Deutsche erkennt man im Alltag am „German Stare“
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In anderen Ländern unhöflich: Deutsche erkennt man im Alltag am „German Stare“
Von: Andreas Apetz
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Wer neu nach Deutschland kommt, fühlt sich in der U-Bahn manchmal ungeniert und anhaltend angestarrt. Eine Forscherin erklärt, was dahinter steckt.
Frankfurt – Morgens in der U-Bahn, Blick aufs Smartphone – und dann doch dieser Moment: Das Gegenüber schaut ungeniert herüber, bohrend, anhaltend. Stimmt etwas nicht? Dann wendet er sich ab, als wäre nichts gewesen. Was Menschen in Deutschland kaum auffällt, ist für Touristen oder Zugezogene fast ein Kulturschock.
Der sogenannte „German Stare“ reiht sich neben Pünktlichkeit und fehlendem Humor in die Liste der größten Klischees über Deutsche ein. Viele Besucherinnen und Besucher berichten von fixierenden Blicken mit neutralem Gesichtsausdruck. Doch gibt es diese Angewohnheit wirklich – oder ist es nur ein harmloses Vorurteil?
Direkter Blick: In Deutschland normal, anderswo eine Grenzüberschreitung
Gundula Gwenn Hiller kennt das Phänomen. Sie ist Professorin für Beratungswissenschaften und interkulturelle Kompetenz an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. „Der Begriff ‚German Stare‘ ist weniger eine Beschreibung eines objektiven Verhaltens als eine Interpretation“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Es handele sich um eine Fremdzuschreibung und ein gutes Beispiel dafür, „wie schnell interkulturelle Fehldeutungen entstehen können“. Die Deutschen starrten nicht mehr als andere – sie hätten nur weniger soziale Regeln für Blickkontakt im öffentlichen Raum. „Blickkontakt ist hier auch gegenüber Unbekannten durchaus üblich“, sagt Hiller.
In individualistisch geprägten Gesellschaften wie Deutschland gilt „direkter Blickkontakt in vielen Situationen als Zeichen von Aufmerksamkeit, Ehrlichkeit und Präsenz“, sagt Hiller. Ein Ausweichen des Blicks werde hierzulande eher mit Unsicherheit oder Desinteresse verbunden. In kollektivistisch orientierten Kulturen hingegen könne ein solcher Blick als „zu intensiv, unhöflich oder sogar konfrontativ wahrgenommen werden“. In manchen afrikanischen Kontexten etwa wird der Blick gegenüber hierarchisch höherstehenden Personen bewusst schnell abgewendet – als Zeichen von Respekt, nicht von Desinteresse.
„Nicht der Blick ist das Problem, sondern die unterschiedliche Erwartung daran“
Hillers Einschätzung deckt sich mit Forschungsergebnissen: Eine im Fachjournal PLOS One veröffentlichte Studie der Universitäten Tampere und Tokio aus dem Jahr 2013 untersuchte die Reaktion finnischer und japanischer Probandinnen und Probanden auf direkten Blickkontakt. Obwohl die physiologische erste Reaktion in beiden Kulturen gleich war, zeigten sich deutliche Unterschiede in der Bewertung: Japanische Teilnehmende empfanden ein Gesicht mit direktem Blick als deutlich unangenehmer, unnahbarer und wütender als finnische Probanden.