Der Geländetag der Vielseitigkeit
15.08.2026 | 16:40 Uhr | Pferdesport Deutschland / Uta Helkenberg WM Aachen: Michael Jung übernimmt Führung Vier deutsche Teamreiter sicher im Ziel / Jung führt in der Einzelwertung Die deutschen Vielseitigkeitsreiter liegen bei den Weltmeisterschaften in Aachen weiter auf Medaillenkurs. Mit seinem 18-jährigen Hannoveraner fischerChipmunk FRH ging Michael Jung als Schlussreiter für das deutsche Team an den Start und kam ohne Zeit- und Hindernisfehler ins Ziel. Damit setzte er sich selbst an die Spitze des Starterfeldes und trug dazu bei, dass die deutsche Mannschaft weiterhin auf Silberkurs bleibt. Auf Platz eins bleiben wie nach der Dressur die Briten, auch wenn diese am Sonntag nur noch zu dritt an den Start gehen. „Fantastisch! Alle fünf deutschen Reiter gut im Ziel, das ist eine großartige Leistung“, freute sich Equipechefin Dr. Annette Wyrwoll. Der rund 5.600 Meter lange Kurs mit seinen 28 Hindernissen und zahlreichen Alternativen forderte Reiter und Pferde auch mental einiges ab. Knapp ein Viertel der Paare beendete die Strecke nicht, etliche der 16 Mannschaften starten im Springen nur noch zu dritt. So auch die führenden Briten, deren Startreiterin Gemma Stevens bereits an Hindernis 8, dem Coffin, nach Stopps ausschied. Ihre drei Teamkollegen, das komplette Goldteam von Paris, konnten im Gelände ihre Führung aus der Dressur allerdings behaupten. In der Einzelwertung übernahm Michael Jung mit fischerChipmunk FRH dank einer Nullrunde mit nur 23,0 Minuspunkten die Spitzenposition, die zuvor noch Julia Krajewski innegehabt hatte. Insgesamt gab es nur sechs Paare, die den Kurs in der erlaubten Zeit bewältigten. Zu ihnen zählte auch der deutsche Einzelreiter Christoph Wahler, der damit im Ranking bis auf Platz fünf vorrückte: 29,4 Minuspunkte lautet sein Zwischenstand. Die drei Mannschaftsreiterinnen ordnen sich nach dem Gelände auf den Plätzen 11 (Malin Hansen-Hotopp und Carlitos Quidditch K), 20 (Julia Krajewski und Uelzeners‘ Nickel) sowie 45 (Libussa Lübbeke und Caramia FRH) ein. Einen Rückblick auf den Tag aus deutscher Sicht gibt es hier: Michael Jung und fischerChipmunk FRH wurden im Gelände einmal mehr ihrer Favoritenrolle gerecht. Sie blieben nicht nur fehlerfrei, sondern gaben am Ende alles, um auch pünktlich ins Ziel zu kommen. Der Plan ging auf: 23,0 Minuspunkte bedeuten den vorläufig ersten Platz in der Einzelwertung. ,Es war nicht so ganz einfach, die Zeit zu timen heute“, sagte Jung hinterher. "FischerChipmunk hat einfach super gekämpft. Ich habe versucht, nicht zu schnell loszureiten am Anfang, sondern so ein bisschen reinzuhören: Wie ist er drauf? Wie galoppiert er? Wie fühlt er sich an? Ihm auch so ein bisschen Zeit geben noch, nicht zu überpacen bis zum ersten Coffin hin. Und dann sind wir immer mehr in den Rhythmus reingekommen und er hat sich einfach super reiten lassen. Ich habe nur einmal mich aufrichten müssen, dann war er schon wieder gedanklich bei mir. Das ist gigantisch, dass er einfach immer wieder mehr noch dazulernt, immer noch mehr Routine kriegt. Wir kennen uns immer mehr in- und auswendig und das hilft natürlich am Ende, überall so einen Bruchteil von einer Sekunde zu sparen und auch, dass man am Schluss noch mal so für die Zeit fighten kann. Das ist schon ein unglaubliches Gefühl." „Zur Stimmung an der Strecke sagte er: "Es ist unglaublich, wie viel los ist da draußen, überall an der Strecke. Man merkt es schon in der S-Kurve von Sprung eins auf zwei, da stehen die Leute überall an der Strecke und man wird angefeuert und bejubelt. Das ist wirklich gigantisch und das ist auch letztendlich das Tolle bei so einem Championat." Nullrunde für Christoph Wahler Die erste Nullrunde aus deutscher Sicht lieferte vor dem letzten Mannschaftsblock der deutsche Einzelrieiter Christoph Wahler mit D'Accord FRH ab und brachte sich mit seinen 29,4 Minuspunkten in eine gute Ausgangsposition in der Einzelwertung. Bis auf einen kleinen Schönheitsfehler wurde D'Accord FRH als gutes und schnelles Geländepferd gerecht, benötigte nur 9:41 Minuten bis ins Ziel. “Das ist unglaublich! Ich hatte hier in Aachen schon gute Tage und auch schon nicht so gute Tage. Und das ist definitiv der beste bisher. D‘Accord ist unfassbar gegangen“ sagte Christoph Wahler. „Ich habe eigentlich die ganze Zeit gedacht: Mensch, das läuft aber wirklich gut. Jetzt konzentrier‘ dich, halt alles zusammen, lass ihn nicht zu sehr gehen. Weil das hat man, glaube ich, auch gesehen, wie frisch er am Ende ist, wie doll er dann auch noch weiterwill“, beschrieb er seinen Ritt. „Dann kam mir vorm letzten Wasser der nächste Starter entgegen. Auf einmal war die Konzentration bei ihm weg und ich habe mich davon auch so ein bisschen ablenken lassen. Hatte dann einen schlechten Einsprung und habe dann gerade noch so die Linie bekommen zum Aussprung. Das hat mich eigentlich geärgert, weil das dem Rest des Kurses nicht gerecht wurde.“ Uelzener's Nickel: Ehrlich, aber kein Vollblüter Für die dritte gute Runde des deutschen Vielseitigkeitsteams sorgte Julia Krajewski. Stilistisch schön anzuschauen, mannschaftsdienlich und sicher kamen die Olympiasiegerin von Tokio und ihr Holsteiner Uelzener’s Nickel (v. Numero Uno) ins Ziel. Allerdings kamen einige Zeitfehler zusammen. Mit einem Zwischenstand von 35,6 verliert das Paar allerdings seine Spitzenposition in der Einzelwertung und reiht sich auch hinter ihrer Teamkollegin Malin Hansen-Hotopp ein. "Ich bin mal wieder sehr sehr stolz auf Nickel. Er ist einfach geradeaus, er ist einfach so ehrlich und macht das immer so selbstverständlich", sagte Julia Krajewski nach ihrem Ritt. "Dann sieht es immer ganz leicht aus, ganz so leicht ist es aber nicht. Der Kurs ist wirklich anspruchsvoll. Aber Nickel lässt halt einfach keine Zweifel aufkommen, ob er irgendwo drüber will oder nicht." Über die Zeitfehler sei sie ein bisschen enttäuscht, sagte sie: "fürs Ergebnis, nicht für mein Pferd. Er ist ja kein Blüter, nicht das schnellste Rennpferd. Es fällt ihm schwer, irgendwo Zeit gut zu machen, die man natürlich mit den sehr kringeligen Komplexen hier irgendwo liegen lässt. Das ist so. Ich habe versucht, so gleichmäßig wie möglich zu reiten, dass auch genug Kraft im Tank ist am Ende für die letzte Aufgabe. Ich glaube, heute morgen hat man gesehen, dass das nicht ganz von alleine geht bis ins Ziel zu kommen. Ich denke, wir haben fürs Team voll unser Soll erfüllt und daher bin ich da sehr, sehr zufrieden." Malin Hansen-Hotopp: Mit dem "Schimmi" schnell und sicher ins Ziel Eine Glanzleistung lieferten Malin Hansen-Hotopp und ihr „Schimmi“ ab. Carlitos Quidditch K flog förmlich durch die Strecke, angefeuert von Tausenden Zuschauern, und nahm problemlos die schmalsten Hindernisse. „Es war sensationell. Dieses Pferd ist einfach die Rakete“, sagte die Mannschaftseuropameisterin aus Mecklenburg-Vorpommern nach ihrem Ritt. Selbst ein kleiner Wegrutscher an der letzten Doppelecke brachte das Paar nicht aus dem Konzept. Die zweite Ecke sei für die Pferde schwer zu erkennen, erklärte sie. „Und dann waren wir direkt davor und ich habe einfach nur gedacht, los, da rüber, und dann springt er eben los. Das ist mein großes Glück, dass er so viel Springvermögen hat, dass er dann aus so einem Moment auch einfach abhebt – auch in einer achten Minute.“ "Schnell zu reiten, aber trotzdem richtig sicher, verriet Malin Hansen-Hotopp ihren für den Geländetag. „An Hindernis neun haben wir von vornherein gesagt, nachdem da die ersten wirklich schlecht reingesprungen sind, dass wir den längeren Weg nehmen. Und das hat sich ausgezahlt. Das war auch Team-Order. Ansonsten hatte ich einen Freifahrtschein, nur um zu gucken, wie er sich anfühlt.“ Nur acht Sekunden über der erlaubten Zeit kamen beide ins Ziel. Ihr Zwischenstand: 31,8 Minuspunkte. Libussa Lübbeke setzt deutsches Team mit sicherer Geländerunde auf die richtige Spur Wie schon bei den Europameisterschaften in Blenheim übernahmen Libussa Lübbeke und Caramia FRH im Gelände erneut die Rolle der „Pathfinder“. Sie lösten diese Aufgabe mit Bravour, wählten nur an der letzten Eckenkombination die Alternative. Allerdings mussten sie sich eine sogenannte „Missed Flag“ am Allianz-Wasserkomplex anrechnen lassen, da das dritte Hinderniselement, eine schmale Ecke, nicht ganz korrekt überwunden wurde. „Ich kam sehr, sehr gut rein. Ich hatte sie ein bisschen kürzer reinspringend erwartet“, erklärte Lübbeke „Jetzt war es aber so, dass sie extrem gut reinsprang, so weiterzog und ein bisschen auf die Innenbahn kam.“ Zudem zeigte sich erwartungsgemäß, dass die Zeit eine erhebliche Rolle spielt: Das erste deutsche Paar benötigte 10:32 Minuten; die zu erreichende Optimalzeit beträgt 9:50 Minuten. Insgesamt summiert sich Lübbekes Kontostand damit auf 57,1 Minuspunkte. „Für mich war der Plan, ein Ergebnis bestmöglich ans Ziel zu bringen, nicht unbedingt auf die Zeit zu achten, weil man bekanntlich in Aachen weiß, dass die, die es richtig drauf anlegen, auch schnell mal einen kleinen Fehler haben können“, sagte sie. Ihr Fazit: „Es war sehr intensiv. Also das ist ein Kurs, da hast du keine Sekunde zum einmal Luftholen und Nachdenken, sondern du musst von Anfang bis Ende richtig auf der Spur sein, alles voreinander haben. Ja, aber es hat riesig viel Spaß gemacht mit den Leuten, die einen anfeuern, das macht schon Freude“, sagte sie. Das sagten die Reiter vorab über den Geländekurs : Julia Krajewski: „Ich finde den Kurs anspruchsvoll, aber sehr fair gebaut, mit vielen Optionen. Das ist schon besser, man hat ein Studium, um das alles ordentlich verarbeiten zu können. Nein, das hat seinen Anspruch, aber es ist ein guter Kurs.“ „Die Zeit ist auch nicht zu leicht erreichen, aber es wird auch genügend geben, die das gut absolvieren. Und ich hoffe, wir gehören dazu.“ Michael Jung: „Der Geländekurs ist schön gebaut, wir haben super Bedingungen. Er ist natürlich ein bisschen kringelig, was man auch schon allein auf dem Plan sehen kann, vor allem der letzte Teil. Man muss sehr konzentriert bleiben und mal abwarten, wie die Zeit zu galoppieren ist.“ „FischerChipmunk hat viel Erfahrung. Er kennt eigentlich jeden Sprung. Trotzdem muss man sich die Kraft und die Kondition genau einteilen. Man muss konzentriert sein von Anfang bis zum Ende. Das ist die Hauptaufgabe.“ Christoph Wahler: „Es ist ein intensiver und kein dicker Galoppierkurs. Das wird das Ganze schon spannend machen.“ „Persönlich finde ich das Coffin sehr anspruchsvoll, ist auch noch verhältnismäßig früh im Kurs. Vorher gibt es nur eine Kombination. Ich glaube, das kann das ein oder andere Pferd schon überraschen.“ Aufgebaut wurde die Geländestrecke vom italienischen Kursdesigner Guiseppe della Chiesa, der bereits bei den WM 2022 in Pratoni del Vivaro in dieser Funktion verantwortlich war. Seit 24 Jahren ist der frühere Vielseitigkeits- und Springreiter im Geschäft, konzipierte unter anderem ab 2014 drei Jahre lang die Strecke des Fünf-Sterne-Traditionsturniers im britischen Badminton. Im vergangenen Jahr übernahm er die Rolle von Rüdiger Schwarz. Dieser war 24 Jahre lang Gelände-Parcourschef in Aachen und unterstützt Della Chiesa auch in diesem Jahr zusammen mit Marcin Konarski, Hausherr des bekannten Vielseitigkeitsstandorts Strzegom in Polen. Pferdesport Deutschland/Hb