Desaströse Zahlen aus Sachsen-Anhalt
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Gehalt, Lebenserwartung, Schulabbrecher – die desaströsen Zahlen aus Sachsen-Anhalt
Von: Maximilian Kettenbach
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40 Prozent für die AfD, Niedrigstlöhne und Abwanderung: Bei der Wahl in Sachsen-Anhalt droht ein politisches Beben. Doch neben den schlimmen Zahlen gibt es verblüffende Chancen. Eine Analyse.
Magdeburg – Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeichnen Umfragen ein Bild, das im ganzen Land die Alarmglocken schrillen lässt: Die AfD liegt in Sachsen-Anhalt bei über 40 Prozent – so klar vorn wie in keinem anderen ostdeutschen Bundesland vor einer Wahl. Am Sonntag (6. September) droht ein politisches Beben, das erstmals eine reale Machtoption für eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei schaffen könnte. Ulrich Siegmund (AfD) könnte dann Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) ablösen. Wer verstehen will warum, muss nur auf die nackten Zahlen schauen. Sie sind nicht die eine Erklärung für den Unmut, wohl aber wichtige Indikatoren.
Mit einem mittleren Bruttoentgelt von nur 3.563 Euro im Monat verdienen Vollzeitbeschäftigte hier weniger als fast überall sonst in Deutschland. Nur Vollzeitbeschäftigte in Mecklenburg-Vorpommern (3.497 Euro) und Thüringen (3.508 Euro) verdienen im Schnitt noch weniger.
Desaströse Zahlen: So wenig verdienen Bürger aus Sachsen-Anhalt
2024 lag der Durchschnitt im Westen nun bei 63.999 Euro Jahres-Bruttogehalt, im Osten bei 50.625, ein Unterschied von 13.374 Euro und 21 Prozent. Das geht aus der Jahresbilanz für 2024 des Statistischen Bundesamts hervor, die das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) im Jahr 2025 abgefragt hat. Am wenigsten verdienen demnach Vollzeitbeschäftigte in Sachsen-Anhalt (49.619 Euro) und Thüringen (49.739 Euro), am meisten in Hessen (71.286 Euro) und Hamburg (70.172 Euro).
2025 bildete erneut Sachsen-Anhalt das Schlusslicht bei den Vollzeitbeschäftigten – mit 51.937 Euro. Deutschlandweit betrug der Wert 64.441 Euro. Hinzu kommt eine hohe Arbeitslosigkeit von aktuell rund 8,2 Prozent, wie die Arbeitsagentur meldet. Laut dem Paritätischen Gesamtverband hat das Land die zweithöchste Armutsquote aller Länder, nur Bremen liegt noch schlechter.
Die ganz großen Firmensitze fehlen in Sachsen‑Anhalt. Die Hoffnung auf eine Milliarden-Investition des Chipherstellers Intel in Magdeburg hatte sich 2025 zerschlagen. Ein besonderes Gewicht hat die Chemieindustrie mit rund 13.000 Beschäftigten im Land. Wegen hoher Energiepreise, schwacher Nachfrage und internationalem Wettbewerbsdruck herrscht derzeit aber eher Krisenstimmung.
Geringere Lebenserwartung – Abwanderung verschärft Probleme
Sachsen-Anhalt bleibt außerdem Schlusslicht bei der Lebenserwartung. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts für die Jahre 2023 bis 2025 liegen zwar bei den Frauen (82,6 Jahre) Bremen und das Saarland noch darunter. Bei den Männern (76,4 Jahre) hat Sachsen-Anhalt jedoch die Rote Laterne inne. Über beide Geschlechter gerechnet ist die Lebenserwartung ebenfalls am niedrigsten.
Sachsen-Anhalt hat rund 2,1 Millionen Einwohner – und nicht nur eine der ältesten Bevölkerungen, sondern auch eine der am stärksten schrumpfenden: Die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt war mit 48,2 Jahren im Jahr 2024 am ältesten. Zum Vergleich: Hamburgs Einwohner sind im Durchschnitt sechs Jahre jünger. Die Geburtenrate sank im vergangenen Jahr auf einen historischen Tiefstand. Die Abwanderung verschärft den Trend, so das Statistische Landesamt. In weniger als zehn Jahren könnte die Bevölkerung nach Schätzung des Statistischen Bundesamts unter die Zwei-Millionen-Marke fallen. Arbeitskräfte fehlen. Die Bevölkerung im Land, aus dem Prominente wie die Kaulitz-Brüder Bill und Tom oder aber auch Komiker Dieter Hallervorden und TV-Moderator Kai Pflaume kommen, schrumpft und altert so stark wie kaum anderswo. Dazu zeigt eine ARD-Doku Probleme in Sachen medizinische Versorgung in Sachsen-Anhalt.
Doch Sachsen-Anhalt hat viele überraschend positive Zahlen
Die Zahlen können Aufschluss darüber geben, woher das Gefühl rührt, seit der Wende immer nur verloren zu haben. Der Trotz gegen „die da oben“ spielt der AfD seit Jahren in die Karten. Und doch hat Sachsen-Anhalt ein paar Werte für den Schaukasten. In einer Langzeitanalyse im Rahmen des Bildungsmonitors der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) durch Studienautoren des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) landete das Land 2023 laut dubisthalle.de in puncto Schulqualität überraschend auf Platz 4 von 16, mit starken Mathematik-Ergebnissen an Grundschulen. Im jährlichen INSM-Bildungsmonitor rutschte Sachsen-Anhalt allerdings auf Rang 13 ab. Die Quote bei den Schulabbrechern ist hoch: Im Schuljahr 2024/25 verließen laut Correctiv-Recherche insgesamt 13,4 Prozent des entsprechenden Jahrgangs in Sachsen-Anhalt die Schule ohne Abschluss. Der höchste Wert aller Bundesländer.
Allerdings lag Sachsen-Anhalt bei der Ganztagsbetreuung mit 63,1 Prozent weit über dem Bundesschnitt von 47,5 Prozent. Auch die Bildungsausgaben zählen laut Zeit zu den höchsten im Ländervergleich. Die Auswahl an Kindertagesstätten ist nirgends so groß wie in Sachsen-Anhalt. Bei der frühzeitigen Betreuung unter Dreijähriger in einer Kindertagesstätte liegt Sachsen-Anhalt mit einer Betreuungsquote von 63 Prozent deutlich über dem deutschen (38 Prozent) als auch dem ostdeutschen Durchschnittswert (58 Prozent). Das zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH.
Die Bedingungen für einen weitergehenden Aufschwung in Sachsen-Anhalt sind vielversprechend.
Geringere Lebenshaltungskosten – Wirtschaftsexperten sehen großes Potenzial bei Erneuerbaren Energien
Arm und alt, Licht und Schatten bei der Bildung und Kitas als Lichtblick – das klingt hart, fasst aber relevante Parameter zum Leben in Sachsen-Anhalt zusammen. Zur Wahrheit gehört jedoch auch die Kehrseite der Medaille: Das Geld ist vor Ort mehr wert. Zwar sind die Löhne niedrig, doch mit durchschnittlichen Kaltmieten von rund 6,60 Euro pro Quadratmeter (Bundesdurchschnitt laut immobilienscout24.de 9,23 €/m²) und etwa 7 Prozent geringeren Lebenshaltungskosten puffern die Ausgaben einen Großteil der Lohnlücke ab. Laut IW-Gutachten liegt das verfügbare Einkommen nach Abzug der Wohnkosten in Sachsen-Anhalt nur rund drei Prozent unter dem Bundesdurchschnitt – nach Abzug der Fixkosten bleibt vielen Bürgern somit real ähnlich viel im Portemonnaie wie in westdeutschen Ballungsräumen. Noch ein Beispiel: Während der Quadratmeter in Ein- und Zweifamilienhäusern in Deutschland im Durchschnitt 3.335 Euro kostet, sind es in Sachsen-Anhalt pro Quadratmeter nur 1.615 Euro.
Die Bedingungen für einen weitergehenden Aufschwung in Sachsen-Anhalt sind vielversprechend, meint das Institut der deutschen Wirtschaft. Und: Das Land könne eine wichtige Rolle in Bezug auf die beiden Transformationen der Digitalisierung und Dekarbonisierung einnehmen. Gerade im Norden gebe es viel Potenzial für den Ausbau erneuerbarer Energien. Jetzt gilt es, diese Möglichkeiten zu erkennen und zu heben. Ob eine solche Entwicklung mit der AfD möglich ist? So viel steht fest: Die AfD lehnt die Erkenntnisse zum menschengemachten Klimawandel ab. (Quellen: DPA, Bundesagentur für Arbeit, Statistisches Bundesamt, dubisthalle.de, Correctiv, IW, immobilienscout24, eigene Recherche) (mke)