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Deutsche KI-Revolution: Wie ein Experten-Duo die Energiewende mit Algorithmen effizienter macht

Technologie

Als Christian Hövelhaus seine Firma im Jahr 2014 startete, hatte er erstmal viel zu erklären. Hövelhaus, zuvor unter anderem Vorstand beim Energieriesen RWE, gründete damals sein Startup Esforin, das Ziel: den Strom- und Gasverbrauch von Unternehmen flexibler zu gestalten, im Einklang mit den Kursen an der Strombörse.

Wenn die Strompreise hoch sind, fährt das Unternehmen mit Hilfe von Esforin den Verbrauch vielleicht herunter und verkauft seinen überschüssigen Strom. Und wenn die Preise niedrig sind, fährt es die Produktion auf Hochtouren.

„Von welchem Planeten kommt ihr denn?“

Das Problem? Kaum ein potenzieller Kunde verstand, was Hövelhaus da vorhatte. „In der Gründungsphase war das wirklich schwierig“, sagt der Essener Unternehmer zu FOCUS online Earth. „Da haben uns die Unternehmen oft gefragt: Von welchem Planeten kommt ihr denn?“

Zwölf Jahre später ist die Lage eine andere. Die Energiewende hat die Produktionskosten für Strom gesenkt, die Lage an der Strombörse aber auch volatiler gemacht: Die Energieerzeugung aus Sonne und Wind ist wetterabhängig, immer wieder kommt es daher zu Stunden mit Über- oder Unterangeboten. Es braucht also eine flexible Steuerung – damit die Unternehmen zum Beispiel gezielt Strom ankaufen, wenn der Preis gerade niedrig ist.

Strom verkaufen statt produzieren

„Deswegen ist Optimierung heute viel wichtiger geworden“, sagt Hövelhaus. Viele seiner Industriekunden verdienten mittlerweile „richtig Geld“ mit der sogenannten „Flexibilität“, haben sich schon längst große Batterien angeschafft oder gar eine eigene Solaranlage. „Wenn der Strompreis bei 500 Euro oder mehr liegt, fahren die lieber die Produktion um 20 Prozent herunter und verkaufen den überschüssigen Strom – das bringt denen einfach mehr, um so ihre Energiekosten zu reduzieren“, erzählt Hövelhaus.

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Auf diese Weise werden Unternehmen auch zum unsichtbaren Helfer von Klimaschutz und Energiewende. Die flexible Nutzung von Strom entlastet die Netze und sorgt dafür, dass weniger Solar- und Windstrom ungenutzt verfällt. Insgesamt 1,5 Millionen Tonnen CO2 hat Esforin nach eigenen Angaben im letzten Jahr bei seinen Kunden eingespart.

Die zugrunde liegende Technologie besteht im Prinzip aus Algorithmen, die Signale an den Strombörsen erkennen und vorhersagen können. Und bei dieser Technologie liegt Deutschland in Führung – nicht die Computerfreaks aus dem Silicon Valley, nicht die Energiepioniere aus China. „Das Know-how ist in Deutschland wirklich weltweit führend“, sagt Hövelhaus, im Grunde genommen sei die sogenannte Flexibilitätsvermarktung hier erfunden worden. „Die flexible Vermarktung von Strom und Gas läuft bei uns auf Champions-League-Niveau.“

„... das hat mit der Realität wenig zu tun“

Knapp 600 Kilometer südöstlich versucht Alois Knoll derweil, das Niveau noch weiter zu steigern. Knoll, 65, ist Leiter des Lehrstuhls für Robotik, Künstliche Intelligenz und Echtzeitsysteme an der Technischen Universität München, wenn es so etwas wie einen „deutschen KI-Papst“ gibt, dann ist es vermutlich er.

Kleines Kraftwerk

Im April 2025 gründete Knoll nebenbei das Unternehmen 1Alpha, das spezialisierte KI-Agenten zur Bewältigung von Bürokratieaufgaben für mittelständische Unternehmen anbietet. Auch die KI sei ein Bereich, in dem sich Deutschland nicht vor dem Ausland verstecken müsse, sagt Knoll zu FOCUS online Earth: „Maschinelles Lernen ist ja ganz wesentlich in Deutschland entwickelt und konzipiert worden, schon in den 1950er-Jahren. Das Gefühl vieler, Deutschland hinke da irgendwie hinterher, hat mit der Realität wenig zu tun.“ Im Gegenteil, sagt Knoll: „Wir sind in einigen Bereichen nach wie vor besser als die USA oder China.“

Was ist also, wenn sich diese zwei deutschen Spezialstärken verknüpfen ließen? Einerseits die KI und andererseits die komplizierten Energiewende-Algorithmen?

Prognosen mit Millionenwert

Das ist das Experiment, das die beiden so ungleichen Firmen gestartet haben. Das Ziel: Mit KI sollen die Handelssignale an den Strombörsen schneller und genauer lesbar werden – zunächst allerdings unter menschlicher Kontrolle. Die Künstliche Intelligenz soll zusätzliche Datenquellen auswerten, von denen herkömmliche Algorithmen noch nichts ahnen, und daraus genauere Prognosen zur Entwicklung der Strompreise erstellen. „Wir haben durch den Einsatz von KI die Möglichkeit, in gigantischen Datenbergen sinnvolle Muster zu erkennen“, sagt Knoll. „Der Mensch kann das nicht ansatzweise, aber der Rechner kann es heute eben schon.“

Ein Ansatz, der Millionen wert sein könnte. Bislang nämlich konzentrieren sich die Algorithmen von Esforin auf das Preisgeschehen der kommenden 24 Stunden. Wenn sich Strompreise jedoch gleich für die kommenden drei oder fünf Tage verlässlich prognostizieren ließen, könnten Händler ihre Positionen früher anpassen. Gerade bei großen Handelsmengen können schon kleine Preisunterschiede mit großen Gewinnen einhergehen – und die Energiewende insgesamt effizienter gestalten.

„Wir sind viel zu langsam“

„Wir schaffen es in Deutschland nur viel zu selten, aus einer großen Idee auch ein großes Business zu machen und das Ganze schnell auf die Straße zu bringen“, sagt Knoll. „Wir sind viel zu langsam.“ Die Verbindung von KI mit der deutschen Energiewende sei daher eine große Chance – für beide.

In der Praxis soll das dann so aussehen, dass nicht nur klassische Wetter- oder Marktdaten ausgewertet werden, um Zukunftspreise zu schätzen. Auch Social-Media-Posts oder Medienberichte sollen einfließen können, oder Anomalien, die für das menschliche Auge gar nicht wahrnehmbar sind.

„Bislang war es ja so, dass wir am Ende der Kette an der Strombörse einen menschlichen Händler hatten, der nach Intuition entschieden hat, wann er kauft und wann er verkauft“, sagt Knoll. Bei externen Schocks wie dem Iran-Krieg ließen sich durch KI jetzt auch politische und wirtschaftliche Entwicklungen im Algorithmus auswerten. „Und die KI kann daraus schnell logische Schlussfolgerungen ziehen, welche konkreten Auswirkungen das beispielsweise auf die Energiemärkte hat.“

Den Menschen braucht es weiterhin

Den menschlichen Händler werde es aber weiterhin brauchen – zu wertvoll seien das Fachwissen und die Erfahrung. „Die nächste Stufe wird sein, menschliche Intuition auf KI-Agenten und damit auf den Rechner zu übertragen“, glaubt Knoll. „Oder als Merksatz formuliert: Alle intellektuellen Fähigkeiten, die sich auf den Rechner übertragen lassen, werden auch auf den Rechner übertragen werden.“

Wie gut das schon seit Start des Projekts im vergangenen Oktober funktioniert, dazu halten sich Knoll und Hövelhaus schon bedeckt, genau wie zur Frage, wie hoch die möglichen Ersparnisse ausfallen könnten. Man sei bislang zufrieden, heißt es nur.

Klar, den Krieg der USA mit dem Iran im Mittleren Osten und die anschließende Blockade der Straße von Hormus, das habe die KI auch nicht kommen sehen, sagt Hövelhaus. „Die sieht ja nur das, was an Daten verfügbar ist oder im Internet steht.“ Dort allerdings, sagt der Esforin-Chef, „dort sieht sie alles.“

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