihr Vertrag am Cabrini Medical Center im Frühjahr 2001 nicht verlängert worden. Kurz darauf erstattete Sneha nach einer Nacht in einer Bar Anzeige gegen einen ihrer Kollegen: Er habe sie unsittlich berührt.

Das Verfahren gegen den Mann wurde eingestellt – stattdessen wurde Sneha wegen falscher Verdächtigung angeklagt. Weil sie ihre Aussage nicht widerrufen wollte, verbrachte sie sogar eine Nacht hinter Gittern. An ihrer neuen Stelle am St. Vincent's Medical Center auf Staten Island sei sie später suspendiert worden, weil sie einen Termin bei ihrem Suchtberater versäumt habe.

Der Streit am letzten Morgen

In den Akten ist auch von Eheproblemen die Rede. Sneha sei häufiger nicht nach Hause gekommen und habe die Nacht teils bei Frauen verbracht, die sie erst abends in einer Bar kennengelernt habe. Und einen Monat vor ihrem Verschwinden soll ihr Bruder John sie mit seiner damaligen Freundin beim Sex überrascht haben.

Ausgerechnet am Morgen des 10. September hatte Sneha wegen der angeblichen Falschanzeige noch einen Gerichtstermin. Danach sei es laut Polizeibericht zu einem heftigen Streit mit ihrem Ehemann gekommen: Er habe ihr Alkohol- und Drogenkonsum sowie sexuelle Kontakte zu Frauen vorgeworfen. Sie sei daraufhin wütend davongestürmt.

Könnte Sneha am Abend des 10. Septembers wieder in den Bars unterwegs gewesen und an die falsche Person geraten sein? Doch Verbrechen hinterlassen Spuren – und eine Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Die andere Seite der Geschichte

Im Januar 2004 strich das Nachlassgericht den Namen Sneha Anne Philip dann offiziell von der Liste der 9/11-Opfer. "Es gab keinerlei Beweise dafür, dass sie am 11. September noch lebte", hieß es laut "Independent" zur Begründung.

Snehas Familie bestreitet jedoch fast jedes Detail, das in den Polizeiberichten und Gerichtsakten über die Vermisste zu lesen ist. Sie sei nicht wegen Alkoholproblemen entlassen worden, sondern habe rassistische und sexuelle Diskriminierung am Arbeitsplatz angeprangert. Das Krankenhaus wiederum erklärte gegenüber dem "New York Magazin", es seien keine derartigen Vorwürfe bekannt.

Dass seine Frau Frauen in Bars kennenlernte und manchmal bei ihnen übernachtete, bestreitet ihr Ehemann Ron Lieberman nicht – wohl aber die sexuelle Deutung dahinter. Sneha habe Lesbenbars bevorzugt, weil sie dort vor Männern in Sicherheit gewesen sei – nicht zuletzt wegen des Übergriffs durch den Kollegen. Die Nächte mit Frauen hätten aus Gesprächen, Kunst und Musik bestanden. Einmal sei sie morgens mit Farbe bedeckt nach Hause gekommen, nachdem sie die Nacht bei einer Künstlerin verbracht habe.

Die Behauptung, seine Frau sei bisexuell gewesen, bezeichnet Lieberman gegenüber dem "New York Magazin" als absurd. Und den Streit am Morgen des 10. September habe es nach Angaben des Ehemannes so nie gegeben. Auch ihr Bruder John bestreitet, Sneha und seine Freundin und spätere Frau beim Sex erwischt zu haben – tatsächlich habe er nie mit dem angeblichen Ermittler gesprochen.

Alkoholkonsum und depressive Phasen räumt die Familie ein, bewertet sie aber als vorübergehende Episode. Sneha sei gerade dabei gewesen, wieder Fuß zu fassen. "Selbst wenn sie all das getan hätte, erklärt das nicht, was passiert ist", sagte Ron Lieberman dem "New York Magazin".

Der Kampf um Anerkennung

2005 entschied ein Richter in Manhattan: Sneha ist offiziell am 10. September 2004 verstorben, exakt drei Jahre nach Beginn ihres unerklärlichen Verschwindens. So will es das Gesetz. Für die Familie ein schwerer Schlag.

Sie kämpften erbittert gegen das Urteil, bis es 2008 von einem Berufungsgericht aufgehoben wurde. Auch ohne Beweis, dass Sneha an jenem Morgen am World Trade Center vorbeigekommen ist, sei es wahrscheinlich, dass sie "an diesem Ort starb, denn nur die wildesten Spekulationen lassen eine andere Schlussfolgerung zu", schrieb der zuständige Richter laut "Independent".

Eine letzte Spur?

2021 keimte noch einmal Hoffnung auf, Snehas Schicksal doch noch zweifelsfrei aufzuklären: Die New Yorker Gerichtsmediziner erhielten laut „Independent“ die Genehmigung, am Ground Zero geborgene, bislang nicht zugeordnete menschliche Überreste mit neuer DNA-Technologie zu untersuchen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Überreste von rund 1.100 Opfern noch nicht identifiziert. Dass es einen Treffer, ist nicht bekannt.

Empfehlungen der Redaktion

Zwei Männer auf Fabrikgelände in Hamburg getötet

Nächster möglicher Anschlag auf deutsches Stromnetz in NRW

Spanische Polizei schnappt Deutschlands meistgesuchten Drogenschmuggler

Nach dem Gerichtsbeschluss von 2008 ist Sneha Anne Philip offiziell ein Opfer der Terroranschläge des 11. Septembers 2001. Seither steht ihr Name als 2.751. Opfer der Terroranschläge auf dem Denkmal für die Toten des 11. September 2001. Für ihre Familie bleibt sie eine Heldin – und der Ground Zero ein Ort, an dem sie heute um sie trauern können.

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren