Der geheime KI-Kahlschlag
Startseite Ratgeber Buchtipps Fahrenheit 451 im Silicon Valley: Wie KI-Konzerne unsere Antiquariate plündern und Bücher schreddern Von: Sven Trautwein Uns auf Google folgen Unter dem Codenamen „Project Panama“ saugt Anthropic europäisches Buchwissen in seine KI-Systeme. Juristen sehen darin einen Verstoß gegen das Urheberrecht. Berlin – Von wegen digitaler Fortschritt: Unter dem Decknamen „Project Panama“ kaufen nordamerikanische Tech-Giganten systematisch europäische Buchbestände auf. Das Ziel ist so simpel wie erschreckend: Einscannen, KI füttern – und das Papier danach vernichten. Für die freie Kulturlandschaft ist das eine existenzielle Bedrohung, die uns alle zu statistischen Anhängseln zu degradieren droht. Zuerst sah es aus wie ein unverhoffter Geldsegen für eine traditionell kriselnde Branche. Markus Brandis, Geschäftsführer von Bassenge Buchauktionen und Vorsitzender im Verband Deutscher Antiquare (VDA), berichtet gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media jedoch von konkreten, alarmierenden Zahlen direkt aus der Praxis: „Da gibt es Antiquare, die in wenigen Wochen mit Massenverkäufen 10.000, 20.000, ja 50.000 Euro ad hoc umgesetzt haben.“ Viele Händler seien anfangs zwar skeptisch gewesen, hätten die Geschäfte nach ordnungsgemäßer Bezahlung aber abgewickelt. Betroffen von diesen automatisierten Massenbestellungen ist vor allem das sogenannte „Moderne Antiquariat“, das mit Sach- und Fachbüchern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt. Die Hintermänner: Der Hunger nach dem geschützten Wissen Doch das schnelle Geld offenbart eine unheimliche Kehrseite. Brandis zieht hierzu eine düstere literarische Parallele und warnt, den Händlern im Sektor des Modernen Antiquariats gehe es wie Goethes Zauberlehrling: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los“. Der vermeintliche Segen erweist sich als Bumerang. Denn der Verkauf um des schnellen Profits willen rächt sich bitterlich: Ein einmal im großen Stil abverkauftes Buch kann die gesamte restliche Auflage für den regulären Wiederverkauf dauerhaft uninteressant oder gar unverkäuflich machen. Als sichtbare Speerspitze der Käufer agiert das kanadische Unternehmen Zoom Books, das die Bestände im großen Stil abschöpft. Doch das eigentliche Mastermind im Hintergrund ist der US-KI-Riese Anthropic, der unter dem Codenamen „Project Panama“ den analogen Kahlschlag steuert. Warum dieser plötzliche Hunger auf bedrucktes Papier? Den KI-Systemen geht schlicht das Futter aus. Während alte, gemeinfreie Werke längst kostenlos und ohne Urheberrechtsprobleme im Netz digitalisiert vorliegen, fehlten den Algorithmen bisher die neueren Forschungsergebnisse der jüngeren Zeit. Genau hier liegt das geistige Eigentum von Autoren, deren Ableben noch keine 70 Jahre her ist und die eigentlich unter dem Schutz des Urheberrechts stehen. Für Brandis ist dieses konspirative Aufkaufen und Einspeisen in die Algorithmen folgenschwer. Er ordnet die Dimension der Entwicklung historisch ein: „Die Künstliche Intelligenz wird die größte Revolution der Menschheit auslösen seit der Industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert.“ Die juristische Finte mit dem „Fair Use“-Schlupfloch Das Verfahren, das in der Tech-Welt euphemistisch als „disruptives Scannen“ bezeichnet wird, folgt einer eiskalten juristischen Strategie. Die Bücher werden legal erworben, mechanisch zerlegt, die Einbände zerstört und die losen Seiten im Akkord durch Hochleistungsscanner gejagt. Die physische Zerstörung ist dabei der Kern einer perfiden Finte: Die Konzerne berufen sich auf das US-amerikanische „Fair-Use-Prinzip“, das die Nutzung geschützter Werke für Forschung oder Bildung unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Da das Buch nach dem Scan vernichtet wird, verbleibt keine unlizenzierte digitale Raubkopie auf einem Server – die Konzerne hoffen so, Urheberrechtsklagen die Angriffsfläche zu entziehen. In Europa und insbesondere in Deutschland bricht dieses Kartenhaus jedoch krachend zusammen. Nach hiesigem Recht ist nicht das Papier geschützt, sondern das geistige Eigentum – die Ideen, die Methodik und der Stil des Autors. Thomas Koch, Pressesprecher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, stellt gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media unmissverständlich klar: „Nach deutschem Recht ist das Einscannen der Bücher, zu welchem Zweck auch immer, nicht möglich. Selbst eine Sicherungskopie darf nur unter strengen Voraussetzungen angefertigt werden, das Buch müsste dazu vergriffen sein.“ Das Vorgehen sei ein massiver Verstoß und nach Paragraf 106 UrhG eine eindeutige Straftat, die mit Geld- oder Freiheitsstrafe geahndet werden kann. Erste Verlage wehren sich bereits: Die Penguin Random House Verlagsgruppe klagt in Deutschland gegen OpenAI wegen Urheberrechtsverletzungen am Kinderbuch „Der kleine Drache Kokosnuss“. Das doppelte Problem: Datenabfluss und die KI-Textschwemme Die langfristigen Folgen für unsere Kulturlandschaft sind fatal und zeigen ein zutiefst ungleiches Muster der Ausbeutung: Die Privatisierung des Wissens: Wird die weltweite Restauflage eines vergriffenen Fachbuches systematisch aufgekauft und geschreddert, verschwinden die physischen Informationsträger aus dem Kulturkreislauf. Das Wissen wird in den kommerziellen Systemen einer einzigen Firma zentralisiert. Wer an die Information will, muss künftig die Bezahlschranken von Big Tech passieren. Die Ohnmacht des Nachweises: Obwohl der Börsenverein von einer massiven Urheberrechtsverletzung spricht, scheitert die juristische Verfolgung im Alltag oft an der Realität. Es fehlen jegliche Transparenzpflichten. Da die Konzerne den KI-Input nicht offenlegen müssen, lässt sich der Diebstahl am geistigen Eigentum kaum nachweisen. Die Verstopfung des Kulturraums: Während echtes, von Menschen mühsam erarbeitetes Wissen vernichtet wird, fluten dieselben KI-Systeme den Markt zeitgleich per Knopfdruck mit billig produzierter Massenware. Diese Titel tauchen in Suchergebnissen direkt neben verlegerischen Originalen auf. Ohne redaktionelle Sorgfalt und Tiefe überfordern sie die Lesenden und machen eine Orientierung schwerer denn je. Die Bankrotterklärung der Menschheit – oder eine neue Renaissance? Für Brandis geht es bei diesem Raubbau längst um mehr als um den wirtschaftlichen Ruin einer Branche. Er sieht in der bedingungslosen Übergabe unseres über Jahrtausende kumulierten Wissens an kommerzielle Algorithmen eine fundamentale Krise: „Das ist im Grunde die wahre Bankrotterklärung des Menschen, ja der Menschheit schlechthin. Denn sie gibt alles, was sie über Jahrtausende gelernt hat, ab an die von ihr selbst konstruierte Maschine. [...] Sie wird sich nicht mehr bremsen lassen und am wenigsten durch den immer mehr zur unvollkommenen Marginalie degradierten Menschen.“ „Seitenweise Sven“ – der Newsletter Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter und Sie erhalten „Seitenweise Sven“ direkt in Ihr Postfach. So verpassen Sie keine Ausgabe der Kolumne, in der Sven Trautwein seine Meinung zu kontroversen Themen aus der Literaturwelt preisgibt. Jetzt kostenlos abonnieren Ein dystopisches Szenario, gegen das die Politik in Berlin und Brüssel bisher kaum wirksame Leitplanken setzt. Gerichte allein, so fordert der Börsenverein, können das Problem nicht lösen – es braucht zwingend einen durchsetzungsstarken Rechtsrahmen, eine Lizenzpflicht und harte Transparenzregeln. Vielleicht aber, so schließt Brandis mit einem Funken Optimismus, führt dieser brutale Kahlschlag des Massenmarktes auch zu einer Gegenbewegung. Wenn die austauschbare Massenware im Bauch der Maschinen verschwindet, erwacht vielleicht der Wert des analogen Einzelstücks neu. Es braucht eben immer noch den menschlichen Antiquar, der mit Fachwissen, Erfahrung und Kennerschaft das Original von der Fälschung oder dem Nachdruck unterscheidet. Es wäre die Hoffnung auf eine neue Renaissance der Humanität – inmitten einer Welt aus seelenlosen Einsen und Nullen.