Desaster: Das HeidiFest 2026 – ein Prosit der Verhaltensauffälligkeit
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Es wird ja gern von Politikverdrossenheit geredet. Behauptet, dass sich „die“ Politik und ihre handelnden Personen vom gemeinen Volk abgewandt hätten. Dass „diese Leute“ nur noch selbstbezogen um sich kreisen, nur machen, was ihnen persönlich passt und hilft, sich im Grunde über das, was ihnen angeblich am Herzen liegt, lustig machen – und dabei nie, niemals an die Wähler denken.
Reden wir diesmal lieber von Fernsehverdrossenheit. Ersetzen Politik mit „TV‑Unterhaltung“, „handelnde Personen“ mit „Heidi Klum, RTL & Friends“ sowie „Wähler“ mit „TV-Zuschauer“: Willkommen beim „HeidiFest 2026“ auf RTL, der grauenhaftesten Zuschauerverhöhnung des Fernsehjahres 2026. Klar, werden jetzt manche sagen, muss ja keiner sehen (außer dem Kritiker, jobmäßig), hat vermutlich auch fast keiner. Und immerhin ist die Show nicht GEZ-finanziert!
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Joaah, sicher, kann man da antworten. Aber dann schon noch die Frage stellen, mit welcher Haltung die (verbliebenen) Leute „beim“ schrumpfenden RTL auf ihr Publikum sehen. Verachtung? Oder Hohn? Man könnte, mit sehr viel Humor, die Sendung auch als stellvertretende Rache aller Rheinländer (Klum ist Rheinländerin) an Bayern und seinem Brauchtum werten.
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Artikeltyp :MeinungHeidi Klums Trash-Sause
Dabei hat das HeidiFest, wenn auch so verkauft, mit München, Bayern, mit bayerischer Tradition, gar Kultur außer dem Veranstaltungsort rein gar nichts zu tun. Wie schrieb mir meine Kollegin Josie Rath, in Bayern geboren und aufgewachsen, während der Sendung: „Die ganze Show und die Gäste lassen mein bayerisches Herz schmerzen.“ Ihr Freund, ein Münchner, sehe ebenfalls entgeistert zu. Er könne einfach nicht glauben, wie sich da „über unsere Tradition lustig gemacht wird“. Und dazu muss man gar nicht mit Detailkritik anfangen, wie mit Klums weißem Brautdirndl der Marke Sportalm (die einen Deal mit Klum-Tochter Leni hat), das meine Kollegin komplett unpassend fand („Weiß. Und OHNE Bluse darunter! Da geht mit mir dann doch die bayerische Dirndl-Polizei durch!“, schrieb sie. Nur eine Marginalie in der allgemeinen Wurschtigkeit und Lieblosigkeit des „HeidiFests“.
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Es gab, zumindest in meiner Erinnerung als TV-Kritiker, noch nie eine Prime-Time-Show, der es offensichtlich, ich bitte um Entschuldigung für die drastischen Worte, so absolut scheißegal war, wie das, was man da stundenlang sendete, beim (normalen) Fernsehpublikum ankommt. Nicht einmal bei Stefan Raab. Ausgerechnet Raab, ein anderer zweifelhafter Ex-ProSieben-heute-RTL-Transfer, durfte mit seiner diesmal „StefanFest 2026“ genannten Show (mit ko-moderierendem Trompeter Stefan Mross) ans „HeidFest“ nicht nur zeitlich direkt anknüpften.
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Gleich zu Beginn ihrer Trashparty freute sich Heidi Klum übrigens, dass so viele „Freunde“ zu ihr ins Hofbräuhaus gekommen wären – „auch meine Freunde von ProSieben“. Die dürften tatsächlich froh gewesen sein, dass das GNTM-Zugpferd ihren Haussender dieses Jahr vom Übertragen des Festes entbunden hat. Wenn aber TV-Schrott auf den Markt kommt, dann ist Inga Leschek, die Inhaltechefin von RTL, meist nicht weit. Ausbaden müssen es andere. Die Zuschauer (kurzfristig), die Mitarbeiter (mittelfristig).
Dem Normal-Publikum wurde – danke, RTL! – immerhin das neunzig (!) Minuten lange Vorprogramm erspart, was sich nur die zahlende Kundschaft auf RTL+ verdient hatte. In dem „Warm-up“ zum Fest plauderte Frauke Ludowig auf dem „grünen Teppich“ vor dem Hofbräuhaus mit eintrudelnden Gästen, ohne sich aber die Mühe eines Gedankens gemacht zu haben, was man denn die Leute sinnvoll fragen könnte. Stattdessen tauschte sie mit Kollegin Katja Burkard (RTL Punkt 12), mit Natascha Ochsenknecht oder Ballermannsängerin und DSDS-Jurorin Isi Glück oder Laufstegcoach Bruce Darnell minutenlang die gemeinsame Gedankenleere aus. Redete irgendwelches Zeug mit all den Leuten, die sie auch den Rest des Jahres bei RTL abfrühstückt. Und sprach dazu noch mit Influencern. Das HeidiFest wurde ja bereits 2025 vor allem für Social-Media-Content veranstaltet. Und nicht einmal Groß-Influencerinnen wie Caro Daur (4,4 Millionen Followern auf Instagram) oder Pamela Reif (8,6 Millionen) trauten sich offenbar, Heidi Klum und RTL für diesen Quatsch einen Korb zu geben.
Der Senderverbund hatte wirklich alle Gute-Laune-Fachkräfte nach München gekarrt, die nicht rechtzeitig ins befreundete Ausland fliehen konnten, wie man das früher einmal nannte. Von „Höhle der Löwen“-Juror Frank Thelen bis zu den Profitänzern von Let's Dance wie Ekat Leonova oder Evgeny Vinokurov mussten alle ran. Die Tänzer hatten als Staffage zur endlosen Abfolge der abgehangensten Partyhits der 80er und 90er um trostlose Minibühnen im Hofbräuhaus zu tanzen. Von „Ich will Spaß“ von Markus über Milli Vanillis „Girl you know it's true“ (von den echten Sängern vorgetragen), dazu Katja Epstein, Isi Glück und Mousse T bis Dr. Alban („Sing Hallelujah“) – nichts wurde ausgelassen. Und nichts passte zusammen. Zu den Hits von einst gab es als Zugabe sozusagen auch noch die miesesten Playbackversionen von heute. Aufgebrezelt wurde der Abend, man kennt das mittlerweile, durch ein paar echte, sogar internationale Stars aus dem Klum-Kosmos. Naomi Campbell etwa, die als DJ auftrat. Oder Nicole Scherzinger, einst Frontfrau der Pussycat Dolls. Dass diese einmal den mit Abstand besten Live-Auftritt eines Abends hinlegen würde, hätte man auch nie vermutet.
„Kann die Weißwurst noch atmen?“
Während alle, die vor lauter Grauen und Schockstarre nicht den Ausschalter am Fernseher fanden, leiden mussten, hatten die im Trashstahlbad gehärteten Gäste im Hofbräuhaus trotz dicker werdender Luft noch Spaß. Olivia Jones fragte bezeichnenderweise einen Gast: „Kann die Weißwurst überhaupt noch atmen?“.
Im Hofbräuhaus herrschte vermutlich auch die deutlich bessere Akustik als am Fernseher. So urig es sein mag: Es bleibt mit seinen vielen Winkeln, Ecken und oft niedrigen Decken ein denkbar ungeeigneter Ort für jede Art von TV‑Show. Kein Platz für Bühnen, keiner für vernünftige Deko. Schon beim Anstich des Fasses zu Beginn der Sendung (drei Schläge brauchte Heidi Klum) sah man statt Klum vor allem den Mann, der vor ihr an einem Tisch saß und den Moment und sich selbst begeistert mit dem Smartphone filmte.
Jede Art von erkennbarem Ablauf, von einer Art Dramaturgie, schien nie vorhanden oder gar geplant. Keine Idee, was das sein oder werden könnte. Stattdessen gab es eine endlose Abfolge von Tralala-Songs, die sich mit Alibispielchen abwechselten, maximal plump angesagt wurden von Olivia Jones und Drag-Queen-Kolleginnen. Da eh alles egal war, konnte sich die TV-Prominenz im Saal auf sich selbst konzentrieren. Grinsen, jubeln, tanzen, Begeisterung simulieren. Ein Prosit auf die Verhaltensauffälligkeit! Heidi Klum selbst schien auch bald die Lust am fortplätschernden Desaster verloren zu haben, zog sich weitgehend zurück und wirkte noch am authentischsten, wenn sie sich nicht einmal mehr alibimäßig um ihre Show kümmerte, sondern ihren Mann Tom Kaulitz busselte.
Sie und alle Gäste im Saal hatten den großen Vorteil, immerhin (umsonst) deftige bayerische Küche genießen zu können. Zur Auswahl standen auf der Karte, wie im Netz dokumentiert, unter anderem die „Original-Hofbräu-Haxe“, das „Wiener Schnitzel“, das „Brotzeitbrettl“ oder die „Viertel bayerische Ente“. Und natürlich das gute bayerische Bier. Sie zumindest konnten sich das Heidi-Elend schöntrinken.
Das „HeidFest 2026“ gab es um 20.25 Uhr bei RTL und RTL+ – und hoffentlich im Fernsehen nie wieder.