Der Sonntagsfahrer: Geheimtipp natürliche Intelligenz
Ich war dann mal weg. Unter strengster Quarantäne. Vier Wochen so gut wie kein Internet, kein Smartphone. Dadurch habe ich die vielen Zeugnisse der heimatlichen Depression versäumt, die meinem Erkenntnisstand nach in einem Elfmeterschießen ihren Höhepunkt fand. So ähnlich erging es mir schon mal im Jahr 2009. Da weilte ich eine Zeit in der chilenischen Atacama und habe zuhause den Höhepunkt der Schweinegrippe verpasst. Ich überlege jetzt ernsthaft, an welchem Ort der Welt ich die gegenwärtig in Deutschland herrschende Klasse aussitzen könnte. Kann ja noch dauern, kann aber auch schnell gehen. Als Zeichen meiner Erholung habe ich aus den angesammelten Nachrichten ein paar herausgesucht, die einen gewissen Unterhaltungswert haben, wenn auch mitunter einen zartbitteren. Da wäre zunächst einmal das Auftreten höherer Intelligenz im fernen Detroit. „Graue Bärte gegen KI: Warum Ford 350 entlassene Ingenieure zurückholen muss“, berichtet Merkur.de. Der US‑Autobauer Ford hat 350 Ingenieure wieder eingestellt, die das Unternehmen zuvor im Zuge der mittlerweile verbreiteten KI-Personalbereinigungen entlassen hatte. Die automatisierten Design- und Qualitätssysteme, die die Arbeit der Fachkräfte übernehmen sollten, produzierten nämlich Schrott. Erst die Rückkehr der sogenannten „grauen Bärte“ – wie Ford die alten weißen und schwarzen Männer im Unternehmensjargon nennt, verbesserte die Qualität wieder. Ford kletterte im sogenannten JD-Power-Ranking 2026 vom zehnten auf den dritten Platz – die beste Platzierung unter den Mainstream-Herstellern seit 16 Jahren. JD Power ist ein Marktforschungsunternehmen, das Kundenzufriedenheit, Qualität, Zuverlässigkeit, Händler-Service und Neuwagen-Erfahrungen bewertet. Gefühlsmäßig dürfte es bei den Betroffenen für mehrere innere Fackelzüge reichen „Wir haben fälschlicherweise angenommen, dass allein durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz und die Anpassung der bestehenden Designvorgaben ein qualitativ hochwertiges Produkt entstehen würde“, räumte Charles Poon, Fords Vizepräsident für Fahrzeug-Hardware-Engineering, laut Forbes gegenüber der Finanzagentur Bloomberg ein. Ford entließ die alten Herren, bevor ihr jahrzehntelang aufgebautes Erfahrungswissen in die KI-Systeme eingespeist werden konnte. Gefühlsmäßig dürfte es bei den Betroffenen für mehrere innere Fackelzüge reichen. Und für eine ordentliche Provision: Schließlich sollen sie jene Systeme neu programmieren, die sie künftig überflüssig machen. Es sei denn sie bauen einen kleinen Rache-Algorithmus ein. Leider ist Ferdinand Piech tot, sonst würde ich Volkswagen empfehlen, ihn schnellstens zurückzuholen. Ersatzweise würde es auch Martin Winterkorn tun. Beide konnten im Gegensatz zur KI richtig unfreundlich sein – und wussten, was Qualität ist.Volkswagen steht bei JD Power (J.D. Power 2026 U.S. Initial Quality Study) übrigens auf Platz 26 – dem vorletzten. Die allseits versprochenen KI-Wunder dauern dann wohl doch etwas länger, so sie überhaupt eintreten. Der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna ersetzte in den letzten Jahren rund 700 Kundenservice-Mitarbeiter durch einen KI-Assistenten. Die Qualität sank so stark, dass die Firma einräumen musste: „Wir haben uns zu sehr auf die Kosten konzentriert. Das Ergebnis war eine geringere Qualität.“ Seitdem stellte Klarna wieder menschliche Mitarbeiter ein. Auch IBM kündigte Anfang 2026 an, die Einstellung von Berufseinsteigern in den USA zu verdreifachen – in Bereichen, die allgemein als durch die KI ersetzbar gelten. Da kommt natürlich die Frage auf, wann und ob die deutsche Politik ihr Herz für natürlich intelligente Redenschreiber wiederentdeckt. Wobei auch die aufgrund der deutschen Bildungspolitik selten werden. Schade eigentlich, dass JD Power kein Politiker-Ranking hinsichtlich Kundenzufriedenheit, Qualität und Zuverlässigkeit erstellt, mich würde sehr interessieren, wo Friedrich Merz und Lars Klingbeil abschneiden würden. Was natürliche Intelligenz anbetrifft, kommt indessen frohe Kunde aus China. Ab Juli tritt eine neue EU-Regel in Kraft, die vorschreibt, dass Neuwagen mit Kameras oder Sensoren die Aufmerksamkeit ihres Fahrers überwachen. Tesla benutzt bereits ein solches System, und die Kiste wird unruhig, wenn beispielsweise ein Unhold seiner Beifahrerin zu lange ins Dekolleté starrt. Jetzt gibt es auf chinesischen Online-Plattformen kleine Plastikköpfe von Promis, die die elektronischen Anstandstanten austricksen. Laut dem Magazin „Wired“ haben die Plastikköpfchen einen Saugnapf, mit dem der findige Teslafahrer das Figürchen vor der Kamera anbringt. Das System scheint nicht in der Lage zu sein, den Unterschied zwischen einer echten Person und einem Plastikkopf zu erkennen, ähnlich dem deutschen Wähler, der seit einem Jahr glaubt, einen neuen Bundeskanzler gewählt zu haben. Erfolgreich auf die reine Elektro-Leimspur geführt Ein schönes Beispiel natürlicher Intelligenz präsentiert indes der chinesische Autohersteller Geely. Nachdem China die europäische Union im CO2-Wirtschaftskrieg erfolgreich auf die reine Elektro-Leimspur geführt hat, werden in China jetzt natürlich intelligente Autos mit Verbrennermotor auf Kiel gelegt. Der neue Geely Emgrand Hybrid kombiniert einen 1,5 Liter Verbrennermotor mit 110 PS mit einem Elektromotor, dessen Batterie nicht an der Steckdose, sondern beim Fahren und Bremsen nachgeladen wird. Heraus kommt – wenn die Angaben stimmen – ein thermischer Wirkungsgrad von bislang unerreichten 48,41 Prozent und ein kombinierter Verbrauch von unter vier Litern pro 100 Kilometer. Ferdinand Piech hätte sich so sicherlich nicht die Wurst vom Brot nehmen lassen, sondern so ein Auto rechtzeitig selbst gebaut.