Demis Volpi: "Ich wurde als Monster dargestellt"
Stand: 02.10.2026 11:14 Uhr
Der frühere Intendant des Hamburg Balletts, Demis Volpi, hat sich nach mehr als einem Jahr erstmals öffentlich zu den Umständen seiner Demission geäußert. Das Bild, das von ihm gezeichnet worden sei, sei das Porträt eines Monsters gewesen.
Mittlerweile freue er sich, sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren zu können, sagte der Deutsch-Argentinier der Wochenzeitung "Die Zeit" in einem Interview. Es sei aber nicht einfach gewesen. "Anfangs fühlte ich mich wie gelähmt. Ich bin kein Politiker, so was prallt nicht an mir ab."
Intendant John Neumeier hatte im August 2024 nach 51 Jahren an der Spitze die Leitung des Balletts an Volpi übergeben. Dieser sollte das Repertoire mit neuen Produktionen bereichern, aber auch Neumeiers Erbe erhalten. Nach nicht einmal einem Jahr wurde Volpis Vertrag vorzeitig aufgelöst. Der Grund war massive Kritik aus dem Ensemble: Unter anderem hatten ihm Tänzerinnen und Tänzer in einem Brief an Kultursenator Carsten Brosda (SPD) ein schlechtes Arbeitsklima und mangelnde Kompetenz vorgeworfen.
Volpi: Als Person mit zwei Gesichtern dargestellt
"Wenn man Woche um Woche Dinge über sich liest, die so anders sind als das, was man selbst erlebt hat, dann beginnt man an sich zu zweifeln", sagte Volpi über seine Hamburger Zeit. Er sei als eine Person mit zwei Gesichtern dargestellt worden: "nach außen hin freundlich, aber mit einer geradezu sadistischen Lust daran, andere zu demütigen." Es sei das Porträt eines Monsters gewesen.
Der Vorwurf einiger Tänzer, er habe sich bei Proben kaum blicken lassen, sei ihm heute noch ein Rätsel. "Es ist nicht der Job des Intendanten, bei jeder Probe dabei zu sein." Seine zentrale und tägliche Aufgabe zu Beginn seiner Intendanz sei es gewesen, kommende Projekte zu planen, mit den Tänzern über ihre Entwicklung und ihre Ziele zu sprechen, Choreographen zu finden, die man einladen möchte, und deren Stücke zu sehen.
"Ich spürte Lust an neuen choreographischen Sprachen"
Eigentlich sei er sehr gut in die Kompanie aufgenommen worden, sagte der Nachfolger von Ballett-Ikone Neumeier. "Wir hatten zu meinem Einstand eine Gartenparty." Es habe Aufbruchstimmung geherrscht. "Ich spürte große Lust an den neuen choreographischen Sprachen, bislang hatte die Kompanie ja fast ausschließlich Neumeier-Werke getanzt", so Volpi.
"Vielleicht hätte ich besser hinhören müssen"
Die öffentlichen Vorwürfe des Solotänzers Alexandr Trusch, er sei inkompetent und schaffe eine toxische Arbeitsatmosphäre, seien für ihn aus dem Nichts gekommen. Auch die Nachricht, dass insgesamt fünf Erste Solisten die Kompanie verlassen wollten, sei für ihn bis heute nicht nachvollziehbar. Er sei mit einem Grundvertrauen in andere in Hamburg an die Arbeit gegangen. "Das war naiv", sagte Volpi. Er räumte ein: "Vielleicht hätte ich hier und da besser hinhören müssen. Offensichtlich habe ich ja was verpasst."
Er habe sich damals absichtlich nie öffentlich gegen die Vorwürfe gewehrt, weil er die Dinge intern habe klären wollen. "Dadurch entstand, was meine Person angeht, natürlich ein riesen Vakuum, mit enormem Schaden für mich." Er habe versucht, das Unternehmen und den Ruf der Kompanie zu schützen. "Das war meine Aufgabe als Intendant. Und das habe ich gemacht, bis zum letzten Tag."
Von Brosda im Stich gelassen gefühlt
Enttäuscht zeigte sich Volpi von Kultursenator Brosda. "Anfangs hatte ich noch das Gefühl, dass wir gemeinsam versuchen zu verstehen, was geschieht, um daraus einen Fahrplan zu erarbeiten", sagte er. Bald sei das aber nicht mehr so gewesen. "Mein Anwalt Peter Raue und ich haben Senator Brosda mehrmals gebeten, mir vor der Kompanie und in der Öffentlichkeit den Rücken zu stärken, vergeblich." Da habe er sich im Stich gelassen gefühlt.
Es falle ihm auch immer noch schwer zu begreifen, warum niemand im Senat versucht habe zu schlichten. In diesem Zusammenhang kritisierte Volpi auch seinen Vorgänger: John Neumeier hätte die Autorität gehabt, die Eskalation zu stoppen, wenn es gewollt hätte. Die Hamburger Kulturbehörde reagierte auf das "Zeit"-Interview mit dem Hinweis, dass Behörde und Senator viel Zeit und Kraft investiert hätten, aber nicht alle Seiten gleichermaßen bereit gewesen seien, sich auf Ratschläge einzulassen.
Volpi inszeniert im Frühjahr in Stuttgart
Mit Blick auf seinen Abgang über einen Auflösungsvertrag sagte Volpi: "Wenn der Vorsitzende des Aufsichtsrats nicht hinter dem Intendanten steht, hat man keine Chance." Die Perspektive, sich zu wehren, hätte aus seiner Sicht einen jahrelangen Prozess bedeutet, der alle Beteiligten geschädigt hätte. "Der Preis war mir zu hoch." Im kommenden Frühjahr will der 40-Jährige mit einem Stück an das Stuttgarter Ballett zurückkehren, wo er lange als Haus-Choreograph tätig war.