Demenz lässt sich aufschieben: Diese drei Faktoren beschleunigen die Alterung des Gehirns
Es ist für viele eine Vorstellung, die Angst macht – vielleicht, weil sie in ihrem Umfeld gesehen haben, was die Krankheit mit Menschen macht, vielleicht auch, weil sie im Alter einfach nicht auf andere angewiesen sein wollen. Und vielleicht, weil sie wissen, wie verbreitet Demenz inzwischen ist. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben allein in Deutschland derzeit mehr als 1,8 Millionen Menschen damit – mehr als 100.000 davon sind jünger als 65 Jahre. Durchschnittlich erkranken etwa 900 pro Tag. Wie vielversprechend wäre es da, Demenz vermeiden zu können? Eine neue Studie zeigt nun, dass es möglich ist, Demenz hinauszuzögern – wenn man in der Lebensmitte auf ein paar Faktoren achtet. Zu dem Ergebnis kamen Forscher nach einer Langzeitauswertung der US-amerikanischen „Atherosclerosis Risk in Communities“ (ARIC)-Studie, die den Zusammenhang zwischen vaskulären Risikofaktoren und kognitiver Gesundheit untersucht hat. Dabei wurden Daten von 12.400 Frauen und Männern ausgewertet, die zu Studienbeginn etwa 55 Jahre alt und gesund waren. Im Laufe der kommenden durchschnittlich 26,3 Jahre entwickelten 3008 von ihnen Demenz. Teilnehmende ohne bestimmte Risikofaktoren lebten dabei rund 12,6 Jahre länger demenzfrei als andere. Dieselbe Arbeitsgruppe hatte bereits 2025 gezeigt, dass ein erheblicher Anteil aller Demenzerkrankungen auf beeinflussbare Parameter zurückgeführt werden kann – und bestätigt die eine Annahme, die immer klarer wird: Ob und wann eine Gedächtnisstörung bei einem Menschen auftritt, entscheidet sich oft schon Jahre vor der eigentlichen Erkrankung, teilte die Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) mit. „Angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer frühzeitigen Prävention“, sagt Peter Berlit, der Generalsekretär der DGN. Auf welche drei Faktoren es dabei besonders ankommt: 1 Bluthochdruck Wenn man wirklich nur einen Wert für seine Gesundheit kennen sollte, wäre es auf jeden Fall der Blutdruck. Deshalb lohnt sich die Anschaffung eines Blutdruckmessgeräts für jeden Haushalt. Das Tückische: Hohe Werte bleiben oft jahrelang unbemerkt und können schon in dieser Zeit erste Schäden anrichten. Dabei kann man selbst schon eine Menge tun, um zu vermeiden, dass der Blutdruck zu hoch steigt: weniger Salz konsumieren sich regelmäßig bewegen im Fall von Übergewicht abnehmen auf Tabakkonsum verzichten Als guter Wert für den Blutdruck galt bisher alles unter 140/90 mmHg. Inzwischen definiert die Deutsche Hochdruckliga einen optimalen Blutdruck aber bei unter 120/80 mmHg. Studien deuten darauf hin, dass dieser Wert die Gefäße noch besser schützt. Der Zielwert sollte jedoch auch vom Gesundheitszustand, von Begleiterkrankungen und anderen Risikofaktoren in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt festgelegt werden. Hat jemand dauerhaft einen erhöhten Blutdruck, bekommt er Medikamente zur Senkung. 2 Rauchen Hinlänglich bekannt ist, dass Tabakkonsum eines der größten Gesundheitsrisiken darstellt. Wer raucht, ist erheblich öfter von koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt, Arteriosklerose, Schlaganfall oder einem Bauchaortenaneurysma betroffen. Die US-amerikanische Analyse weist nun darauf hin, dass Tabak zudem einen erheblichen Einfluss auf das Gehirn hat – und das Demenzrisiko erhöht. Aber was bringt ein Rauchstopp eigentlich in der Lebensmitte noch? Jede Menge, sagt die Weltgesundheitsorganisation: Demnach ist je nach Zustand und Alter zum Beispiel das Schlaganfallrisiko binnen fünf und 15 Jahren nach Rauchstopp wieder auf das Niveau von Nichtrauchenden reduziert. 3 Diabetes Ein erhöhter Blutzuckerwert wird oft über Jahre nicht bemerkt – und kann gefährlich werden. Wenn sich daraus erst einmal Diabetes mellitus entwickelt hat, ist das schwer umkehrbar. Menschen, die erkrankt sind, müssen mit zahlreichen weiteren Komplikationen rechnen, unter anderem können sie eben eher Demenz entwickeln. Gut wäre es daher, das Risiko frühzeitig zu erkennen. Aussagekräftig ist der sogenannte HbA1c-Wert. Er zeigt an, wie sich der Zuckerspiegel in den letzten zwei bis drei Monaten entwickelt hat. Liegt der Wert über 6,5 Prozent, stellen Ärzte die Diagnose Diabetes mellitus. Bei Werten zwischen 5,8 und 6,5 Prozent liegt man im Bereich von Prädiabetes, also einer Vorstufe von Diabetes. Fast jeder fünfte Deutsche hat Prädiabetes. Wer es nicht so weit kommen lassen möchte, sollte sich ausreichend bewegen, eine möglichst ausgewogene, ballast- und nährstoffreiche Kost essen und ein Normalgewicht halten. Und was bringt es nun genau, auf diese drei Dinge zu achten? Nichtraucher, die weder Bluthochdruck noch Diabetes hatten, konnten der neuen Auswertung zufolge zwischen dem 55. und 95. Lebensjahr im Mittel ganze 30,1 Jahre ohne Demenz erwarten. Liegt eines der drei Probleme vor, verringerte sich die Zeit auf 26,3 Jahre. Bei zwei Risikofaktoren waren es noch 21. Hat jemand Bluthochdruck, Diabetes und ist Raucher, kann er nur auf 17,5 Jahre ohne die Krankheit hoffen. „Gerade diese zeitliche Dimension ist wertvoll für die Aufklärung über Prävention“, sagt Neurologe Peter Berlit. „Während relative Risiken für viele Menschen schwer einzuordnen sind, macht die konkrete Zahl der gewonnenen beziehungsweise verlorenen demenzfreien Lebensjahre den Nutzen einer konsequenten Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Rauchverhalten unmittelbar verständlich.“ Die US-Forscher betonen, dass Prävention nicht unbedingt das Erkrankungsrisiko senkt, sondern vor allem dazu beiträgt, mehr Lebensjahre bei guter geistiger Gesundheit zu gewinnen. Entscheidend sei nicht allein, ob eine Demenz auftritt, sondern wann – und wie viele Jahre zuvor ohne kognitive Einschränkungen gelebt werden können. Das heißt, wer auf seine Gesundheit achtgibt und ein paar Risiken minimiert, kann dem Alter vielleicht wenigstens mit besserem Gewissen – und weniger Angst vor Demenz entgegensehen.