Der erste Satz der "Operation Vivaldi" ist gespielt
Seit Mai läuft im ukrainischen Gebiet Lyman eine Gegenoffensive Kiews – weitgehend unter dem Radar. Erst jetzt macht die Armee ihre Erfolge öffentlich. Was dahintersteckt und warum die Kämpfe dort für die Verteidigung des Donbass wichtig sind.
Eine Analyse
von Joana Rettig
Wie gut eine Interpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" gelingt, entscheidet sich an verschiedenen Dingen. Was zählt, sind Tempo, Rhythmus. Wann setzt ein Instrument ein, wann nimmt es sich zurück? Wie viel Dynamik verträgt ein Stück? Eine gute Interpretation muss nicht nur werktreu sein. Sie muss wissen, wann sie sich entfalten darf.
Nun hat der Krieg in der Ukraine seine eigene Vivaldi-Interpretation bekommen. Die ukrainische Armee nennt ihre Gegenoffensive im Raum Lyman "Operation Vivaldi". Vier Phasen soll sie haben, entsprechend den vier Jahreszeiten.
Auch hier geht es um Rhythmus und um das Zusammenspiel verschiedener Instrumente. Nur heißen die hier Drohnen, Roboter, Artillerie und Bodentruppen. Und bevor die ukrainischen Soldaten überhaupt vorrücken, versuchen sie, den Takt des Gegners zu stören.
Start in zwei Phasen
Im Norden der ostukrainischen Region Donezk war es seit dem Frühsommer auffallend ruhig geblieben. Ukrainische Militärbehörden veröffentlichten kaum Informationen über die Lage vor Ort. Auch üblich genutzte Frontkarten wie etwa die "Deep State Map" gaben über Veränderungen wenig Auskunft. Erst am 15. September machte der Kommandeur des ukrainischen 3. Armeekorps, Brigadegeneral Andrij Bilezkyj, öffentlich, dass dort bereits seit Monaten eine Gegenoffensive läuft.
Gestartet sei die "Operation Vivaldi" bereits im Mai. Im Mittelpunkt steht der Raum nördlich von Lyman. Russland hatte dort einen Frontvorsprung aufgebaut, von dem aus seine Truppen weiter in Richtung Slowjansk und Kramatorsk vordringen und die ukrainische Verteidigungslinie von Norden her umgehen wollten. Lyman ist dabei vor allem wegen der Lage bedeutend: Die Stadt liegt am nördlichen Rand des sogenannten ukrainischen Festungsgürtels im Donbass.
Die ukrainische Operation begann mit einem militärischen Crescendo. Zunächst wollte man die russischen Einheiten von ihrer Versorgung abschneiden. Nach Angaben des 3. Armeekorps wurden russische Logistikwege in zwei Phasen angegriffen: erst bis zu 50 Kilometer, später bis zu 120 Kilometer hinter der Front. Offenbar zwang man russische Einheiten, eine Pipeline stillzulegen, die Treibstoff von Russland in das besetzte Gebiet Luhansk lieferte.
Zudem waren russische Unterstützungseinheiten aus der besetzten Ukraine weiter gen Osten gedrängt worden, Treibstoff- und Munitionslager, Kommunikationsknotenpunkte und Gefechtsstände hatte die russische Armee verlegen müssen – unter anderem auf russisches Staatsgebiet und in Waldgebiete.
Seit dem Frühjahr führen ukrainische Streitkräfte laut dem US-amberikanischen Thinktank "Institute for the Study of War" (ISW) in der gesamten besetzten Ukraine eine Kampagne von Angriffen auf mittlere Distanz gegen die russische Logistik durch. Dabei werden insbesondere Tanklastwagen und Treibstofflager ins Visier genommen.
Auch russische Quellen sprechen von ukrainischen Erfolgen
Die Angaben stammen vom ukrainischen Militär und sind nicht unabhängig in allen Einzelheiten überprüft. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch russische Quellen die Rückschläge inzwischen einräumen: Bereits am 6. September schrieb der russische Militärblogger Anatoli Radow, die Ukrainer führten seit 2,5 Monaten eine Gegenoffensive, die das eigene Kommando zu ignorieren versuche. Der prorussische Kanal Rybar bestätigte am 13. September ukrainische Erfolge, wenn auch mit dem Hinweis auf eine widersprüchliche Informationslage. Das stützt die Glaubwürdigkeit der ukrainischen Version unabhängig von Kyjiw.
Erst nach der Vorbereitung rückten demnach die Ukrainer vor. Laut Bilezkyj wurden dabei bereits 75 Quadratkilometer von eingedrungenen russischen Truppen "bereinigt", weitere 50 Quadratkilometer seien später zurückerobert worden. Der französische OSINT-Analyst Clément Molin schätzte bereits am 8. September, dass der gesamte Lyman-Frontvorsprung befreit sei, "wahrscheinlich mehr als 200 Quadratkilometer", wie er im "Kyiv Independent" zitiert wird. Das deutet darauf hin, dass die offiziellen ukrainischen Zahlen eher vorsichtig als übertrieben sind.
Die Angaben sind allerdings nicht gleichbedeutend mit einer vollständigen Rückeroberung dieser Fläche. Bei mehreren der genannten Orte handelte es sich laut Analysen um Gebiete, in die russische kleine Einheiten eingesickert waren, ohne dass Russland dort zuvor durchgehend die Kontrolle übernommen hatte.
Für das Vorgehen der ukrainischen Armee ist dabei offenbar entscheidend, wie die verschiedenen Waffengattungen zusammenspielen. Dabei geben Drohnen und unbemannte Bodenfahrzeuge den Auftakt.
Bilezkyj zufolge rückten sie bei Angriffseinsätzen "immer vor der Infanterie" vor und sollten den Weg für die nachrückenden Soldaten freimachen. Artillerie und unbemannte Systeme griffen demnach russische Gefechtsstände, Kommunikationszentren, Logistikstützpunkte, Flussübergänge und Reserven an.
Bilezkyj selbst hält sich bei der Frage zurück, wohin die Operation letztlich führen soll. Auf dem offiziellen Telegram-Kanal der 3. Angriffsbrigade schreibt er, es habe in öffentlich zugänglichen Quellen zahlreiche Hinweise gegeben, dass das eigentliche Ziel das Ufer des Flusses Tschornyj Scherebez sei.
Doch: "Unsere Operation trägt den Namen 'Vivaldi'. Und Vivaldi hat bekanntlich vier Jahreszeiten. Dies ist lediglich die erste davon. Behalten Sie also unsere offiziellen Erklärungen im Auge und übereilen Sie sich nicht mit Spoilern. Gute Nachrichten stehen bevor."
Druck an anderen Frontabschnitten
Militärisch ist der bisherige Erfolg vor allem deshalb relevant, weil Russland den Raum Lyman für seinen Vorstoß gegen den ukrainischen Festungsgürtel im Donbass brauchte. Nach Einschätzung des ISW hat die ukrainische Gegenoffensive diesen nördlichen Teil des russischen Zangenmanövers erheblich gestört. Die russischen Truppen, die über Lyman vorrücken, können demnach die ukrainische Verteidigungslinie im Norden nicht mehr wie geplant einkesseln.
Von einem großen Durchbruch ist das dennoch weit entfernt. Die Kämpfe finden weiterhin in einem stark von Drohnen geprägten Stellungskrieg statt, in dem schon kleine Geländegewinne erhebliche Bedeutung haben können. In Lyman hat die Ukraine damit zumindest in einem Teil der Initiative Erfolg verzeichnet. Und doch erhöht Russland an anderen Abschnitten den Druck, etwa im Raum Dobropillja.
Empfehlungen der Redaktion
Selenskyj bietet Putin Waffenruhe an
Bundeswehr erhält bald "Kamikaze-Drohnen"
"Widerlich"-Aussage von Melnyk hat Mützenich "lange begleitet"
Die Enthüllung von "Vivaldi" fällt zudem in eine Phase der Neuorganisation der Donezk-Verteidigung: Das 1. Asow-Korps übernimmt zusätzlich den Frontabschnitt bei Pokrowsk, während Bilezkyj künftig eine neue Einsatzgruppe führen soll, die bis nach Kostjantyniwka reicht – jener Stadt, in die russische Truppen zuletzt eingedrungen sind. Das erklärt zumindest teilweise das Timing der Bekanntgabe.
Was aus diesem ersten Satz der ukrainischen "Vivaldi-Partitur" wird, entscheidet sich deshalb nicht allein bei Lyman.