DDR-Bürgerrechtlerin erklärt "wesentliches Motiv" für ostdeutsche AfD-Erfolge
Hat die politische Isolation die AfD gestärkt oder geschwächt? Bei "Markus Lanz" äußerten sich mehrere Experten zum landesweiten Erfolg der Partei. Dabei offenbarte Lokalpolitiker Luca Piwodda, warum er das Festhalten an der Brandmauer als kritisch erachtet. Eine TV-Nachlese von Natascha Wittmann Diese TV-Nachlese gibt die persönliche Sicht von Natascha Wittmann auf die Sendung wieder. Sie basiert auf eigenen Eindrücken und ordnet das Geschehen journalistisch ein. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland debattiert ganz Deutschland, ob eine Zusammenarbeit mit der AfD möglich sein sollte. Während DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler erklärte, wie es überhaupt zum Umfrageerfolg der Partei kommen konnte, warnte Lokalpolitiker Luca Piwodda eindringlich vor den Tücken der Brandmauer. Das Thema bei "Markus Lanz" Im September steht die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an. Momentan liegt die AfD in Umfragen bei 42 Prozent und hat ihren Stimmenanteil damit seit dem Wahlergebnis 2021 mehr als verdoppelt. Doch nicht nur in Ostdeutschland erlebt die umstrittene Partei einen Höhenflug. Mittlerweile wird bundesweit über das politische Scheitern der Brandmauer debattiert. Grund genug für Markus Lanz, am Donnerstagabend der Frage nachzugehen, wie es zum Erstarken der AfD kommen konnte. Die Gäste Marianne Birthler: DDR-Bürgerrechtlerin und Ex-Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen Martin Debes: "stern"-Redakteur Katja Hoyer: Historikerin Luca Piwodda: Lokalpolitiker der PdF (Partei des Fortschritts) und ehrenamtlicher Bürgermeister in Gartz (Oder) Der besondere Moment Markus Lanz blickte am Donnerstag auf die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland 37 Jahre nach der Wiedervereinigung. "Wie blicken Sie auf das Land heute?", fragte Lanz. DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler antwortete prompt: "Bei mir überwiegen die positiven Empfindungen und eigentlich wundere ich mich immer, dass es bei anderen nicht genauso ist." Birthler machte deutlich: "Ich lebe als freier Mensch in einem freien Land. (...) Wir können einfach sagen, was wir wollen." Dennoch warnte die Bürgerrechtlerin: "Unzufriedenheit scheint irgendwie 'in' zu sein in Deutschland - und in Ostdeutschland ganz besonders." Eine Steilvorlage für Lanz, der wissen wollte: "Woher kommt der Frust?" Laut Birthler habe die Unzufriedenheit "verschiedene Quellen", aber "Kränkung ist, glaube ich, ein ganz wesentliches Motiv". Der Grund? Viele Menschen im Osten des Landes sollen sich "nicht wahrgenommen" fühlen. "Das war ein Gefühl in der DDR. Das war ein Gefühl, als wir im Westen ankamen", so Birthler ehrlich. Historikerin Katja Hoyer ergänzte: "Es gibt doch auch ganz rationale, wirtschaftliche Probleme, die einfach da sind." Hoyer sprach konkret von Besitzunterschieden "in Löhnen, die immer noch da sind". Dies führe zu einer "Grundangst, dass man auf ganz, ganz dünnem Eis einfach wirtschaftlich steht". Journalist Martin Debes merkte zudem an, dass in Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien "an den entscheidenden Stellen natürlich zu 90 bis 95 Prozent Westdeutsche sitzen". "Das heißt, die Leute fühlen sich nicht repräsentiert, nicht abgebildet, nicht gehört", so der Journalist. Markus Lanz lenkte den Blick schließlich auf den Höhenflug der AfD in Ostdeutschland und blickte mehr als zehn Jahre zurück: "Welche Rolle spielt 2015 - das große Thema Migration?" Damals habe die AfD nur drei Prozent der Wählerstimmen erhalten. Journalist Martin Debes reagierte nachdenklich: "Ich würde ein Wort dazu sagen: Katalysator. Es hat die Entwicklung nicht komplett verändert, sondern hat sie beschleunigt." Empfehlungen der Redaktion Alleinerziehende sollen mehr arbeiten: Merz gerät in die Kritik Trump sät Misstrauen an fairen US-Wahlen Doppelstandards? Scharfe Kritik an Jens Spahn Debes erklärte jedoch auch, dass Migration nicht "das entscheidende Thema" sei: "Die Themen sind Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel. All das wirkt zusammen und erzeugt einen enormen Veränderungsdruck." Dies führe "zu einer Müdigkeit bei vielen Leuten, zu einer Überforderung und zu einer Abwehr - und natürlich auch zu großen Ängsten. Und das nutzt (...) die AfD gnadenlos aus. Das ist ihr Geschäftsmodell." Lokalpolitiker Luca Piwodda konnte dem nur zustimmen. Er äußerte sich dennoch kritisch über die Brandmauer: "Wir haben es jetzt 10 Jahre mit der Brandmauer probiert. Das Resultat ist: Die AfD wurde immer stärker und alle anderen Parteien wurden - gerade in vielen ostdeutschen Regionen - immer schwächer. Meines Erachtens ist die Brandmauer auch viel zu einfach für die AfD, weil die Brandmauer genau dazu führt, dass die AfD ja nie wirklich argumentieren muss." © 1&1 Mail & Media/teleschau