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„Dass hier so viel plattgemacht werden soll, betrifft alle Berliner“: Sterndemo zieht mit vielen Teilnehmern vor das Rote Rathaus

Nation

Knapp eine Woche vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat ein großes Bündnis aus fast 100 Organisationen, Initiativen und Gewerkschaften für diesen Samstag zur „Sterndemo“ aufgerufen – darunter Hand in Hand, Fridays for Future Berlin, Queermany, Verdi, ADFC, A100 wegbassen und die Omas gegen Rechts.

Aus verschiedenen Teilen Berlins zogen sieben Demonstrationszüge sternförmig in Richtung Rotes Rathaus. Die 19.000 Teilnehmer brachten dabei ganz unterschiedliche politische Forderungen mit.

Es geht um Klimaschutz und die Mobilitätswende, um soziale Gerechtigkeit, Queerfeminismus und Antirassismus, um den Kampf gegen den Rechtsruck und den Schutz der Demokratie. Die thematischen Demonstrationszüge sind am Nachmittag am Roten Rathaus zusammengelaufen. Dort gibt es eine gemeinsame Abschlusskundgebung.

Die Organisatoren verstehen die Sterndemo als gemeinsames Zeichen der Berliner Zivilgesellschaft, das Motto lautet „Zeit, dass sich was dreht“. Parteifahnen und Nationalflaggen sollen dabei zu Hause bleiben.

Vor dem RAW-Gelände versammelt sich ab 13 Uhr die Initiative „A100 wegbassen“ mit einer Tanzdemo zum Roten Rathaus. Seit drei Jahren setzt sie sich gegen den Weiterbau der Stadtautobahn A100 und für die Umsetzung der Mobilitätswende in Berlin ein. Mit dem Protest wollen die Veranstalter Freiräume, Clubs und Kulturorte verteidigen, die durch die A100, weitere Bauprojekte und den zunehmenden Verdrängungsdruck bedroht sind.

„Lasst uns nach der Wahl in Sachsen-Anhalt ein Zeichen setzen, dass wir das nicht einfach so hinnehmen“, ruft eine Sprecherin von einem der beiden Demo-Wagen. Sie tragen die Aufschrift „Kühler Wald statt heißer Asphalt. Keine 632 Mio für die Straßen-TVO“.

An einem Stand sind Materialien bereitgestellt, mit denen man sich ein eigenes Demoschild basteln kann. „Ende der Autostadt“ oder „Raven statt Killen“ stehen auf den ersten bunt verzierten Transparenten, die hier entstehen.

LSBTIQ*-Flaggen wehen im Wind, Regenbogenfarben finden sich auch in den Haaren und sogar Bärten einiger Teilnehmer wieder.

„Ich bin heute auf der Straße, weil ich hoffe, dass dieser schreckliche Autobahnausbau doch noch irgendwie verhindert werden kann“, sagt eine ältere Dame, die heute alleine zu der Kundgebung gekommen ist. Sie wohne mittlerweile in Charlottenburg und nicht mehr in Friedrichshain. „Dass hier so viel platt gemacht werden soll, betrifft aber alle Berliner.“ Besonders der ebenfalls betroffene Plänterwald dürfe nicht angerührt werden, sagt sie.

Um 13.45 Uhr setzt sich der Demozug von „A100 wegbassen“ schließlich in Bewegung und macht seinem Namen alle Ehre: Zu dröhnenden Technobeats tanzen dutzende Raver hinter den Lautsprecherwagen her.

Demozüge schließen sich am Holzmarkt zusammen

Etwa eine Stunde später schließt sich der Demozug an der Holzmarktstraße mit den Demonstrierenden der von „Fridays for Future Berlin“ veranstalteten Kundgebung „Berlin muss klimagerecht!“ zusammen, die gegen 13.30 Uhr am Moritzplatz gestartet war.

Auch viele Kinder und Schüler laufen mit selbstgestalteten bunten Schildern und Kleidungsstücken bei dem Zug mit. „Eine Sache, die wir verteidigen müssen, ist die Klimabildung. Wenn die Rechten an die Macht kommen, dann ist das eine der ersten Sachen, die sie angreifen“, sagt ein junges Mitglied von Fridays for Future.

Im Hintergrund stimmt ein Mann mit Megafon die Parole „siamo tutti antifascisti“ an. Auch der Ausruf „Ganz Berlin hasst die AfD“ ist oft zu hören.

Der Weg der aus Kreuzberg kommenden Demonstrierenden führte über die Heinrich-Heine-Straße, wo sich ihnen zahlreiche weitere Menschen anschlossen.

Die dortige an Kreuzberg angrenzende Nachbarschaft hat sich zu der Kundgebung „Mitte liebt Vielfalt“ zusammengeschlossen. Laut den Initiatoren soll die AfD bald in ein Bürogebäude am dortigen Köllnischen Park einziehen. Die Partei stehe aber gegen das, was den Kiez rund um den bekannten KitKat-Club ausmache: Toleranz und Vielfalt.

AfD soll in Gebäude mit Flüchtlingsambulanz ziehen

Im selben Gebäude seien auch eine Flüchtlingsambulanz, eine Sprachschule und ein psychotherapeutisches Institut untergebracht, wo sie selbst gerade eine Ausbildung mache, erzählt eine 28‑jährige Frau, die anonym bleiben möchte.

„Ich habe durch Flyer im Kiez von dem anstehenden Einzug der AfD erfahren und mich dann mit meinen Kommilitonen zusammengeschlossen“, sagt sie. Vor allem für sie als angehende Psychotherapeutin mit türkischen Eltern werfe der Einzug der Partei neue Fragen auf: „Der Rechtsruck in diesem Land ist wie eine dunkle Wolke am Horizont. Dieser Druck wird sicherlich zu einem Anstieg psychischer Erkrankungen führen, besonders bei Menschen mit Migrationshintergrund.“

Vom Pankower Garbatyplatz aus hat sich ein Bündnis aus dem Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC), Changing Cities und anderen Vereinen mit dem Fahrrad auf den Weg zum Roten Rathaus gemacht. Laut der Polizei waren 80 Teilnehmende dabei.

Sie alle wollen vor der Wahl noch einmal ein starkes Zeichen setzen, „für eine faire Mobilität für alle“, sagt SuSanne Grittner, die ganz vorn mit ihrem roten Lastenfahrrad mitfährt. Seit 29 Jahren ist sie beim ADFC aktiv. Dort sitzt sie im Berliner Landesvorstand und kümmert sich unter anderem um Demonstrationen und andere Aktionen.

In der Verkehrspolitik sei zuletzt „viel weniger passiert als vorher“, so ihre Bilanz. Die aktuelle Regierung habe nicht nur Projekte gestoppt, sondern „will Radwege zurückbauen“. Auch solche, „die ganz stark angenommen wurden von der Bevölkerung“. Dazu gehöre der auf der Kantstraße. Vor 2020 sei dort das Radfahren nur „für Menschen, die sehr selbstbewusst gefahren sind“, möglich gewesen. Seit 2020 existiere dort ein Radweg, nun aber solle der wieder abgebaut und durch einen schmalen Streifen für Bus und Fahrräder ersetzt werden. Rückschritte wie diesen sehe man auch in Unten den Eichen in Steglitz oder in der Ollenhauerstraße in Reinickendorf.

„Wir wollen aber, dass es vorwärtsgeht. Wir brauchen eine progressive Verkehrspolitik“, sagt Grittner. „Dafür brauche es gut ausgebaute Radwege, breitere Gehwege, mehr Sharing-Mobilität.“ Über die Verkehrspolitik hinaus gehe es auch darum, zu zeigen, dass die Berliner:innen mit ihrer Wahl eine Entscheidung treffen – für ein offenes und progressives Berlin oder ein intolerantes und rückschrittliches.

Dass sich gerade in der Politik so viel verändert und rechte Kräfte immer stärker werden, beängstigt die Schwestern Elisabeth und Lena sehr. Daher sind sie hier: Zum einen, weil ihr Vater Frank beim ADFC ist, aber auch, weil eine progressive Verkehrspolitik so viel mehr bedeutet. Sie wünschen sich eine grünere und inklusivere Verkehrspolitik.

Elisabeth ist nicht so oft mit dem Fahrrad unterwegs. „Der Ton auf der Straße wird immer rauer, besonders gegenüber jungen Frauen“, sagt die 20‑Jährige. Mit ihrer 22-jährigen Schwester will sie ein Zeichen gegen Rechts setzen.

50 Menschen aus der Zivilgesellschaft haben sich in der Anton-Wilhelm-Amo-Straße an der Westseite der U-Bahn-Station Stadtmitte versammelt. Unter dem Motto „Weltstadt mit Haltung: Klare Kante gegen Rechts!“ setzen sie sich für ein solidarischen Zusammenleben ein.

Die Zahl der Teilnehmer ist noch sehr überschaubar, als die Geschäftsführerin des Berliner Landesentwicklungspolitischen Ratschlags, Sylvia Werther, betont: „Wir müssen zeigen, dass wir eine starke Zivilgesellschaft sind.“ Doch Berlin müsse global gedacht werden. Schließlich sei Berlin eine Weltstadt.

Auf der Kundgebung sprechen die Redner:nnen denn auch über die globale Entsolidarisierung, Klimaneutralität, Lieferketten oder darüber, Berliner:innen aus Afrika mehr einbeziehen zu wollen.

Um Viertel vor eins schließt sich die kleine Kundgebung dem großen Demozug an. Die Sängerin und Aktivistin Miss Audacity singt da gerade ihren Song „Sonnenaufgang“. Der Sonnenaufgang steht metaphorisch für einen neuen Aufbruch. Gemeinsam mit den Teilnehmenden der Kundgebung setzt sich der Demozug in Bewegung – Richtung Rotes Rathaus, dem Sonnenaufgang entgegen.

Abschluss vor dem Roten Rathaus

Gegen 16 Uhr trafen die verschiedenen Demonstrationszüge vor dem Roten Rathaus zur Abschlusskundgebung zusammen. Von mehreren Startpunkten hatten sie den Zielpunkt erreicht: die „A100 wegbassen“-Demo vom RAW-Gelände, der „Queerfem* March“ vom S-Bahnhof Landsberger Allee, die Leute, die sich vom Potsdamer Platz aus für „Schutz der Demokratie und Menschenrechte“ eingesetzt hatten, „Berlin muss klimagerecht!“ vom Moritzplatz, „Soziale Teilhabe für alle!“ vom Pariser Platz, die „Glänzende Demonstration“ vom Rosa-Luxemburg-Platz und die diversen Fahrraddemos.

Bis 17.30 Uhr gibt es zahlreiche Redebeiträge und Musik-Acts. „Liebe ist stärker als Hass“ ruft der queere Pop-Sänger Leopold und stimmt auf der großen Bühne unter Applaus seinen Song „Love is no Utopia“ an. Nach der Kundgebung vor dem Roten Rathaus soll dort im Rahmen von „A100 wegbassen“ bis in die Dunkelheit gegen 20 Uhr getanzt werden.

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