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Der zweite Tripper-Peak überrascht selbst Experten: Warum plötzlich Ü50 im Fokus von STI's stehen

Gesundheit

Ob Tripper, HIV oder Syphilis: Jedes Jahr notiert das RKI über 10.000 neue STI-Infektionen in Deutschland, die Dunkelziffer ist um ein Vielfaches höher. Das Fatale dabei? Viele Bevölkerungsgruppen meinen, das Thema beträfe sie nicht. Gerade diese Leute dürften aktuelle Zahlen überraschen.

Allen Aufklärungskampagnen und Biologie-Stunden zum Trotz: In Deutschland stecken sich jedes Jahr wieder jede Menge Menschen mit Geschlechtskrankheiten an. Und das, obwohl die Folgen von STI's, also sexuell übertragbaren Krankheiten, bis hin zu Anal-Karzinomen, Unfruchtbarkeit oder sogar Tod reichen können, aber relativ leicht verhinderbar wären.

Wen sollte das Thema ganz besonders interessieren? Dieser Frage ging das Erotikportal Erobella nach. Es wertete 84.000 Meldungen zu Gonorrhoe, HIV und Syphilis aus, die dem Robert Koch-Institut zwischen 2019 und 2025 übermittelt wurden und schlüsselte sie nach Altersgruppen auf.

Mit einem interessanten Ergebnis: Im Median sind Menschen, die eine STI bei sich feststellen 32 (Gonorrhoe), 39 (HIV) und 41 (Syphilis) Jahre alt. Ein zweiter kleiner Peak lässt sich dann noch einmal zwischen 50 und 55 Jahren feststellen, besonders bei der Syphilis. Bedeutet das also, dass es gerade die Millennials und Boomer in Deutschland wild treiben und sich dabei mangelhaft schützen?

Wir baten Norbert Hermann Brockmeyer um eine Einschätzung. Er ist Mediziner, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG) und forscht im Bereich der sexuell übertragbaren Krankheiten, insbesondere HIV.

Die Zahlen zeigen: Viele Diagnosen werden erst Ü30 gestellt

Er bestätigt die Daten grundsätzlich. "Bei altersspezifischer Aufschlüsselung finden wir die gleichen Ergebnisse." Das Problem sei allerdings, "dass diese Zahlen nicht zeigen, wann diese Menschen zum ersten Mal eine STI hatten – das kann nämlich schon mit 21, 22 Jahren gewesen sein", erklärt er weiter.

Generell sei es so, dass Infektionen, die mit Mitte Dreißig diagnostiziert würden, "früher erworben wurden", führt er aus:

Was eben auch bedeuten würde: Angesteckt haben sie sich viel früher. Bei homosexuellen Menschen sind übrigens "nur" etwa 30 Prozent aller HIV-Diagnosen Spätdiagnosen. Sie lassen sich häufig engmaschiger testen, besonders wenn HIV-Prophylaxe (PrEP) genutzt wird.

Boomer zuweilen unvorsichtig im Umgang mit Verhütung

"Nichtsdestotrotz sehen auch wir durchaus eine leichte Verschiebung der Infektionen in ältere Altersgruppen", sagt Brockmeyer weiter. Er empfände diesen Shift nicht als dramatisch, erwähnt jedoch den "zweiten, kleinen Peak bei Menschen über 50,55 Jahren." Das sei das Alter, in dem Menschen häufig noch einmal eine feste Beziehung verlassen, "in dem die sogenannte ‚zweite Jugend' kommt", wie der Mediziner erklärt.

Und diese zweite Jugend geht scheinbar auch mit etwas jugendlichem Leichtsinn einher. "Diese Menschen glauben dann manchmal, in ihrem Alterssegment relativ sicher vor sexuell übertragbaren Infektionen zu sein", weiß Brockmeyer. "Es kommt hinzu, dass die Sorge vor einer Schwangerschaft bei Frauen nicht mehr besteht und daher seltener an Kondome gedacht wird."

Aber da die Jahrgänge um 55 bis 60 in Deutschland stärker besetzt sind als die Gen Z, ist ein Teil der Verschiebung nach oben auch der Demografie in Deutschland geschuldet. Die Fallzahlen sind nicht als Risiko pro Kopf zu betrachten, das wäre nämlich weiterhin in jungen Jahren am höchsten.

Eine gezielte Aufklärung nur für ältere Altersklassen reicht daher nicht, um die Problematik einzudämmen. Brockmeyer hält mehr Bildung zu sexueller Gesundheit in der Bevölkerung zwar für "entscheidend und wichtig". Allerdings "von der Wiege bis zur Bahre." Sie solle in der Schule beginnen und bis ins Alter hineinreichen.

Deutschland ist schlecht aufgeklärt – in jeder Altersklasse

Denn die Weichen für sexuelle Gesundheit werden oft schon in sehr jungen Jahren gelegt. Und da hapert es weiterhin. "Bei jungen Menschen sehen wir immer noch zu wenig Wissen rund um die HPV-Impfung", bemängelt der Mediziner:

Hierzulande seien gerade einmal 30 Prozent der Jungen und nur etwa 55 Prozent der Mädchen geimpft. "In anderen Ländern – Australien, Dänemark, Großbritannien – sind bereits 80, 90 Prozent der Teenager durchgeimpft", weiß Brockmeyer. Angesichts dieser vermeidbaren Krankheiten sei es enorm wichtig, "eine gute, flächendeckende und kindgerechte Aufklärung zu Sexualität in der Gesellschaft verankern."

Daten aus den USA (wie hier und hier) zeigten, dass Kinder, die umfassend aufgeklärt wurden, "viel später sexuelle Kontakte hatten und sich zudem besser schützten." Der Experte glaubt zudem, dass Sexualbildung helfen kann, sexuelle Übergriffe schneller als solche zu erkennen und damit "für die eigenen Grenzen einzutreten".

Massive Aufklärung müsse auch hinsichtlich der Gonorrhoe, landläufig "Tripper" genannt, geschehen. "Hier gehen Schätzungen von 20.000 bis 25.000 Infektionen im Jahr aus", sagt Brockmeyer. Das zusätzliche Problem sei, dass diese bakterielle Infektion zum Teil, "eine Antibiotikaresistenz entwickelt hat."

Heißt: Wer sich mit diesem Tripper infiziert, kann nicht behandelt werden. "Dafür müssen wir dringend Lösungen finden und bis dahin massiv Aufklärung betreiben, um die Fallzahlen zu senken", sagt der Arzt.

Steigende Infektionszahlen wären verhinderbar

"Was wir insgesamt beobachten, ist, dass sexuell übertragbare Infektionen in der Breite der Gesellschaft ankommen", fasst Norbert Brockmeyer zusammen. "Wir sehen, dass eigentlich alle Gesellschafts- und alle Altersgruppen betroffen sind." Und das ist ein echtes Problem, denn je weitläufiger eine Infektion "in der Bevölkerung verbreitet ist, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit, sich und andere zu infizieren."

Er widerspricht der These, dass nur Millennials und Boomer einen höheren Aufklärungsbedarf bräuchten. Die meisten Infektionen werden weiterhin "sicherlich vor dem 30. Lebensjahr" erworben.

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