Demütigung für China? Wie Taiwans Strategie die größte Marine der Welt bloßstellen könnte
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Demütigung für die Supermacht? Wie Taiwans simple Strategie die größte Marine der Welt bloßstellen kann
Von: Alexander Görlach
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Taipei richtet seine Verteidigung neu aus. Drohnen könnten China aufhalten. Doch ausgerechnet Washington gilt als Unsicherheitsfaktor. Eine Analyse.
Die Entwicklungen auf den Schlachtfeldern in der Ukraine und am Persischen Golf verschieben zunehmend die Kalkulationen in Taipei, wie sich die kleine Inselnation gegen eine Invasion durch die Volksrepublik China zur Wehr setzen könnte. So hat Kiew vor allem durch den Einsatz von Drohnen dem russischen Aggressor empfindlich zusetzen können. Diese im Vergleich günstig und in großer Zahl herstellbare Flugkörper haben der Ukraine einen Vorteil verschafft. Am Persischen Golf wiederum kommen die Vereinigten Staaten mit konventionellen Mitteln an ihre Grenze. Nach über einem halben Jahr Krieg ist das Waffenarsenal Washingtons derart reduziert, dass sich Alliierte in Asien und Europa fragen müssen, ob die USA überhaupt noch in der Lage wären, ihren Bündnisverpflichtungen nachzukommen.
Für Taipeis Strategien sind beide Entwicklungen relevant. So rechnen Militärexperten aus, dass die angreifende chinesische Armee aufgrund der Möglichkeit, in der Straße von Taiwan, die die Volksrepublik von der Insel-Demokratie trennt, elf mal so viel Waffen und Munition benötigen würde als das angegriffene Taiwan, um erfolgreich an den Ufern anlanden zu können. Das Pentagon war in der Vergangenheit in Berechnungen davon ausgegangen, dass „nur“ dreimal so viel ausreichen würde. Wenn es den taiwanesischen Drohnen gelänge, die chinesische Marine abzuhalten, bis Hilfe kommt, könnte Taiwan der größten Seemacht der Gegenwart eine herbe Schmach zufügen.
Wie Taiwans simple Strategie die größte Marine der Welt bloßstellen kann
Allerdings ist es den Verantwortlichen in Taiwan nicht mehr so klar, ob die USA tatsächlich ihrem wichtigen und langjährigen Partner zu Hilfe eilen würden. Donald Trump hat daran offen seine Zweifel erklärt, als er sagte, dass Washington einen Krieg rund 9500 Meilen von seiner Küste entfernt nicht gebrauchen könnte. Nach seinem Besuch bei Chinas Machthaber Xi Jinping im Mai diesen Jahres stoppte Trump den bereits genehmigten Verkauf von U.S.-Waffensystemen an die Insel-Demokratie. Dieser Schritt wird gemeinhin als Entgegenkommen gewertet, denn Xi hat die Taiwan-Frage zu der drängendsten zwischen den beiden Supermächten erklärt. Für Peking ist es wichtig, Taiwan von modernen Waffen abzuschneiden. Denn je besser die Insel ausgestattet ist, desto höher fallen die Kosten für China aus, an geopferten Menschenleben und an verschlissenem Material.
Xi hat deshalb auch begonnen, Taiwans Verteidigungsfähigkeit von innen heraus auszuhöhlen: Die Mehrheit in Taiwans Parlament hält (anders als die Regierung) die konservative, Peking-freundliche Kuomintang-Partei. Deren Vorsitzende, Cheng Li-wun, war im April auf Einladung nach Peking gereist, um dort Xi Jinping zu treffen. Ihren warmen Worten ließ sie zuhause Taten folgen: die KMT hat zuerst das Verteidigungsbudget, das die Regierungspartei, die Demokratische Fortschrittspartei, aufgestellt hat, blockiert und es dann nur, stark reduziert, genehmigt. Xi geht hier durchaus klug vor, denn ihm ist bewusst, dass ein Krieg gegen Taiwan, auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt, kostspielig und ein Imageverlust für Peking wäre. Sollte es ihm gelingen, die voraussichtliche Kandidatin der KMT, eben jene Cheng Li-wun, im Jahr 2028 bei der nächsten Wahl ins Präsidentenamt zu hieven, bliebe ihm eine Invasion der Inseldemokratie, die für ihn eine abtrünnige Provinz Chinas darstellt, erspart.
Die regierende DPP und ihr Präsident Lai Ching-te ihrerseits können vielleicht auf einen Teil des bestellten Kriegsgeräts, unter anderem Atom-U-Boote, verzichten, sollten sie ihren Krieg auf einen Drohnenkrieg umstellen. Peking hat aufgrund der Strömungsverhältnisse um Taiwan und der Taifune, die die Insel regelmäßig heimsuchen, nur zwei Zeitfenster im Jahr, die für einen Angriff taugen: von April bis Mai und von September bis Oktober. Das ist ein Vorteil für Taipei. Doch geht die Drohnen-Produktion im Land nur langsam voran. Ohne diese Abwehr aber könnte es Peking tatsächlich gelingen, die Insel einzunehmen. Und um die Verteidigungsfähigkeit der Armee in einem Guerillakrieg in den Straßen der Hauptstadt, gegen die Invasionsarmee aus China, scheint es, je nachdem, wen man fragt, im Moment zumindest noch nicht zum Besten bestellt, auch wenn die Wehrpflicht jüngst wieder auf ein Jahr angehoben wurde.
Was bedeuten diese Koordinaten für die Berechnung eines möglichen Angriffs auf Taiwan? Die nächsten Präsidentschaftswahlen in Taiwan und in den USA finden im Jahr 2028 statt. Der Präsident, der Trump nachfolgt, mag vielleicht wieder einen klaren Pro-Taiwan-Kurs fahren, wie zuvor Präsident Joe Biden. Die KMT mag das Präsidentenamt, trotz Pekings Engagement, nicht erringen. Also müsste, wenn überhaupt, eine Invasion zuvor erfolgen, im Jahr 2027. Dieses Jahr war lange Zeit vom US-Geheimdienst auch als wahrscheinliches ausgegeben worden. Diese Einschätzung hat die CIA allerdings im März dieses Jahres revidiert: Die chinesische Armee und Marine seien noch nicht bereit, einen solchen Einsatz erfolgreich zu absolvieren.
In der Tat sind Xi Jinpings Bemühungen, die Volksbefreiungsarmee, die im Jahr 2027 ihr hundertjähriges Bestehen begehen wird, zu modernisieren, nicht von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Vom siebenköpfigen obersten Befehlskommando der Armee sind nur noch Xi und sein Vize übrig, die anderen Mitglieder wurden geschasst, wegen Korruptionsvorwürfen und der Anschuldigung, ideologisch nicht mehr auf Linie zu sein. Neben dieser sichtbaren obersten Heeresleitung wurden unzählige Funktionsträger darunter gefeuert. Dass diese Säuberung tatsächlich einen Einfluss auf die Kriegsfähigkeit Chinas nehmen könnte, ist keine unbegründete Behauptung.
Allerdings bleibt Xi dennoch nur das Jahr 2027 als sicheres Zeitfenster für eine „Wiedervereinigung” mit Taiwan, wie er es nennt. US-Präsident Trump ist schwach, das US-Militär ist geschwächt. China hingegen ist international so beliebt wie nie zuvor. Die Zahl der Länder, die Pekings Anspruch auf Taiwan unterstützen, steigt mit dem wirtschaftlichen Einfluss, den das Land ausüben kann. Washington ist am Persischen gebunden, so dass die US-Armee Taiwan wohl nicht zu Hilfe eilen könnte, auch wenn sie es wollte. Natürlich bleibt Xi auch die Möglichkeit, die Insel Taiwan zu blockieren und die Insel durch diese Belagerung in die Knie zu zwingen. Doch dieses Vorgehen würde die Weltwirtschaft, die auf Chips aus Taiwan und die freie Durchfahrt durch die Straße von Taiwan absolut angewiesen ist, zum Kollabieren bringen. Das würde auch Chinas Wirtschaft heftig treffen. Xi muss also, wenn er handeln will, bald handeln. Deshalb muss sich Taipei auf ein heißes Jahr 2027 einstellen. Nie war die Wahrscheinlichkeit, dass China angreift, größer.