„Der einfachste Weg ist, wenn ich nicht da bin“: Kugelstoßerin Yemisi Mabry überlebte dunkle Jahre in der rheinland
Wenn nichts schiefgeht, wird Yemisi Mabry am Montagabend mit einem Lächeln im Gesicht zum Ring schreiten. Sie wird die rund 18.000 Zuschauer im Alexander Stadium in Birmingham anheizen und zum Klatschen bringen. Get louder – noch lauter! Sie liebt, das sagte sie schon mehrmals, den Lärm und das Leben. Die Unterstützung der Menschen gibt ihr Kraft. Mabry ist dann zu Außergewöhnlichem fähig. Vor zwei Jahren stand die junge Frau im Kugelstoßring des Stade de France in Paris. 80.000 Menschen feierten ein Leichtathletikfest. Mabry, die damals noch Ogunleye hieß, stieß die Kugel auf genau 20 Meter. Weiter war sie nie gekommen. Die 20 Meter bedeuteten den Olympiasieg, und man musste nicht gläubig sein, um bei der späteren Pressekonferenz Gänsehaut zu bekommen. Mit Tränen in den Augen sang sie den Gospel-Song „I almost let go“ – „Ich hätte fast losgelassen.“ Fast losgelassen vom Leben: Das ist die tragische Geschichte der Ausnahmesportlerin Yemisi Mabry, die in Birmingham zu den Goldkandidatinnen zählt. Nur die Niederländerin Jessica Schilder (21,09 Meter) war aus Europa in dieser Saison bislang besser als die Deutsche (20,37 Meter). Eine sehenswerte ZDF-Dokumentation mit dem Titel „Das Gold ihres Lebens“ hat die Lebensgeschichte von Mabry nachgezeichnet. Der Film erschüttert und berührt. Mabry, Tochter eines aus Nigeria stammenden Vaters und einer deutschen Mutter, wächst in Bellheim auf, einer kleinen Gemeinde in Rheinland-Pfalz mit rund 8000 Einwohnern. Bellheim ist ein Ort mit konservativ-rechter Gesinnung. Bei der Bundestagswahl 2025 war die AfD mit 39,1 Prozent der Stimmen die mit Abstand meistgewählte Partei. Mabry erlebt Alltagsrassismus in der Grundschule Schon in der Grundschule macht Yemisi Mobbing-Erfahrungen. Wegen ihrer Hautfarbe, wegen ihrer Größe. Alles an ihr – diesen Eindruck habe sie an der Schule vermittelt bekommen – sei schlecht gewesen. „Du bist zu hässlich, du bist zu groß, deine Nase ist zu groß“, erzählt sie. Einmal sieht man Mabry in der ZDF-Dokumentation, wie sie auf dem Schulhof ihrer alten Grundschule steht. Hier hätten die Schüler immer „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“ gespielt, erinnert sie sich. „Dreimal dürft ihr raten, wer der Schwarze Mann war.“ Die kleine Yemisi. Das Mobbing wirkte wie langsames Gift „Für mich war es sehr, sehr dunkel“, sagt sie. So dunkel, dass sie sich immer weiter zurückzog und sich verschloss. Ihre Leistungen in der Schule litten darunter, wie sich ihre Mutter erinnert. Vor allem emotional ging es dem Kind schlecht, so schlecht, dass Suizidgedanken aufkamen. Das Mobbing wirkte wie langsames Gift. „Ich dachte, der einfachste Weg ist, wenn ich nicht da bin. Dann gehe ich denen nicht mehr auf die Nerven“, sagt Mabry in „Gold ihres Lebens“. „I almost let go“ – ich hätte fast losgelassen. Doch sie lässt nicht los vom Leben, obwohl sie es zunächst nicht schafft, ihren Kummer zu teilen und mit ihrer Mutter darüber zu reden. Zu einem Wendepunkt in ihrem Leben wird das erste Treffen mit Abigail, der Jugendleiterin der Kirchengemeinde. Abigail habe Yemisi gefragt, wie es ihr gehe, erzählt sie. Mabry sagte demnach, es gehe ihr gut. Daraufhin fragte Abigail: „Wie geht es dir wirklich?“ Die Nachfrage löst etwas in Mabry aus, sie fängt an, hemmungslos zu weinen. Über Abigail findet sie zum Glauben. „Die Liebe von Gott ist bedingungslos“, sagt Mabry. Der Glaube gibt ihr Halt und Kraft. Das tut kurz darauf auch der Sport. Mabry turnt als junges Mädchen, dann versucht sie sich im Siebenkampf. Doch schon mit 14 Jahren erleidet sie einen Kreuzbandriss. Dass hier einmal eine Olympiasiegerin heranwachsen wird, ist zu diesem Zeitpunkt völlig undenkbar. Ärzte raten ihr, mit dem Sport aufzuhören Trotz der schweren Verletzung sieht Trainerin Iris Manke-Reimers etwas in Mabry. Sie fördert sie, bringt sie zum Kugelstoßen und lehrt sie die Drehstoßtechnik. Zwei Jahre später folgt der nächste Rückschlag: Mabry reißt sich erneut das Kreuzband. Die Ärzte raten ihr, mit dem Sport aufzuhören. Aber das tut sie nicht. Gemeinsam mit ihrer Trainerin kämpft sie sich wieder heran und stößt die Kugel immer weiter. Mabry ist brutal ehrgeizig. Wenn Manke-Reimers sie bittet, eine bestimmte Anzahl an Liegestützen zu machen, legt Mabry immer noch ein paar drauf. Sie macht das bis heute. In Mabry brennt ein besonderes Feuer, für den Sport und für das Leben. Der Olympiasieg in Paris kommt dennoch völlig überraschend. Niemand rechnet mit ihr. Für Mabry selbst ist der Erfolg auch eine Bürde. In den sozialen Medien wird ihr in den Tagen nach dem Triumph von einigen Nutzern vermittelt, dass sie nicht zu Deutschland gehöre. Das lässt alte Wunden aufbrechen und den schlimmen Alltagsrassismus hochkommen, den sie als Jugendliche schon erfahren hat. „Das hat mich verletzt, aber nicht gebrochen“, sagt sie. Auch die Erwartungen steigen mit dem Gold aus Paris. Bei der Leichtathletik-WM in Tokio im vergangenen Jahr wird sie Sechste. Sie liest in den Medien häufig „nur“ Sechste. Dabei, sagt sie, „bin ich die Sechstbeste auf der ganzen Welt“. Manchmal will die 27-Jährige den Sport nicht zu nah an sich heranlassen und hat schon einmal die Sinnhaftigkeit hinterfragt, eine Kugel in die Luft zu schmeißen. Das Leben hält mehr bereit. Und trotzdem: Am Montag soll es im Alexander Stadium richtig laut werden. Mit etwas Glück wird sie mit der Kugel dem Himmel wieder nah kommen. Und mit noch etwas mehr Glück wird sie danach wieder ein Liedchen anstimmen.