Depressionen im Alter mit geringerem Volumen in Teilen des Hippocampus verbunden
Eine Studie mit mehr als 2.000 kognitiv gesunden älteren Erwachsenen ergab, dass Depressionen mit strukturellen Unterschieden in einem bestimmten Bereich des Hippocampus einhergingen – unabhängig von wesentlichen Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit. Forschende des USC Mark and Mary Stevens Neuroimaging and Informatics Institute (Stevens INI) an der Keck School of Medicine der USC haben festgestellt, dass Depressionen mit einem geringeren Volumen in einem bestimmten Teil des Hippocampus einhergehen. Die in der Fachzeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlichte Studie untersuchte hochauflösende Gehirnscans von 2.009 kognitiv gesunden Erwachsenen im Alter von 50 bis 90 Jahren. Dabei zeigte sich, dass Teilnehmende mit Depressionen ein geringeres Volumen in einem Hippocampus-Bereich aufwiesen, der die Regionen CA2, CA3 und den Gyrus dentatus umfasst – zusammenfassend als CA23DG bezeichnet. Dieser Zusammenhang bestand auch dann noch, als Faktoren wie der Body-Mass-Index, die körperliche Aktivität sowie wichtige biologische Indikatoren für das Alzheimer-Risiko (darunter Amyloid- und Tau-Proteine sowie die genetische Variante APOE ε4) berücksichtigt wurden. „Depressionen werden schon lange mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Alzheimer in Verbindung gebracht, doch der biologische Zusammenhang zwischen beiden ist noch nicht vollständig geklärt“, erklärt Danielle Luu, Erstautorin der Studie und Doktorandin im Neurowissenschafts-Programm der USC. „Durch die genaue Betrachtung der einzelnen Teile des Hippocampus konnten wir einen spezifischen Bereich identifizieren, der bei älteren Erwachsenen möglicherweise besonders anfällig für die Auswirkungen von Depressionen ist.“ Ein genauerer Blick auf das Gedächtniszentrum des Gehirns Der Hippocampus spielt eine zentrale Rolle bei der Bildung und dem Abruf von Erinnerungen. Obwohl er oft als eine einzige Hirnregion betrachtet wird, setzt er sich aus mehreren kleineren Abschnitten – sogenannten Teilfeldern – zusammen. Diese erfüllen unterschiedliche Funktionen und reagieren möglicherweise verschieden auf Alterungsprozesse, Depressionen und neurologische Erkrankungen. Eine Untersuchung des Hippocampus als Ganzes kann Veränderungen verschleiern, die sich auf nur eines dieser Teilfelder konzentrieren. Für die neue Studie nutzten die Forschenden hochauflösende MRT-Aufnahmen, um drei Bereiche zu vermessen: CA1, das Subiculum und CA23DG (eine kombinierte Region aus CA2, CA3 und dem Gyrus dentatus). Jeder dieser Bereiche trägt auf unterschiedliche Weise zu Lern- und Gedächtnisprozessen bei. CA1 unterstützt das Gehirn dabei, neue Informationen zu erkennen und mit bereits vorhandenem Wissen zu verknüpfen. CA23DG spielt eine besonders wichtige Rolle beim Abruf von Erinnerungen, bei der Unterscheidung ähnlicher Erlebnisse sowie bei der Rekonstruktion vollständigerer Erinnerungen aus Teilinformationen. Das Subiculum fungiert als wesentliche Verbindungsstrecke, über die Informationen vom Hippocampus in andere Hirnregionen geleitet werden. Von den 2.009 Teilnehmenden wurden 630 aufgrund ihrer aktuellen Symptome oder einer früheren Diagnose durch medizinisches Fachpersonal als an Depressionen leidend eingestuft. Die übrigen 1.379 Teilnehmenden wiesen keine Depressionen auf. Da alle Teilnehmenden kognitiv unbeeinträchtigt waren, konnten die Forschenden Unterschiede im Gehirn untersuchen, die möglicherweise bereits vor Gedächtnisverlust oder anderen Symptomen eines kognitiven Abbaus auftreten. Die Forschenden stellten fest, dass Depressionen mit einem geringeren Volumen der Region CA23DG einhergingen, jedoch nicht mit signifikanten Unterschieden im Bereich CA1 oder im Subiculum. „Diese Studie verdeutlicht, warum es wichtig ist, über die Gesamtgröße des Hippocampus hinauszublicken“, erklärt Studienleiterin Dr. Meredith N. Braskie. „Depressionen waren nicht mit einem verringerten Volumen der gesamten Region verbunden. Der Zusammenhang beschränkte sich auf bestimmte Unterregionen, was uns ein präziseres Bild davon vermittelt, wie Depressionen im Alter mit der Gehirngesundheit zusammenhängen könnten.“ Unabhängig von wichtigen Alzheimer-Risikofaktoren Da Depressionen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung von Alzheimer einhergehen, untersuchten die Forschenden zudem, ob die beobachteten Unterschiede im Gehirn durch etablierte Alzheimer-Risikofaktoren erklärt werden könnten. Sie nutzten PET-Scans (Positronen-Emissions-Tomografie), um Amyloid und Tau zu messen – zwei Proteine, die sich im Gehirn von Alzheimer-Patienten abnormal anreichern. Außerdem prüften sie, ob die Teilnehmer die Genvariante APOE ε4 trugen, die mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden ist. Amyloid, Tau und APOE ε4 veränderten den Zusammenhang zwischen Depression und dem Volumen der Regionen CA1 sowie CA23DG nicht wesentlich. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Depressionen die Struktur des Hippocampus möglicherweise über Mechanismen beeinflussen, die sich zumindest teilweise von diesen bekannten Merkmalen der Alzheimer-Krankheit unterscheiden. „Diese Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, die psychische Gesundheit als Teil des Gesamtbildes eines gesunden Alterns des Gehirns zu betrachten“, so Co-Autor Dr. Arthur Toga, PhD. „Das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Depressionen und spezifischen Gedächtnissystemen könnte Forschern helfen, gefährdete Personen zu identifizieren, die Verbindungen zwischen Depression und Demenz zu klären und letztlich personalisiertere Ansätze zum Schutz der Gehirngesundheit zu entwickeln.“ Ergebnisse zu Antidepressiva erfordern weitere Untersuchungen Innerhalb der Gruppe der Depressiven wiesen Teilnehmende, die angaben, Antidepressiva einzunehmen, ein geringeres Volumen in den Bereichen CA1 und CA23DG auf als diejenigen, die keine solchen Medikamente nahmen. Die Forschenden wiesen jedoch darauf hin, dass dieses Ergebnis nicht zwangsläufig belege, dass die Antidepressiva die Unterschiede verursacht hätten. Es lagen keine Informationen darüber vor, wie lange die Teilnehmer bereits unter Depressionen litten, wie schwer die Symptome vor Beginn der Behandlung waren oder wie lange sie die Medikamente bereits einnahmen. Personen, denen Antidepressiva verschrieben wurden, litten möglicherweise unter schwereren oder länger anhaltenden Depressionen, was wiederum mit dem Hippocampus-Volumen zusammenhängen könnte. „In dieser Studie können wir mögliche Auswirkungen der Medikamente nicht von den Auswirkungen der schwereren Depressionen trennen, zu deren Behandlung diese Medikamente verschrieben werden“, berichtet Luu. „Langzeitstudien, die Menschen vor und nach der Behandlung begleiten, sind entscheidend, um diese Zusammenhänge zu verstehen. Unsere Ergebnisse sollten keinesfalls als Anlass genommen werden, verschriebene Medikamente eigenmächtig zu ändern oder abzusetzen.“ Zudem basierten die Depressionsdiagnosen und die Angaben zur Medikation in der Studie auf den Aussagen der Teilnehmenden und nicht auf medizinischen Unterlagen. Zukünftige Forschungsarbeiten werden die Teilnehmenden über einen längeren Zeitraum begleiten und dabei die Vorgeschichte von Depressionen, den Schweregrad der Symptome sowie Art, Dosierung und Dauer der medikamentösen Behandlung untersuchen. Weitere Studien sind erforderlich Die Ergebnisse belegen nicht, dass Depressionen eine Schrumpfung des Hippocampus verursachen oder dass die beobachteten Unterschiede zwangsläufig zu Alzheimer führen. Vielmehr identifizieren sie eine spezifische Hirnregion für weitere Untersuchungen und unterstreichen, wie wichtig es ist, die psychische Gesundheit in die Forschung zu Altern und Demenz einzubeziehen. (lj/BIERMANN) Mehr zu dem Thema: