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Der neue Krieg: Wenn Deckung allein nicht mehr schützt

Welt

Im Ukraine-Krieg erfassen Drohnen Bewegungen bis tief ins Hinterland: Über den schwindenden Vorteil des Verteidigers. Ein militärtechnischer Essay.

Der vorangegangene Essay beschrieb, wie sich die klassische Front unter dem Druck von Sensoren und Drohnen in eine tiefe Wirkungszone auflöst. Nun stellt sich die Frage, was diese neue Geometrie für das Verhältnis von Angriff und Verteidigung bedeutet.

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In der klassischen Gefechtslehre besitzt der Verteidiger einen strukturellen Vorteil: Er kennt das Gelände, hat Deckung vorbereitet, seine Feuerstellungen eingerichtet und wartet. Der Angreifer dagegen muss diese Deckung verlassen, Kräfte konzentrieren und sich sichtbar durch den Raum bewegen, um überhaupt Wirkung erzeugen zu können.

Genau in diesem Moment der Bewegung und Konzentration war er verwundbar. Ein erheblicher Teil der westlichen Militärtheorie zum Kräfteverhältnis zwischen Angriff und Verteidigung beruht auf dieser Grundannahme, wie sie unter anderem in einer Untersuchung des Center for Strategic and International Studies zur Kriegführung in der Ukraine diskutiert wird.

Doch in der neuen Hochintensitätszone, der in den Raum hinein aufgelösten Front, verschiebt sich diese Logik. Aufklärungsdrohnen fliegen von selbst in den umkämpften Raum hinein, Relaisdrohnen und erhöhte Relaispunkte verlängern das Netz, ohne dass ein Soldat den Raum zuvor betreten müsste. Anschließend erreichen auch die Wirkmittel selbst ihr Ziel, ferngesteuert aus einer Entfernung, die mit dem eigentlichen Gefechtsort nichts mehr zu tun hat.

Der Verteidiger verliert seinen strukturellen Vorteil

Das unterscheidet diesen Prozess grundlegend von der klassischen Feuervorbereitung. Die Feuerwalze war zeitlich begrenzt und bereitete den anschließenden Infanterie- oder Panzerstoß vor. Der heutige, permanente Wirkungsdruck, der den klassischen Angriff abgelöst hat, ist dagegen permanent: Aufklärung, Zielzuweisung, Bekämpfung und Wirkungskontrolle verschmelzen zu einem fortlaufenden Regelkreis.

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Dabei richtet sich die Wirkung nicht mehr primär gegen große, vorab bekannte Zielkomplexe, sondern gegen immer wieder neu auftauchende Einzelziele: Soldaten, Fahrzeuge, Sensoren, Relais, Drohnenstellungen und Logistik. Der Angriff beginnt damit nicht erst, wenn sich eigene Infanterie in Bewegung setzt. Er läuft bereits vorher – und hört nicht wieder auf.

Auch sein Zweck hat sich verändert. Die Feuerwalze sollte einen Korridor für den Stoß schaffen. Der Wirkungsdruck hingegen soll den gegnerischen Raum bis zur Reichweitengrenze der eingesetzten Wirkmittel fortlaufend von funktionsfähigen, gegnerischen Elementen entleeren. FPV-Drohnen, Multikopter und Starrflügler suchen, verfolgen und bekämpfen alles, was sich in diesem Raum zeigt. Erst dort, wo dieser Prozess den Widerstand weitgehend zersetzt hat, folgen kleine menschliche Gruppen.

Die Feuervorbereitung unterstützte den Angriff. Der Wirkungsdruck ersetzt ihn.

Gleichzeitig verliert der Verteidiger einen erheblichen Teil des Vorteils, den ihm seine vorbereitete Stellung eigentlich verschaffen sollte. Um funktionsfähig zu bleiben, muss er fortlaufend Versorgung und Munition heranführen, Verwundete abtransportieren, Mannschaften ablösen, Batterien wechseln und Ersatzdrohnen nachführen.

Jede dieser Handlungen erzeugt Bewegung – und damit Signaturen, die das gegnerische Sensor-Wirk-Netz erfassen und bekämpfen kann. Jede dieser Bewegungen findet nicht mehr nur an einer schmalen Linie statt, sondern über die gesamte Tiefe des Raums, den ein gegnerischer Wirkungsgradient erfassen kann – und das ist bis zu 300 Kilometer tief im eigenen Hinterland.

Völlig neu ist die Gefährdung des rückwärtigen Raums allerdings nicht. Bereits 1944 zwang die alliierte Luftüberlegenheit deutsche Verbände etwa in der Normandie, Verstärkungen und Nachschub überwiegend nachts zu bewegen. So verlor die Panzer-Lehr-Division bereits auf dem Anmarsch zur Front zahlreiche Fahrzeuge, während die Heeresgruppe B allein zwischen dem 6. und 30. Juni mehr als 4.000 Kraftfahrzeuge als Totalausfälle meldete.

Neu ist heute weniger die Reichweite der Wirkung als ihre Permanenz und Granularität: Was früher Jagdbomber zeitweise gegen Kolonnen, Bahnen und größere Verbände leisteten, übernehmen heute Sensor-Wirk-Netze kontinuierlich bis hinunter zum einzelnen Fahrzeug oder Soldaten.

Der klassische Verteidigervorteil beruhte darauf, dass der Angreifer sich exponieren musste, um Wirkung zu erzeugen. Doch in der neuen Art der Kriegführung findet ein klassischer Angriff mit Infanterie nicht mehr statt.

Damit ist nicht mehr automatisch derjenige im Vorteil der bereits im Gelände sitzt, sondern zunehmend derjenige, dessen Sensor-Wirk-Netz den Raum dichter durchdringt und mehr erkannte Ziele in tatsächliche Wirkung umsetzen kann.

Diese Verschiebung wird in der akademischen Literatur bislang uneinheitlich bewertet. Eine Untersuchung mit dem Titel "The Rising Dominance of the Tactical Defense? " geht der Frage nach, ob Drohnen den taktischen Verteidigervorteil eher verstärken als schwächen.

Ein weiterer Beitrag in der Fachzeitschrift Security Studies zu den Auswirkungen taktischer und operativer Drohnen auf den Bodenkrieg kommt zu differenzierteren Befunden, je nachdem, welche Gefechtsebene betrachtet wird.

Das gegnerische System wird zum Ziel

Wie systematisch sich diese Kriegführung gegen die Funktionsfähigkeit des gegnerischen Systems richtet, zeigen veröffentlichte Einsatzdaten. Bis Anfang September 2026 waren mehr als 45.000 dokumentierte Zielereignisse erfasst. 43,9 Prozent entfielen auf gegnerische unbemannte Systeme, weitere 14,2 Prozent auf Kommunikations- und Beobachtungsmittel. Ungedeckte Soldaten machten nur 4,5 Prozent aus.

Ein Sensor-Wirk-Netz bekämpft hier das gegnerische Sensor-Wirk-Netz. Ziel ist nicht allein der Soldat, sondern das System, das ihn kampffähig hält: Mobilität, Verbindung zu eigenen Netzen, Aufklärung und Versorgung. Diese Form der Abnutzung bleibt öffentlich weitgehend unsichtbar. Ein zerstörtes Starlink-Terminal, zwei Antennen oder ein ausgefallenes Versorgungsfahrzeug erzeugen kaum Bilder – können in ihrer Summe aber dazu beitragen, dass eine Stellung ihre militärische Funktionalität verliert.

Rubikon allein erklärt die hohen ukrainischen Personalabgänge nicht. Es verweist aber auf einen größeren Zusammenhang: Je tiefer ein Wirkungsgradient in den gegnerischen Raum reicht, desto mehr Personal gerät auch fern der Hauptintensitätszone unter dauerhaften Aufklärungs- und Wirkungsdruck.

Der Krieg reicht Hunderte Kilometer nach hinten

Wie dicht dieser Wirkungsgradient ist und welche Seite darin einen Vorteil besitzt, lässt sich aus öffentlich verfügbaren Daten kaum bestimmen. Sicher ist nur, dass beide Kriegsparteien ihre Fähigkeit ausbauen, weit hinter der Hauptintensitätszone auf Ziele einzuwirken.

Die Ukraine treibt diese Entwicklung rasch voran. Ihr Verteidigungsministerium meldete für April 2026 mehr als 1.600 Mittelstreckeneinsätze in 20 bis 150 Kilometern Tiefe – viermal so viele wie im Februar. Für 2026 seien zudem fünfmal so viele Systeme bestellt worden wie im Vorjahr.

Eine Reportage der Nachrichtenagentur AP vermittelt einen Eindruck der Größenordnungen: Eine ukrainische Brigade im Raum Charkiw startete im Mai rund 800 Mittelstreckendrohnen, von denen nach Angaben der Einheit etwa 650 ihr Ziel erreichten. Die Zahl lässt sich weder auf die gesamte Front hochrechnen noch unabhängig überprüfen.

Auf russischer Seite ist die Datenlage noch fragmentarischer. Lancet-Systeme werden etwa mit der Aufklärungsdrohne Zala Z-16 gekoppelt. Der Hersteller gibt für die Z-16 bis zu 100 Kilometer Reichweite an und beschreibt die Übergabe aufgeklärter Ziele an Lancet-Angriffsdrohnen. Die Kub-10ME beschreibt Rostec als taktische Lenkmunition mit mehr als 100 Kilometern Reichweite.

Noch weiter könnte die iranische Karar reichen. Euromaidan Press berichtete im August unter Berufung auf den ukrainischen Militäranalysten Oleksandr Kovalenko, erste Exemplare seien bereits in der Ukraine aufgetaucht. Er beschreibt die Karar als billige Loitering Munition mit etwa 15 Kilogramm Gefechtskopf und rund 300 Kilometern Reichweite für Ziele tief hinter der Front. Unabhängig bestätigt ist das nicht. Die Listen der russischen wie der ukrainischen Systeme sind zudem unvollständig.

Damit lässt sich der Wirkungsgradient technisch beschreiben, nicht aber seine Dichte bestimmen. Reichweiten sagen nichts darüber aus, wie viele Systeme verfügbar sind, wie oft sie eingesetzt werden, wie viele Ziele sie finden und welche Wirkung sie erzielen. Diese Größen wären für den Vergleich russischer und ukrainischer Sensor-Wirk-Netze entscheidend.

Auch einzelne Einsatzraten lösen das Problem nicht. Defence24 nennt für einen 32 Kilometer breiten Frontabschnitt der russischen 2. Kombinierten Armee bis zu 560 Drohnenstarts pro Tag – 17,5 Starts pro Frontkilometer – bei 20 bis 25 Prozent Trefferquote. Die Zahl umfasst unterschiedliche Drohnentypen und nur einen Frontabschnitt. Sie ist ebenso wenig auf die gesamte Front übertragbar wie die 800 Mittelstreckeneinsätze der ukrainischen Brigade.

Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Ein großer Teil der verfügbaren Zahlen stammt unmittelbar oder mittelbar von den interessengeleiteten Kriegsparteien selbst.

Die entscheidende Größe bleibt unsichtbar

Auch die industrielle Basis liefert deshalb nur Indizien. In Alabuga wurden die Produktionsanlagen für Angriffsdrohnen zuletzt massiv ausgebaut; die öffentlich bekannten Stückzahlen erklären diese Kapazitäten bislang nur teilweise.

Feststellen lässt sich mit dem vorhanden Material lediglich, dass beide Seiten inzwischen über gestaffelte Sensoren und Wirkmittel verfügen, die weit über die Hauptintensitätszone hinausreichen und den rückwärtigen Raum in unterschiedlicher Dichte unter permanenten Wirkungsdruck setzen.

Für die Ausgangsfrage dieses Artikels ist das unbefriedigend. Wenn jeden Monat Zehntausende ukrainische Soldaten ersetzt werden müssen, müsste sich zumindest abschätzen lassen, welche Wirkmittel zu diesem personellen Verschleiß beitragen. Bei den meisten Drohnentypen fehlen dafür jedoch bereits die elementaren Größen: Zahl der Einsätze, Trefferquote und durchschnittliche personelle Wirkung.

Ein russisches System sticht aus diesem Datennebel allerdings deutlich heraus. Nicht wegen außergewöhnlicher Reichweite, Sprengkraft oder technischer Raffinesse, sondern wegen einer Eigenschaft, die für einen Abnutzungskrieg womöglich wichtiger ist: Es ist extrem einfach, billig und wird möglicherweise in gewaltigen Stückzahlen hergestellt.

Ob Masse damit ins Gefechtsfeld zurückkehrt – nicht als Masse der Soldaten, sondern als Masse billiger Wirkmittel –, zeigt ein russisches System besonders deutlich: die Molnija. Mehr dazu in einem folgenden Beitrag.

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