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Debatte um Leistungskultur Tennis-Bundestrainer kritisiert fehlende Opferbereitschaft der Jugend

Sport

Michael Kohlmann kann endlich mal entspannen. "Ich bin in den letzten Jahren meistens auf Negatives angesprochen worden, deswegen freut es mich jetzt sehr, auch mal ein positives Ereignis zu kommentieren", gibt sich der Chefcoach des Deutschen Tennis-Bundes (DTB) am Rande des ATP-Challenger-Turniers in Braunschweig gegenüber der Sportschau erleichtert. Der Grund ist klar, Alexander Zverev hat für die deutschen Tennis-Herren nach 30 Jahren endlich wieder einen Grand-Slam-Titel geholt. Fünf Wochen später war er in Wimbledon nur einen Schritt davon entfernt, gleich noch einen draufzulegen. Dazu kämpfte sich Jan-Lennard Struff in London mit seinen 36 Jahren bis ins Viertelfinale. Balsam für die deutsche Tennis-Seele. Becker: "Lieber vier Stunden auf Instagram" Ist deshalb jetzt wieder alles gut? Mitnichten. Die Kritik am deutschen Tennis war in den Monaten davor so laut und deutlich wie selten zuvor. Die lebende Legende Boris Becker hatte den DTB im Frühjahr einmal kräftig durchgerüttelt. Dem heutigen Nachwuchs warf er vor, nicht bereit zu sein, die eigene Komfortzone zu verlassen und alles für den Sport zu opfern, Stichwort Work-Life-Balance. "Wenn du als 16-, 17-Jähriger nicht tennisverrückt bist und lieber vier Stunden auf Instagram verbringst, dann bist du einfach nicht förderungswürdig", platzte Becker der Tennishemdkragen. Der DTB ließ lange mit auf eine Reaktion warten, antwortete dann aber auf Sportschau-Anfrage entschieden: "Bei uns spielt das volle Engagement zum Leistungssport eine entscheidende Rolle bei der Frage der Förderung", ließ Veronika Rücker verlautbaren, die im DTB-Vorstand zuständig für die Nachwuchsarbeit ist. Eine außergewöhnlich hohe Trainingsbereitschaft und eine hohe Professionalität gehörten dazu, aber auch die ganzheitliche Entwicklung der Jugendlichen im Blick zu haben und "in gewisser Form auf die Generation Z" einzugehen. Mit anderen Worten: Nur quälen reicht nicht. Leistungssport vs. Komfortzone Und genau in diese Kerbe schlägt nun ausgerechnet der Tennis-Bundestrainer der Herren, Michael Kohlmann: "Vielen von uns geht's einfach gut. Da dann auszubrechen und vieles zu opfern, da glaube ich, dass es da immer weniger gibt, die dieses Risiko gehen und diese Opfer bringen wollen." Wohlwissend, dass das nicht nur für Tennis, sondern für den gesamten deutschen Sport gilt, fügt Kohlmann hinzu: "Leistungssport ist keine Komfortzone." Die Debatte ist derweil nicht neu. Im Gegenteil, sie scheint inzwischen im letzten Winkel der deutschen Gesellschaft angekommen zu sein, die Frage nach der Leistungskultur im deutschen Sport, besonders bei den nachrückenden Generationen. Egal ob Bundesjugendspiele, der Medaillenspiegel bei Olympia, das aktuelle Abschneiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM oder die klaffende Lücke hinter Zverev - immer steht dabei auch die Behauptung im Raum, dass dem Nachwuchs in der gesamten Breite des Sports der unbedingte Siegeswille abhandengekommen sei und der letzte entscheidende Biss fehle. International nicht mehr konkurrenzfähig Was ist da dran? Die Sportschau hat einen von der Basis gefragt. Stefan Seifert trainiert Tennis-Talente am Bundesstützpunkt in Hannover. Er springt Bundestrainer Kohlmann indirekt zur Seite: "Der Sport hat bei uns in der Gesellschaft einfach nicht mehr den Stellenwert, der nötig wäre, um international konkurrenzfähig zu sein", so Seifert. Und bezogen auf das DFB-Stützpunkttraining: "Wir haben aber auch intern definitiv Probleme, dass wir Prozesse einfach nicht richtig leistungsorientiert ausgerichtet haben." Eine Aussage, die der DTB mit Interesse hören dürfte. Was Seifert meint: Die Trainerausbildung und auch die Tennisanlagen der Leistungszentren sind in anderen Nationen besser. "Es ist nicht der eine Punkt. Überall fehlen uns ein paar Prozent", erklärt der Nachwuchstrainer weiter. Seiferts Prognose ist entsprechend düster. Im Hinblick auf das Alter der Herren Struff, Hanfmann und auch Zverev, der nächstes Jahr 30 wird, werde sich in den nächsten Jahren im deutschen Herren-Tennis "wahrscheinlich ein Loch auftun". Hoffnungsvolle Talente Bundestrainer Kohlmann sieht aber immerhin Licht nach dem Loch und verweist auf die Jahrgänge 2007 und 2008, also auf die heutigen 18- und 19-Jährigen. Hier seien mit Max Schönhaus, Justin Engel und Diego Dedura, der gerade sein erstes ATP-Challenger-Turnier gewonnen hat, Spieler mit dabei, die vielversprechendes Talent hätten. Allerdings ist der Weg in die Weltspitze noch weit, alle drei stehen in der ATP-Weltrangliste zurzeit so um 200 bis 300. Langfristig hätten sie aber alle die "Möglichkeit, sich unter den Top 40 zu etablieren", so Kohlmann. Erster Schritt dahin sei es, sich jetzt möglichst regelmäßig für die Grand-Slam-Turniere zu qualifizieren. Bei den großen vier Majors von Melbourne bis New York gibt es starke Konkurrenz, Spielhärte und Punkte, alles Dinge, mit denen man vorwärtskommt. Im Jahr 2032, so das offizielle Ziel im aktuellen Strategieplan des DTB, soll das deutsche Tennis mit jeweils acht bis zehn Spielerinnen und Spielern in den Top 100 der Welt vertreten sein. Ein ambitioniertes Ziel - und eines, das ohne die von Kohlmann reklamierte Opferbereitschaft wohl kaum erreicht werden wird.

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