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Der Wasserstoff-Boom lässt weiter auf sich warten

Wissenschaft

Noch vor nicht allzu langer Zeit war Wasserstoff eines der meistgehypten Themen der Energiewirtschaft. Der im besten Fall klimafreundliche Energieträger gilt dort, wo direkte Elektrifizierung technisch nicht möglich ist – etwa in der Stahl- oder Chemieindustrie sowie im Luft- und Seeverkehr –, als unabkömmlich für die Dekarbonisierung. Zugleich soll er grünem Strom als Zwischenspeicher dienen und so die Versorgungssicherheit erhöhen. Doch um den Hoffnungsträger ist es zuletzt bedenklich still geworden. Wenn überhaupt, sorgten vor allem Negativnachrichten für Schlagzeilen. Trotz zugesagter staatlicher Fördermittel von 1,3 Milliarden Euro blies der Stahlkonzern Arcelor Mittal im vergangenen Jahr Pläne für den Bau von Direktreduktionsanlagen für die Produktion von grünem Stahl mittels Wasserstoff ab. Die Bundesregierung hat Mitte Juli zwar neue Mitglieder in ihr zentrales Beratungsgremium, den Nationalen Wasserstoffrat, berufen – auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) stand mal an dessen Spitze –, die Forschung in dem Bereich wurde zuletzt allerdings arg zusammengestrichen. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Fünfmal so teuer wie Erdgas Nun schlägt die Denkfabrik Epico Alarm. „In zentralen Anwendungsfeldern bleibt Wasserstoff nach heutigem Kenntnisstand unverzichtbar – für das Erreichen der Klimaziele ebenso wie aus Resilienz- und Wettbewerbsgründen“, heißt es in einem neuen Papier, welches der F.A.Z. vorab vorliegt. „Gleichzeitig wird er teurer, knapper und später verfügbar sein als ursprünglich erhofft.“ Und weiter: „Noch nie gab es so viele Strategien, Förderprogramme und politische Zielsetzungen – gleichzeitig scheitern immer mehr Projekte an ausbleibenden Investitionsentscheidungen.“ Ähnlich pessimistisch hatte sich Mitte Juli die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) geäußert. Die Epico-Fachleute sehen drei strukturelle Probleme. Erstens seien erneuerbarer Wasserstoff und seine Derivate wie Ammoniak oder Methanol immer noch viel zu teuer. Zweitens schaffe der Markt es nicht, die gleichzeitige Entwicklung von Angebot, Nachfrage und Infrastruktur („Henne-Ei-Problem“) zu koordinieren. Und drittens erschwere ein Vorgabengeflecht aus Berlin und Brüssel Investitionen. Dem Gutachten zufolge kostet erneuerbarer Wasserstoff derzeit zwischen 240 und 350 Euro je Megawattstunde, blauer, also aus Erdgas gewonnener Wasserstoff etwa 120 bis 150 Euro. Dem gegenüber stehen Kosten von knapp 50 Euro für Erdgas. Auch die Internationale Energieagentur hatte ihre Kostenprognosen zuletzt wiederholt nach oben korrigiert. Wichtigste Voraussetzung für Wirtschaftlichkeit sei ein verlässlich ansteigender CO₂-Preis und gleichzeitig günstiger Strom, schreiben die Fachleute von Epico. Erst mit einem Strompreis von 35 bis 50 Euro je Megawattstunde werde Wasserstoff „in die Nähe industrieller Zahlungsbereitschaft“ kommen. Strenge EU-Vorgaben zur Produktion Ein großes Problem ist zudem der lahmende Aufbau von Produktionskapazitäten im In- und Ausland. „Skaleneffekte, Lernkurven und günstigere Finanzierungskosten entstehen erst bei ausreichend hohen Produktionsvolumina“, heißt es in dem Gutachten. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen bis 2030 eigentlich mindestens zehn Gigawatt Elektrolyseleistung in Deutschland installiert sein. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) kam Ende Mai jedoch zu dem Ergebnis, dass bislang nur 181 Megawatt in Betrieb sind und bis Ende des Jahres auch nur weitere 1,3 Gigawatt hinzukommen werden. Darüber hinaus seien zwar viele Projekte (7,2 Gigawatt) in Planung, aber noch keine finale Investitionsentscheidung getroffen. EU-Vorgaben, wann welcher Wasserstoff als grün gilt, machen Betreibern das Leben schwer. So müssen sie unter anderem ab 2028 nachweisen, dass der zur Produktion erforderliche Ökostrom aus neu aufgebauten, nicht geförderten Wind- oder Solarparks stammt. Zudem müssen Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion fast gleichzeitig stattfinden, sonst gilt Letztere nicht als grün – ein bürokratisches Regelwerk, das aus Sicht der Branche Investitionen hemmt. Planungen für Kernnetz weit fortgeschritten Doch selbst wenn bis 2030 alle angekündigten Elektrolyseprojekte in Betrieb gehen würden, würden dann in Deutschland weniger als 30 Terawattstunden produziert, schätzt das EWI. „Die Nationale Wasserstoffstrategie hatte einen Bedarf von 95 bis 130 Terawattstunden prognostiziert. Der Großteil dieser Menge müsste demnach über Importe gedeckt werden, die hingegen ebenso von der Umsetzung der geplanten Projekte abhängen sowie von der Umsetzung ausländischer Elektrolyseprojekte“, sagt Ann-Kathrin Klaas vom EWI. Worauf Klaas hinauswill: Beim Bau der Importleitungen sieht es ebenfalls nicht gut aus. Die 2024 verabschiedete Importstrategie der Bundesregierung sieht vor, dass 50 bis 70 Prozent des Bedarfs aus Nordeuropa, dem Nahen Osten und Teilen Afrikas eingeführt werden sollen. Doch auch hier sieht das EWI viele Ankündigungen – darunter 22 geplante Pipelines und Terminals, von denen die Hälfte eigentlich bis 2030 in Betrieb gehen soll –, aber nur wenige konkrete Investitionsentscheidungen. Bislang gibt es in Deutschland nur zwei Importterminals; sie führen bislang fossiles Ammoniak ein. Zudem sind die Planungen für das innerdeutsche Kernnetz, das bis 2032 schrittweise entstehen soll, zwar weit fortgeschritten. Unklar ist aber, wie der Wasserstoff weiter zu den potentiellen Abnehmern gelangen soll. Förderung auf wenige Anwendungen begrenzen Auch die Nachfrage nach Wasserstoff „entwickelt sich bislang weder ausreichend verlässlich noch sektorenübergreifend kohärent“, konstatiert Epico. Und das trotz vieler Instrumente, die eigentlich genau das erreichen sollen, wie der in diesem Frühjahr reformierten Treibhausgasquote im Verkehr. Sie legt fest, dass Mineralölkonzerne ihre CO₂-Emissionen bis 2040 um 65 Prozent mindern müssen. Dazu müssen sie unter anderem einen Mindestanteil erneuerbarer Kraftstoffe nicht-biogenen Ursprungs (RFNBOs) einsetzen, etwa grünen Wasserstoff. Zudem soll die Industrie nach Plänen der EU 42 Prozent ihrer Wasserstoffnachfrage bis 2030 „ergrünen“ lassen. Insgesamt bleibe der kosteneffiziente Einsatzbereich von Wasserstoff „enger als ursprünglich erhofft“, sagt Epico. Um den Einsatz von Fördermitteln begrenzt zu halten, empfiehlt die Denkfabrik, diese vor allem in jene Anwendungen zu lenken, die ansonsten kaum Chancen auf Dekarbonisierung haben, darunter Stahl, Chemie, Flugzeuge und Schifffahrt. In anderen Bereichen hingegen seien „Effizienzsteigerungen, direkte Elektrifizierung, Netzausbau oder nachfrageseitige Flexibilitätsoptionen günstiger und schneller wirksam“. Zudem solle die Bundesregierung gemeinsam mit anderen Mitgliedstaaten eine europäische Wasserstoffallianz aufbauen, um grenzüberschreitende Infrastruktur gemeinsam zu planen und Nachfrage zu bündeln.

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