DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin -0,04 % 64.285,40 USD 08:14:37 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los: Diese Anlage ist die erste ihrer Art

Technologie

Wer am Ufer des Baggersees bei Ostrach im Landkreis Sigmaringen steht, sieht zunächst das, was man von einem Baggersee erwartet: Wasser, Kies, Maschinen. Doch auf einem Teil der Wasserfläche schwimmen dunkle Solarmodule. Sie erzeugen Strom – dort, wo seit Jahrzehnten Kies gewonnen wird. Es ist ein Bild, das kaum besser zeigen könnte, wie sich die Kieswerke Müller in den vergangenen 90 Jahren entwickelt haben: von einer kleinen Gemeindekiesgrube zu einem modernen Rohstoffunternehmen, das heute auch auf erneuerbare Energien setzt. Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Jahr 1935. Damals gründeten drei Familienstämme in Ostrach die Kieswerke Müller. Aus einer kleinen Kiesgrube entwickelte sich Schritt für Schritt ein Betrieb, der heute zu den traditionsreichsten Unternehmen der Kies-, Sand-, Splitt- und Schotterindustrie im südlichen Baden-Württemberg zählt. Noch immer stehen die Familien hinter dem Unternehmen, auch wenn die operative Leitung inzwischen in den Händen eines angestellten Geschäftsführers liegt. Branche mit Höhen und Tiefen „Wir bauen Rohstoffe ab und liefern sie konstant seit über 90 Jahren“, sagt Thomas Hinderhofer, der die Geschäfte führt. Der 54-Jährige kennt die Höhen und Tiefen der Branche. Gerade erlebt sie wieder eine schwierige Phase. Nach Jahren guter Konjunktur sei die Nachfrage zuletzt deutlich eingebrochen. Auch um wirtschaftliche Schwankungen aufzufangen, schlagen die Kieswerke ein neues Kapitel auf. Die Idee entstand eher zufällig. Bei einem Fußballspiel kam der Geschäftsführer mit jemandem ins Gespräch. Das Thema: schwimmende Photovoltaikanlagen. Solarmodule auf Wasserflächen statt auf Feldern oder Dächern. Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los. Energiebedarf passend zu PV-Anlagen Dabei waren die Voraussetzungen nahezu ideal. Die Baggerseen befinden sich im Besitz des Unternehmens. Lange Pachtverträge waren daher nicht notwendig. Außerdem verbrauchen die Aufbereitungsanlagen der Kieswerke genau dann viel Strom, wenn die Sonne scheint: tagsüber und besonders in den warmen Monaten. Die Stromproduktion einer Photovoltaikanlage passt damit nahezu perfekt zum Energiebedarf eines Kieswerks. Projekt damals noch Neuland Hinderhofer begann zu recherchieren und stieß auf den regionalen Energieversorger Erdgas Südwest. Das Konzept überzeugte ihn. Gemeinsam wagten die Partner ein Projekt, das damals noch weitgehend Neuland war. Im März 2023 ging auf dem sogenannten Eichholzsee in Ostrach die erste schwimmende Photovoltaikanlage des Unternehmens ans Netz. Sie war zugleich die erste Floating-PV-Anlage Oberschwabens und die zweite ihrer Art in Baden-Württemberg. Auf rund fünf Prozent der etwa 13 Hektar großen Wasserfläche wurden 1440 Solarmodule installiert. Die Anlage erreicht knapp 700 Kilowattpeak Leistung und erzeugt jährlich rund 800.000 Kilowattstunden Strom. Für die Kieswerke bedeutete das einen wichtigen Schritt in Richtung Eigenversorgung. Rund 65 Prozent des erzeugten Stroms werden direkt vor Ort genutzt. Er versorgt das Rundkieswerk und die Splittanlage. Der Strom wird also genau dort produziert, wo er gebraucht wird. Lange Transportwege und Leitungsverluste entfallen weitgehend. „Wir wollten gar nicht alles zupflastern“, sagt Hinderhofer. „Aber wenn die Fläche schon da ist und wir den Strom direkt verbrauchen können, dann ist das sinnvoll.“ Pfullendorfer Anlage ist die erste ihrer Art Der Erfolg des Projekts führte zu einem weiteren Schritt. Ende 2025 wurde auf einem Baggersee bei Pfullendorf eine zweite Floating-PV-Anlage in Betrieb genommen. Sie ist noch größer als die Ostracher Anlage. Rund 1600 Module erzeugen jährlich etwa eine Million Kilowattstunden Strom. Technisch geht die Pfullendorfer Anlage sogar einen Schritt weiter. Während in Ostrach Wechselrichter und Trafostation noch an Land stehen, befinden sich in Pfullendorf auch diese Komponenten auf einer schwimmenden Plattform. Die schwimmende Trafostation gilt als die erste ihrer Art innerhalb des EnBW-Konzerns. Bundesweit an der Spitze Für Erdgas Südwest sind die beiden Anlagen Teil einer Entwicklung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Nach Angaben des Unternehmens gibt es derzeit in Baden-Württemberg rund zehn Floating-PV-Anlagen. Weitere Projekte befinden sich im Bau oder im Genehmigungsverfahren. Für Kieswerke bieten schwimmende Solaranlagen besondere Vorteile. Die Seen sind bereits vorhanden, zusätzliche Flächen müssen nicht versiegelt werden. Gleichzeitig fällt der Strombedarf der Betriebe genau in die sonnenreichen Monate. Das macht die Eigenversorgung besonders wirtschaftlich, so Moritz Steinberg von der Projektentwicklung PV der Firma. Die Entwicklung in Ostrach und Pfullendorf ist dabei Teil eines größeren Trends. Noch sind schwimmende Photovoltaikanlagen in Deutschland vergleichsweise selten. Während bundesweit laut Strom-Report rund 5,7 Millionen Solaranlagen Strom erzeugen, befinden sich nur wenige davon auf Gewässern. Fachleute sehen in der Technologie jedoch großes Potenzial, gerade, weil sie Flächenkonflikte vermeidet. Anders als bei klassischen Freiflächenanlagen müssen keine landwirtschaftlichen Nutzflächen oder potenzielle Baugebiete genutzt werden, heißt es vonseiten der EnBW. Wachsendes Interesse an schwimmenden PV-Anlagen Besonders Baden-Württemberg hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Vorreiter bei schwimmenden PV-Anlagen entwickelt. Mit einer installierten Leistung von mehr als 50 Megawatt liegt Baden-Württemberg bundesweit an der Spitze. Im Oktober 2024 wurde in Bad Schönborn die derzeit größte schwimmende Photovoltaikanlage Deutschlands eingeweiht. Mehr als 27.000 Solarmodule auf dem Philippsee erzeugen dort jährlich rund 16 Millionen Kilowattstunden Strom für ein angrenzendes Kieswerk und das öffentliche Netz. Ein Grund für das wachsende Interesse liegt auch in den technischen Vorteilen der Anlagen. Da die Solarmodule auf dem Wasser schwimmen, werden sie im Sommer durch die vergleichsweise kühle Wasseroberfläche gekühlt. Nach bisherigen Erfahrungen kann dies zu höheren Stromerträgen führen als bei vergleichbaren Dach- oder Freiflächenanlagen. Zurück im Kieswerk: Heute beschäftigt das Unternehmen rund 70 Mitarbeiter. Neben dem Hauptstandort in Ostrach gehören ein Werk in Pfullendorf und zwei Trockenkiesgruben in der näheren Umgebung zur Firma. Produziert werden Zuschlagstoffe für die Bauindustrie, Sand, Kies, Splitt und Schotter. Stoffe, die oft unscheinbar wirken, ohne die jedoch kaum eine Straße, kein Wohnhaus und keine Brücke entstehen würde. Aus der Region für die Region „Jeder braucht ein Kilo Kies in der Stunde“, sagt Hinderhofer mit einem Schmunzeln. Tatsächlich steckt der Rohstoff in nahezu jedem Bauprojekt. Die Philosophie des Unternehmens lautet deshalb seit Jahrzehnten: Rohstoffe aus der Region für die Region. Dabei hat sich die Arbeit im Kieswerk grundlegend verändert. Moderne Aufbereitungsanlagen, digitale Steuerungstechnik und immer strengere Umweltauflagen prägen heute den Alltag. Besonders deutlich spürt Hinderhofer die zunehmende Bürokratie. „Früher hat ein Ordner gereicht. Heute braucht man bald einen Transporter, um die Genehmigungsunterlagen abzugeben“, sagt er. Vor allem neue Abbauflächen zu erschließen, sei deutlich schwieriger geworden. Genehmigungsverfahren könnten inzwischen acht bis zwölf Jahre dauern. Gleichzeitig ist das Unternehmen eng mit der Region verwurzelt geblieben. Viele Familien arbeiten seit Generationen bei Müller. Da sind die Brüder, die seit 35 beziehungsweise 40 Jahren im Betrieb sind, erzählt der Geschäftsführer. Familien, bei denen bereits Vater, Sohn und inzwischen sogar Enkel im Unternehmen tätig sind. Für Hinderhofer ist das ein Zeichen dafür, dass die Unternehmenskultur stimmt. „Welcher Vater würde seinem Sohn sonst empfehlen, hier eine Ausbildung zu machen?“ Diese Verbundenheit zeigt sich auch im Umgang mit den Gemeinden. Bevor neue Projekte geplant werden, suchen die Verantwortlichen das Gespräch mit den Kommunen. Die Unterstützung vor Ort sei wichtig, sagt Hinderhofer. Schließlich hinterlasse der Kiesabbau sichtbare Spuren in der Landschaft. Rückzugsorte und Biotope Die Photovoltaikanlagen auf den Baggerseen in Ostrach und Pfullendorf seien deshalb weit mehr als technische Experimente. Sie zeigen, wie sich klassische Industrieunternehmen verändern können, ohne ihre Wurzeln zu verlieren. Denn die Kieswerke Müller sehen sich nicht nur als Rohstofflieferant. Geschäftsführer Hinderhofer verweist auf Rekultivierungsmaßnahmen und neue Lebensräume, die nach dem Abbau entstehen. „Wir geben der Natur etwas zurück“, sagt er. Wo früher Kies gewonnen wurde, entstehen Seen, Biotope und Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen. Vielleicht liegt genau darin die größte Veränderung der vergangenen Jahrzehnte. Während früher vor allem der Rohstoff im Mittelpunkt stand, geht es heute zunehmend darum, Rohstoffgewinnung, Energieversorgung und Naturschutz miteinander zu verbinden. Die schwimmenden Solaranlagen auf den Baggerseen sind dafür ein sichtbares Symbol. Sie verbinden zwei Welten, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: die traditionelle Kiesgewinnung und die Energiewende.

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