Der "Unterwasser-Regenwald" schwindet - warum uns das besorgen sollte
Sie sind Lebensraum für zahlreiche Meeresbewohner, speichern große Mengen CO2 und schützen Küsten vor Erosion. Doch neue Satellitendaten zeigen: Seegraswiesen gehen weltweit zurück. Eine neue Studie dokumentiert nun das Ausmaß seines weltweiten Rückgangs, zeigt aber auch, dass gezielte Schutzmaßnahmen den Trend umkehren können. Erstmals haben Wissenschaftler eine hochauflösende Weltkarte der Seegraswiesen veröffentlicht und deren Entwicklung über mehrere Jahre hinweg dokumentiert. Die Seegrasfläche habe eine Verlustrate von einem Prozent pro Jahr, schreibt das Team um Erstautor Jiwei Li von der Arizona State University in Tempe. Doch die im Journal "Nature" präsentierte Studie zeigt noch weit mehr. "Wenn wir über Seegraswiesen sprechen, kann man sich das wie einen Unterwasser-Regenwald vorstellen", sagt Li. "Sie sind die Grundlage für alle Nahrungsnetze in Küstenregionen." Seegras hat eine immense Bedeutung nicht nur für die Meereslebewesen: Es ist Kinderstube für Fische, Futter für einige Schildkröten und zieht CO2 aus dem Meer. Seegras hat Blätter, Blüten und Samen sowie ein Geflecht aus Wurzeln und Rhizomen, das sind Sprossachsen im Boden. Es schützt den Meeresboden vor Erosion, sodass er viel Kohlenstoff speichern kann. Industrieabwässer, Düngemittel, Meereshitzewellen Der größte Teil der gemessenen Seegrasverluste war der Studie zufolge auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen, wie Nährstoffanreicherung und anderen Entwicklungen an den Küsten. Als konkrete Beispiele nennt das Team schwermetallhaltige Industrieabwässer einer Küstenstadt in China und Düngemittelverschmutzung in einem Gebiet vor Florida. Auch der Hurrikan Dorian auf den Bahamas und eine Meereshitzewelle vor Australien könnten Einfluss gehabt haben. Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass Daten über längere Zeiträume benötigt werden, um exakte Zusammenhänge herzustellen. Nach Angaben des Teams schwindet Seegras jedoch schon seit langem: Eine Studie von 2021 ergab demnach einen Rückgang der darin analysierten, über die Erde verteilten Seegrasflächen seit 1880 um 19 Prozent. Der aktuelle Vergleich der Satellitendaten aus den Jahren 2019-2020 und 2023-2024 zeigt, dass in diesem Zeitraum nicht nur vier Prozent des entdeckten Seegrases verloren gingen. Weitere Seegraswiesen seien von dichter zu spärlicher Bedeckung degradiert worden. Nur 21 Prozent der Seegrasflächen lägen innerhalb von Meeresschutzgebieten. "Diese Arbeit stellt einen Wendepunkt in der globalen Überwachung von Küstenökosystemen dar und schließt eine langjährige Lücke in der Meeresforschung: den Mangel an präzisen, konsistenten und hochauflösenden globalen Seegraskarten", sagt Li. "Bisherige Schätzungen wichen aufgrund uneinheitlicher Methoden und lückenhafter Daten stark voneinander ab, was ihre Anwendung in Wissenschaft und Politik einschränkte." Für den Zeitraum 2023-2024 ermittelte das Team eine Seegrasfläche von 142.537 Quadratkilometern, 2019-2020 waren es noch 148.506 Quadratkilometer. Die physikalische Erfassungsgrenze der Satelliten reichte jedoch nur bis in eine Tiefe von 20 bis 30 Metern – unter klaren Wasserbedingungen. Einige Seegrasarten, etwa Posidonia oceanica im Mittelmeer, kämen aber bis in 30 bis 40 Metern Tiefe vor. "Daher sollten unsere globalen Schätzungen der Seegrasfläche als konservative Untergrenzen interpretiert werden", schreibt das Team. "Selbst unter diesen konservativen Annahmen bleiben die beobachteten Verluste von Seegras erheblich und erfordern aus Sicht von Naturschutz und Management dringend Aufmerksamkeit." Rund zwei Drittel der Seegraswiesen in nur fünf Ländern Fast 70 Prozent des Seegrases wachsen demnach vor den Küsten von nur fünf Ländern: Die mit 53.657 Quadratkilometern größte Seegrasfläche wurden 2019-2020 vor den Bahamas erfasst, gefolgt von Kuba (20.445), Australien (14.905), den USA (8.602) und Indonesien (4.825). Die stärksten Nettoverluste wurden vor den Bahamas und in Australien beobachtet. Nettozunahmen konzentrierten sich dagegen auf Kuba, die Florida Bay und den Persischen Golf. Das Team nennt auch konkrete Belege für wirksame Naturschutzmaßnahmen. So habe sich etwa in der South Bay nahe Los Angeles der Seegrasbestand dank eines langfristigen Wiederherstellungsprogramms erhöht. In der Hundebucht von Kuba, wo das Wasser sauberer wurde, habe es im Studienzeitraum einen Zuwachs von 134 Prozent gegeben. In der Ostsee wurde nach Angaben des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel mithilfe von Naturschutzorganisationen eine Pflanzaktion für Seegras gestartet. Empfehlungen der Redaktion Drei Jahre Entwicklung – für wenige Wochen im Rampenlicht In diesem europäischen Urlaubsland sind die Badegewässer am saubersten Spektakulär: Zweifarbiger Wasserfall in China Die Studie zeige globale Schwerpunkte von Seegraswiesen sowie besonders gefährdete Regionen und liefere damit wichtige Grundlagen für Naturschutzmaßnahmen und die Klimapolitik, schreibt das Team um Li. "Diese Ergebnisse unterstreichen auch die Rolle von Seegrasökosystemen im globalen Kohlenstoffkreislauf sowie die dringende Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen, um Kohlenstoffverluste zu verringern und ihre Funktion als wichtige Kohlenstoffsenken zu erhalten." (dpa/bearbeitet von sav)