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Default Mode Networt: Was unser Hirn macht, wenn wir nichts machen

Wissenschaft

Kognitions- & Neurowissenschaft Von wegen Nichtstun: Wie unser Gehirn agiert, wenn wir uns ausruhen Stand: 08.08.2026 05:00 Uhr Wenn wir das Gefühl haben, nichts zu machen, geschieht in unserm Kopf außergewöhnliches. Wir verarbeiten, lernen, planen, sind kreativ. Die Phase der Ruhe im Hirn ist spannend, ein spezielles Netzwerk wird aktiv – und das hat uns als Menschen vermutlich dahin gebracht, wo wir jetzt sind. von Jonas Arand, MDR WISSEN Unser Gehirn ist kein Computer. Auch wenn Kognitionswissenschaftler beide gerne vergleichen. Denn während wir den Laptop einfach zuklappen können, wäre es fatal, wenn wir das Hirn abschalten würden. Wir wären tot. Reaktivierung im Ruhe-Modus Wenn wir aber mental abschalten, uns ausruhen und abschweifen, passiert Erstaunliches zwischen unseren Ohren. Nichtstun hilft beim Lernen, es befördert Kreativität und – so eine Theorie – unterscheidet uns von Tieren, hat uns dahin gebracht, wo der Mensch jetzt ist. Fabian Renz forscht am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI-CBS) in Leipzig zu Ruhe und Reaktivierung. In seiner Dissertation schreibt der Forscher über "Neural Replay", ein Phänomen, das bei Tierversuchen entdeckt wurde. Nervenzellen feuerten "im Schlaf oder in wachem Ruhezustand so, als wäre das Tier nochmal in der Position und in der zeitlich genau gleichen Reihenfolge. Das alles in komprimierter Form, also quasi in schneller Abfolge", beschreibt Renz den Befund aus den 1990er-Jahren. Ausruhen und Lernen hängt also zusammen. Neuronale Netzwerke verfestigen sich, wenn wir uns nicht auf etwas Bestimmtes fokussieren, erklärt der Neurowissenschaftler. "Eine der sehr weit verbreiteten Theorien der Gedächtniskonsolidierung ist, dass eine initial gelernte Gedächtnisspur erst im Hippocampus, einer tieflegenden Gehirnstruktur, encodiert wird. In Ruhephasen und vor allem dann auch im Schlaf wandert sie und wird transformiert", sagt Renz. "Hin in vom Hippocampus in den Kortex, die Hirnrinde. Es scheint, als bräuchte es einen gewissen Zeitraum der Konsolidierung, der Ruheperioden. Dieser Wander- und Transformationszustand kann dann erst am Morgen danach nachgewiesen werden." Ohne Abschalten keine Anpassung, kein Aufräumen Doch nicht nur für die Verarbeitung von Erlebtem scheinen Ruhephasen wichtig zu sein, sagt Henning Beck. Der Neurowissenschaftler, Biochemiker und Autor beschäftigt sich damit, wie Menschen denken. "Würden wir uns immer nur konzentriert einer Sache widmen, wären wir nicht besonders kreativ und nicht besonders anpassungsfähig. Diese Fähigkeit, abzuschweifen, ist für unser Denken mindestens genauso wichtig, wie eine Sache konzentriert auf Dauer zu bearbeiten", ist Beck überzeugt. Renz stimmt zu, vergleicht die Phasen des Nichtstuns mit Aufräumarbeiten im Büro. "Wenn konstant ein neues Signal ins Hirn kommt, ich in Offline-Perioden weitere Aktenordner und Bücher hineintrage quasi und mir nicht die Zeit nehme, sie einzusortieren, dann türmt es sich ein Berg auf. Ich komme nicht dazu, die Kochbücher zu den anderen Kochbüchern zu räumen und die Romane irgendwie ins Bücherregal. Dieser Prozess findet nicht statt." Gedanken wandern, wenn wir in Ruhe sind Dass sich unser Hirn sortiert, wenn wir es nicht belasten, scheint naheliegend. Doch es räumt nicht nur mit alten Prozessen auf – es stößt dabei auch neue an. "Die Areale, die für das Nichtstun zuständig sind, sind auch dieselben Areale, die sich überlegen, was wäre, die Hypothesen aufstellen, in denen wir gedanklich umherwandern", erklärt Beck. Mit diesen Arealen – oder, genauer gesagt, diesem Netzwerk – befasst sich Casey Paquola. Sie forscht am Forschungszentrum Jülich zum Default Mode Network, dem Ruhezustandsnetzwerk. "Es verteilt sich über sechs Hirnregionen", erklärt die Wissenschaftlerin. Die reichen vom frontalen Kortex, also dem Bereich direkt hinter unserer Stirn, über den Scheitellappen bis zum Hippocampus. Der ist für unser Gedächtnis zentral, liegt deutlich tiefer im Kopf. Default-Mode-Network befeuert Kreativität "Wenn deine Gedanken also anfangen zu schweifen und du über andere Dinge nachdenkst – sei es über deine Vergangenheit oder vielleicht über deine Zukunft – dann ist das Default Mode Network besonders aktiv", erklärt Paquola. Und es sorgt für Kreativität. "Es gibt Studien, in denen Probanden in einem fMRT-Scanner gebeten wurden, kreative Aufgaben zu lösen, bei denen sie beispielsweise Informationen neu kombinieren, um eine Geschichte zu erfinden. Und genau dabei lässt sich eine hohe Aktivität des Default-Mode-Netzwerks beobachten." In Ruhe räumt unser Gehirn also nicht nur auf und verfestigt Gelerntes. Wir erinnern uns, planen, spinnen neue Ideen. "Es verknüpft Sinnesinformationen mit Erinnerungen und anderen Wissensinhalten", beschreibt Paquola. "Das Netzwerk kombiniert also Informationen auf eine ganz andere Weise als der Rest des Gehirns. Und das ist das wirklich Einzigartige am menschlichen Gehirn: dass es dazu in der Lage ist und auch über die Kapazität und die Energie verfügt, dies zu tun." Das Ruhenetzwerk und Psychische Gesundheit Doch – wie so oft – ist dieses Phänomen zweischneidig. Wird Ruhe zu Langeweile, empfinden wir negative Emotionen und Stress. "Dazu steht das Default Mode Netzwerk in Zusammenhang mit vielen psychiatrischen Erkrankungen", erklärt Casey Paquola. "Veränderungen des Default Mode Networks werden bei vielen psychiatrischen Erkrankungen beobachtet. In Summe ist es sehr wichtig für die mentale Gesundheit." Auch bei Autismus-Spektrum-Störungen scheint das Ruhenetzwerk eine wichtige Rolle zu spielen, sagt Paquola. Verschiedene Korrelate – also ungerichtete Zusammenhänge – seien schon vielfach gemessen wurden, erklärt Fabian Renz. Doch der Doktorand aus Leipzig vermisst die Beweise für einen Kausalzusammenhang, also eine Erklärung für die Ursache. Und die technische Auflösung. Die modernen, hochauflösenden Geräte in der kognitiven Neurowissenschaft messen entweder örtlich oder zeitlich sehr genau, bisher nicht beides gleichzeitig. "In dieser Auflösung haben wir es, glaube ich, noch nicht verstanden. Da werden wir vielleicht die nächsten 50, 100 Jahre Fortschritt brauchen." Mehr Zeit, weniger Entspannung? Bis dahin müssen wir wohl abwarten, ob und wie wir besser in unser eigenes Gehirn schauen können. Und uns auch zu einem nicht unwesentlichen Teil auf den Fortschritt verlassen. Denn der hat eigentlich viele Türen geöffnet, meint Henning Beck. "Wenn ich meiner Urgroßmutter, geboren 1904, heute erzählen könnte, was ich alles an Zeitersparnis habe, die würde ja denken, ich lebe im Paradies", erklärt der Autor mit Hinblick auf Waschmaschinen, KI, Geschirrspüler oder Video-Calls. Doch komplett optimistisch ist Beck nicht. "Menschen setzen neue Technik nie ein, um Zeit zu sparen, sondern um in der gleichen Zeit mehr zu machen", erläutert er. "Und ich bin auch skeptisch, ob das in Zukunft so passieren wird, auch wenn künstliche Intelligenz uns viel Arbeit abnehmen soll. Eher wird das Gegenteil geschehen. Wir werden mehr arbeiten und uns fast zum Nichtstun zwingen müssen. Oder dafür entschuldigen." Dabei sei Nichtstun erstrebenswert. Zauberformel fünf zu eins Ein Verhältnis von 5:1 – also in jeder Stunde zehn Minuten Pause, Abdriften, Konsolidieren – das scheint das Beste für die Produktivität zu sein, sagen die Experten um Casey Paquola. "Wenn das Default Mode Network wenig aktiv ist, beschäftigen wir uns stärker mit externen Reizen. Beispielsweise konzentrieren wir uns ganz auf die Farbe einer Pflanze", sagt die gebürtige Australierin. "Wir denken nicht darüber nach, dass wir schon einmal eine ähnliche Pflanze gesehen haben, die uns an etwas erinnert, sondern wir stellen einfach fest: Diese Pflanze ist grün. Wir sind wirklich fest in der Außenwelt verankert. In solchen Momenten ist das Default Mode Netzwerk sehr ruhig." Und wenn wir nicht in den Ruhemodus kommen, lernen wir schlechter, sind weniger kreativ. Und – überspitzt gesagt – verlieren das, was uns vom Tier unterscheidet, sagt Henning Beck. Die Besonderheit des menschlichen Gehirns liege darin, "genau darüber nachzudenken, was nicht existiert." Dies sei der Grund für unseren Erfolg auf dem Planeten, denn "nur dadurch sind wir in der Lage, Dinge zu bauen, die kein Tier bauen kann."

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