Datenerfassung: Ist künstliche Intelligenz die Zukunft des Fußballs?
Von jedem Spieler gibt es einen digitalen Zwilling, der Ball zeichnet 500-mal pro Sekunde seine Position auf. Und Argentinien wird von Google Gemini gesponsort. Verändert künstliche Intelligenz die WM, oder ist das alles nur Marketing? Pascal Bauer ist Sportinformatiker – und hat während der WM Daten für die deutsche Mannschaft analysiert. DIE ZEIT: Herr Bauer, bei dieser WM werden so viele Daten gesammelt und mit KI ausgewertet wie nie zuvor. Bringt das wirklich etwas? Pascal Bauer: Die WM ist ein mediales Event, bei dem es viel um Vermarktung geht – und so ist es auch bei der Datenerfassung. Wettanbieter gehörten zu den Ersten, die Daten im Fußball nutzten, um ihre Quoten zu berechnen. Ein zweiter Grund für die Datenerfassung sind mediale Nutzungen: Beispielsweise, dass wir in der Halbzeit Ballbesitz- und Schussstatistiken sehen wollen. Die dritte wichtige Anwendung sind Schiedsrichter-Supportsysteme, die beispielsweise erkennen, ob der Spieler im Abseits stand oder der Ball über der Torlinie war. Anwendungen im Sport und in der Spielanalyse sind also häufig gar nicht der primäre Grund, warum so viele Daten erfasst werden. ZEIT: Wofür braucht man die Daten dennoch im sportlichen Bereich? Bauer: Mir geht es darum, den Experten und Expertinnen mit Daten zu helfen, bessere Entscheidungen zu treffen, und so die Leistung der Mannschaften, zum Beispiel bei einer WM, zu verbessern und unsere Talentförderung zu optimieren. Wir nutzen diese Daten etwa, um uns auf Gegner vorzubereiten: Wie gut sind die einzelnen Spieler? Welche Formationen spielen sie? Was sind die Schwächen in ihrem Spielsystem? Bei Vereinen geht es aber auch ganz viel um Scouting. Traditionell fahren Scouts durchs Land, gucken sich Talente an und entscheiden dann, wen sie für viel Geld einkaufen. Aber es gibt weltweit so viele mögliche Spieler, dass man gar nicht zu allen fahren kann. Da kann ich mit Daten helfen. ZEIT: Welche Daten verwenden Sie dafür? Bauer: Bei jedem Spiel der WM werden 500 Millionen Datenpunkte erfasst, hauptsächlich durch Kamerasysteme, teilweise auch mit Sensoren. In der Bundesliga sind es drei bis fünf Millionen Datenpunkte. Im Prinzip ist das eine digitale Nachbildung jedes Fußballspiels. Wir haben 25-, manchmal auch 50-mal pro Sekunde die zentimetergenauen Positionen aller Spieler und Spielerinnen und des Balls. Daraus können wir Sprints, Geschwindigkeiten, Beschleunigungen, Abstände und alles mögliche andere berechnen. Die neuesten Daten erfassen nicht nur, wo ein Spieler ist, sondern sogar wo seine Handgelenke, sein Kopf, seine Schultern sind. Das alles wird in einem 3D-Koordinatensystem zentimetergenau verzeichnet. ZEIT: Sie analysieren all diese Daten. Interessieren sich auch die Spieler für Ihre Ergebnisse? Bauer: Auch die Spieler kriegen diese Informationen, das war schon bei der WM in Katar so. Man merkt schon, dass sie mehr und mehr Interesse daran haben, sich mit diesen Daten zu beschäftigen. Sie schauen aber meist nur auf die einfacheren Statistiken wie Laufdistanzen. Aber vor allem nutzen die Trainer und die Expertenteams hinter den Trainern unsere Auswertungen, also Co-Trainer, Analysten, die Fitnesstrainer. Beim Trainer läuft dann alles zusammen, Spielanalyse, Co-Training, Fitness, Psychologie, Ernährung. ZEIT: Wie viel hilft es bei der WM, jemanden wie Sie im Team zu haben? Bauer: Bei uns bin es bei Weitem nicht nur ich, in unserem Team haben mindestens acht Personen seit einem Jahr daran gearbeitet, diese WM vorzubereiten. Oft können wir schneller an bestimmte Informationen kommen, als es sonst möglich wäre, etwa bei der Gegnervorbereitung. Traditionell werten dabei Videoanalysten frühere Spiele aus und versuchen, Informationen zu sammeln. Aber gerade während der WM ist oft erst Tage vorher klar, wer der nächste Gegner sein wird. Deshalb haben die Analysten gar nicht genug Zeit, sich noch mal alle Spiele von allen Gegnern im Detail anzuschauen. Da können wir mit Daten helfen. Ich würde aber nicht sagen, dass der Datenanteil so groß ist, dass er die WM entscheidet. Wenn wir es mit allem, was rund um die Mannschaft an Innovation eingesetzt wird – also Spielanalysen, Gegnervorbereitung, datenbasiertem Fitnesstraining –, schaffen, die Gewinnwahrscheinlichkeit um ein oder zwei Prozent zu steigern, dann wäre das schon sehr gut. Bei der WM geht es eben darum, in jedem Bereich die letzten ein oder zwei Prozent rauszuholen. Gleichzeitig ist vieles auch Glück. Und der entscheidende Faktor ist, was die Jungs auf dem Platz machen. ZEIT: Arbeiten auch andere Teams mit Datenanalysten? Bauer: Ich glaube, alle Topnationen haben jemanden, der sich mit Daten beschäftigt, mindestens einen datenaffinen Co-Trainer. Mit unserem Team, in dem auch promovierte Mathematiker und Entwickler sind, die riesige Datenmengen live verarbeiten können, sind wir gut aufgestellt. ZEIT: Argentinien wird jetzt von Google Gemini gesponsert und bekommt ein eigenes KI-Analysemodell bereitgestellt. Ist das ein Vorteil für Argentinien oder einfach nur Marketing?