Der Kühlschrank als Spiegel unserer Persönlichkeit
Blicken Fremde in unsere Flure, Wohnzimmer, Schlafzimmer, können sie erstaunlich treffsicher auf unsere Charakterzüge schliessen. Das zeigte der Persönlichkeitsforscher Samuel Gosling bereits vor Jahren. Doch es gibt einen anderen Platz in der Wohnung, der wahrscheinlich noch mehr über uns verrät: den Kühlschrank. Psychologie des Alltags In dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang. Aussen die Magnete, Postkarten und Kinderzeichnungen, mit denen wir unser Leben präsentieren. Innen das ungeschönte Abbild dessen, was wir wirklich tun. Bei den meisten Menschen sehen wir eine Mischung aus verlässlichen Standards und kleinen Experimenten. Letztere oft im Zustand langsamen Verfalls. Der Bund Koriander, mit dem wir etwas Frisches kochen wollten, wird zu Matsch. Das Glas Tahin, mit dem wir ein gesünderes Leben voller selbst zubereiteter Dips beginnen wollten, ist abgelaufen. Und dann sind da noch die drei angebrochenen Senfsorten, die der Feinschmecker in uns unbedingt haben wollte und doch nie isst. Oft kaufen wir Lebensmittel für unsere Vision eines besseren, kreativeren oder aufregenderen Ichs und essen dann doch das Vertraute. Die mit gutem Vorsatz angeschafften, aber letztlich nicht ins Leben passenden Lebensmittel entsorgen wir, sobald sie gammelig genug sind, um das schlechte Gewissen zu überstimmen. Dass wir dabei regelhaft für ein Ich einkaufen, das wir erst noch werden wollen, zeigte schon 2010 eine Auswertung Tausender Online-Bestellungen eines Lebensmittelhändlers: Je weiter die Lieferung in der Zukunft lag, desto mehr Gemüse und desto weniger Eiscrème wanderte in den Warenkorb. Der disziplinierte Mensch in uns scheint für unsere Zukunft einzukaufen, während im Heute das Schleckermäulchen zugreift. Der Kühlschrank füllt sich so mit den Vorräten zweier verschiedener Personen, und nur eine von beiden räumt ihn am Ende leer. Die spannende Frage ist: Kaufen wir wirklich für den Menschen ein, der wir sind, oder für den, der wir gerne wären? Und noch eine Frage: Warum füllt sich unser Kühlschrank so regelhaft weit über den Hunger hinaus? Werkman und Kolleginnen beschrieben 2025 im «Journal of Environmental Psychology», dass viele Menschen mehr einkaufen, als ihr Haushalt je verbrauchen kann, weil sie sich als gute Versorgerin oder guten Versorger verstehen. Der volle Kühlschrank beruhigt, er ist ein sichtbares Versprechen von Fürsorge und Absicherung. Schade ist allerdings: Ein grosser Teil dessen, was wir aus Zuwendung kaufen, verlässt die Wohnung später im Abfallsack. Der Kühlschrank gibt also nicht nur ehrliche Einblicke in unsere Ernährungsgewohnheiten, er hält darüber hinaus fest, wer wir sein möchten, wen wir umsorgen wollen, wie viel Vorsorge wir für nötig halten und wie gross die Kluft zwischen Absicht und Alltag ausfällt. Selbstreflexion kann also auch einmal im Licht der geöffneten Kühlschranktür passieren. Der vergessene Koriander verrät am Ende mehr über unsere Vorsätze, als wir ahnen. Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst. Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»