De la Fuentes spanische Weltmeister: Fußball nahe der Perfektion
Das Streben von Luis de la Fuente nach Perfektion, Spaniens Spieler erleben es in jeder Trainingseinheit. Der 65-Jährige achtet bei seinen Übungseinheiten auf jede Winzigkeit. Der Mann mit der hohen Stirn ist äußerst detailversessen, geradezu penibel. Das bekommen zuweilen nicht nur seine Schützlinge zu spüren. Auch Journalisten kann der Bannstrahl von de la Fuente treffen. So erhielt ein spanischer Kollege nach dem 3:0-Erfolg des Teams im Sechzehntelfinale gegen Österreich eine WhatsApp-Nachricht vom Nationalcoach. Darin stand: "Es sind 35." Der Sportreporter hatte zuvor irrtümlich geschrieben, dass Spanien nun seit 34 Begegnungen ungeschlagen sei. Ein kleiner Fehler. Aber eben ein Fehler. Und de la Fuente hasst Fehler. So denkt er. Und so spielt auch sein Team: nahe der Perfektion. "Unser Schicksal war vorgezeichnet. Wir waren dazu bestimmt, zu gewinnen", sagte Ferran Torres, der das Team mit seinem Tor zum 1:0-Erfolg gegen Argentinien zum zweiten WM-Titel nach 2010 schoss. Europameister sind die Spanier "nebenbei" auch noch. Und die Nations League gewannen sie im Vorjahr auch unter de la Fuente. "Ich bin stolz, stolz auf diese Mannschaft und auf diese Generation, die sich mit dieser Spielidee durchgesetzt hat", erklärte der Coach. Seinen eigenen Anteil am Triumph verschwieg er. Selbstlob ist nicht so die Sache des Perfektionisten. Enges Verhältnis als Basis für den Erfolg Dabei trägt dieses Team so sehr seine Handschrift. Wohl auch, weil er viele der aktuellen Nationalspieler bereits in seiner Funktion als Trainer der spanischen U18, U19 und U21 unter seinen Fittichen hatte. Spanische Medien berichten von einem Mann, der zwar als Coach sehr streng ist, für die Akteure aber auch eine Vaterfigur darstellt. Seine Spieler, so heißt es, würden für den Stierkampf-Fan mit der Vorliebe für Songs von Julio Iglesias durchs Feuer gehen. Auch, weil er sie außerhalb des Platzes an der langen Leine lässt. Den Trainer und seine Spieler verbindet ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. So sehr er sie mit seiner äußerst akribischen Art fordert und manchmal vielleicht auch nervt, so sehr fördert er sie auch individuell und als Mannschaft. Bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko sah die Fußball-Welt vielleicht die beste spanische Mannschft aller Zeiten. Oder wie es die Zeitung "Marca" voller Bewunderung schrieb: "Die Könige aller Zeiten." Spanien mit Kontrolle und Köpfchen zum Titel Was die aktuelle Mannschaft von früheren Mannschaften unterscheidet? Ein paar Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, an denen de la Fuente mit dem Team immer und immer wieder gefeilt hat. Er hat das Tiki-Taka, mit dem die Iberer 2008 und 2012 Europa- und 2010 Weltmeister wurden, modifiziert. Viel Ballbesitz haben die Iberer auch unter ihm noch. Aber die Sequenzen des Hin- und Hergeschiebes ohne Raumgewinn haben abgenommen. Das spanische Spiel ist nun schneller, hat mehr Tiefe und Überraschungsmomente. Aber es ist nie unüberlegt. Am besten ist der Fußball des neuen Weltmeisters vielleicht mit der durch den langjährigen Bundesliga-Coach Otto Rehhagel berühmt gewordenen "kontrollierten Offensive" zu beschreiben. Bei der WM hatte Spanien eigentlich in jedem Spiel nahezu immer das Geschehen unter Kontrolle. Dafür spricht nicht nur lediglich ein Gegentor in acht Turnierspielen, sondern auch jeder einzelne Auftritt der Mannschaft. Chancen des Gegners ließen die Iberer kaum zu. Im Semifinale gegen die bis dahin überragenden Franzosen musste Unai Simón, der zum Keeper der Endrunde gewählt wurde, kein Mal eingreifen. Im Endspiel gegen Argentinien blieb er bis kurz vor dem Ende der Verlängerung ebenfalls beschäftigungslos. Seine Vorderleute verrichteten bei dieser WM Abwehrarbeit nahe der Perfektion. Im Angriff Qualität im Überschuss Das ist umso erstaunlicher, da de la Fuente beispielsweise in Pau Cubarsí einem gerade einmal 19 Jahre alten Innenverteidiger vertraute. Aber der Youngster vom FC Barcelona spielte schon so abgeklärt, als sei es seine vierte WM. Zudem hatte er Nebenleute wie die erfahrenen Aymeric Laporte oder Rodri, die ihn in den ganz wenigen für die Spanier kritischen Situationen führten. Hinten waren die Spanier bei der WM so sicher wie die Bank von England. Und im Angriffsspiel hat dieser Kader mit den Ausnahmetalenten um Lamine Yamal und Nico Williams, der sich angeschlagen durchs Turnier schleppte, mehr Talent als aktuell jedes andere Weltklasse-Team in seinen Reihen. Dass de la Fuente einen Torres, einen Williams und einen Mikel Merino im Finale von der Bank bringen konnte, es zeugte von diesem Qualitätsüberschuss. Spanien hat bei der größten Weltmeisterschaft der Turniergeschichte eindrucksvoll die Muskeln spielen lassen. Und wer dafür maßgeblich verantwortlich zeichnet, war nach dem Finale auf dem Oberarm von Borja Iglesias zu sehen. Der 33 Jahre alte Angreifer hat sich ein Tattoo mit dem Konterfei von Luis de la Fuente stechen lassen. Ob der penible Coach mit seinem Abbild zufrieden ist? Es darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht bekommt ja auch Iglesias von dem Trainer eine WhatsApp - so wie der Journalist wegen einer falschen Zahl.