Deutsche Touristin stirbt am 7. Oktober im Kibbuz Nir Oz
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Deutsche Touristin stirbt am 7. Oktober 2023 im Kibbuz Nir Oz – ihre letzte Nachricht
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Carolin Bohl, 22, änderte kurzfristig ihre Pläne und blieb eine Nacht länger im Kibbuz. Um 8.06 Uhr erhielt ihre Mutter eine letzte Nachricht. Von Simone Jung.
Ihr Lächeln strahlt, als habe jemand die Sonne angeknipst. Sie steht barfuß in der Wüste vor der Kamera, ringt um einen ernsten Gesichtsausdruck. Dann schlägt sie die Hände vors Gesicht und prustet los. Jäh stoppt das Handyvideo.
Auf einem der folgenden Handyfotos hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger ihrer linken Hand die untergehende Sonne. Wieder ihr einnehmendes Lächeln. Aufgenommen am 29. September 2023. Ein Freitag in Israel. Mit dem Sonnenuntergang beginnt Schabbat.
Es war Carolin Bohls erste Reise nach Israel. Viele Clips und Fotos lassen teilhaben an den Erlebnissen der 22-Jährigen aus Deutschland. Carolin krault eine Katze. Sie verrührt Auberginen-Mousse. Sie liest in Hermann Hesses „Steppenwolf“. Sie steht im Bikini mit Vintage-Blumenmuster auf der Wiese. Sie spielt mit ihrem Reisebegleiter und guten Freund Danny, der Perlenkette trägt, Backgammon. Sie läuft in lila Badeschlappen eine staubige Landstraße entlang. Sie radelt durch den Kibbuz Nir Oz, was kraftvolles Land bedeutet. Sie lehnt am Sicherheitszaun, der Gaza, keine zwei Kilometer entfernt, von Israel trennt. Sie lauscht dem Gesang des Muezzins, dessen Stimme der Wind über die Grenze weht.
Die Ausschnitte aus ihrem Leben schäumen über vor freudiger Erwartung auf alles, was kommt. Der Dateiordner, in dem die Fragmente abgelegt sind, ist beschriftet mit „Nir Oz“. Glückliche Tage, während das Datum auf den Clips und Fotos voranschreitet.
Carolins Mutter Sonja Bohl-Dencker fällt es schwer, die Bilder anzuschauen. Erinnerungen an das Erlebte Carolins, gespeichert auf ihrem Computer. Sie sind zu Sonjas letzten Andenken an ihre Tochter geworden. Ihre weltoffene, mitfühlende, einfallsreiche, zuvorkommende, wunderschöne Tochter.
Auf manchen Bildern liegt der Kontrast von Krieg und Frieden in Israel offen da wie eine Wunde. Dieser Widerspruch arbeitet in Carolin. Am 4. Oktober 2023 postet sie eine Videobotschaft.
„Es ist so paradox. Weil – es ist die Impression vom entspanntesten Leben. Einfach der Himmel auf Erden, das Kibbuzleben. Deswegen mache ich auch dieses Video, weil ich es teilen möchte. Ich meine, es ist surprise wie privilegiert wir in Europa sind. Allein nicht jede Minute Angst haben zu müssen, dass ein Krieg ausbricht und deswegen in Bunkern zu schlafen. Hier sind überall Bunker, weil man nur noch 15 Sekunden Zeit hat nach dem Alarmton.“
Auf Sonja Bohl-Denckers Bildschirm reihen sich weitere Impressionen und Geschichten aneinander, auch aus früheren Tagen. Carolin in Rock und Hose, aus einem Herrenanzug neu zusammengestellt. In einem weißen Anzug mit Brandlöchern. In einem Kostüm aus Teilen einer Jeansjacke. Carolin studierte nachhaltiges Modedesign in Berlin. Sie brannte für ihr Studium. Sie glänzte mit Bestnoten, im Gegensatz zu ihren Schulzensuren früher. Schon seit einigen Jahren trug sie nur noch recycelte Kleidung oder Secondhand. Um mit eigenen Augen zu sehen, wie billige Mode in Europa entsorgt wird, war sie nach Afrika gereist und hatte entsetzt auf die Müllberge und die mit Kleidern verseuchten Dörfer, Lagunen und Strände geblickt. Seither hieß ihr Ziel Upcycling: Abfallprodukte zu höherwertigen Kleidungsstücken zu verarbeiten.
Carolin liebte das Reisen, sagt ihre Mutter. Schon als kleines Kind lief sie geduldig mit, ohne zu maulen.
Ihr guter Freund Danny hatte ihr viel von Israel erzählt, von diesem faszinierenden Land, dessen Geschichte mit jener Deutschlands unwiderruflich verwoben ist. Dieses Land und seine Menschen wollte Carolin kennenlernen.
Ein Dateiordner ist mit „Danny Darlington“ beschriftet. Darin sind viele von Danny aufgenommene Bilder. Er war Fotograf, Carolin stand ihm häufig Modell. Auch Danny selbst ist auf Fotos zu sehen, oft mit brauner Baseballkappe. Zwei Wochen Israel randvoll mit intensiven Momenten. An Jom Kippur, dem höchsten Feiertag in Israel, gehen Carolin und Danny zu Fuß auf der verkehrsfreien Autobahn nach Tel Aviv. Sie spazieren am weiten Strand und baden in der Sonne. Sie besuchen Dannys Familie und Freunde im Kibbuz Nir Oz. Eine Gemeinschaft, die alles teilt. Die Arbeit auf den Feldern, das Einnehmen der Mahlzeiten, die Erziehung der Kinder. Einer von Dannys Freunden dort, Shahar, begleitet die beiden auf ihren Ausflügen. Sie unternehmen eine Tour in die Wüste Negev, fotografieren Carolins Mode im Wüstensand, fahren zum Toten Meer, das von skurriler Salzlandschaft umgeben ist.
Immer wieder kehren sie in den Kibbuz zurück, wohnen, essen, entspannen dort. Carolin ist begeistert vom familiären, innigen Miteinander. Paradiesische Zustände in einer feindseligen Umgebung. Sie ergänzt ihren Videopost am 4. Oktober 2023.
„Ich habe gestern im Gazastreifen viel Rauch gesehen und eine Bombe gehört. Man hört immer wieder Hubschrauber von der israelischen Armee, die hier langfliegen und kontrollieren. Und das ist das Normalste. Es ist so ein Kontrast. Weißt Du, auf der einen Seite der Himmel auf Erden und auf der anderen Seite – jede Minute kann hier was passieren.“
Nur noch zwei Tage bleiben Carolin und Danny in Nir Oz. Am 6. Oktober wollen sie für ihre letzte Übernachtung zurückfahren nach Tel Aviv. Dort geht am folgenden Tag, am 7. Oktober, ihr Flug zurück nach Berlin. Sie haben schon eine Mitfahrgelegenheit organisiert. Doch sie ändern kurzfristig ihre Pläne, wollen die herrliche Atmosphäre in Nir Oz bis zuletzt auskosten. Weil ihr Gästehaus bereits vergeben ist, tauscht Dannys Freund Shahar seinen Wachdienst mit einem anderen Bewohner des Kibbuz. Für diese eine Nacht überlässt dieser Carolin und Danny sein Haus. Es hat, wie alle anderen Häuser, einen Schutzraum. Darin übernachten die beiden sicherheitshalber. Die Menschen hier rechnen jederzeit mit Raketenalarm und Geschossen, die aus Gaza abgefeuert werden.
Am frühen Morgen des 7. Oktober, um 6.17 Uhr deutscher Zeit, erhält Carolins Mutter eine Chatnachricht. In Israel ist es 7.17 Uhr.
„Hey mum, wenn du das liest, bleib ganz ruhig. Wir sind gestern doch nicht nach Tel Aviv gefahren, sondern im Kibbuz geblieben. Jetzt ist tatsächlich Krieg ausgebrochen. Aber wir sind im Bunker.“
„Jetzt wird die Armee einschreiten“, schreibt sie
Sonja Bohl-Dencker bleibt nicht ruhig, sie ist verrückt vor Sorge. Zunächst kann sie nicht einschätzen, wie dramatisch die Lage ist. „Bunker“ hört sich für sie, die nie zuvor in Israel war, einigermaßen sicher an.
Zur selben Zeit verharren Carolin und Danny im Schutzraum. Danny steht in Kontakt mit Bewohner:innen des Kibbuz. Er erhält Nachrichten über Terroristen, die in Israel eingedrungen sind. Auch Einschläge von Raketen sind zu hören. Er und Carolin telefonieren nicht, um Geräusche zu vermeiden. Sie kommunizieren per Chat-App. Und sie hoffen, im Schutzraum sicher zu sein. Abschließbar ist er nicht. Um 6.40 Uhr deutscher Zeit schreibt Carolin an ihre Mutter:
„Es gibt news, dass Terroristen die Grenze überschreiten wollen.“
Um 7.09 Uhr notiert sie:
„Wir werden bald fliehen können, hoffentlich.“
Um 7.11 Uhr empfängt Sonja Bohl-Dencker die Worte:
„Jetzt wird die Armee einschreiten.“
Sie ahnt, dass ihre Tochter sie beruhigen will.
Bereits um 6:49 Uhr israelischer Zeit überfallen Terroristen den Kibbuz Nir Oz. Ihre ersten Opfer sind zwei Spaziergänger auf umliegenden Feldern. Im Kibbuz zerstören die Angreifer die Überwachungskameras, sind selbst mit Bodycams ausgestattet, um stolz ihre Gräueltaten aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen. Der Wachschutz in Nir Oz besteht aus sieben Menschen, die Widerstand leisten, darunter Dannys Freund Shahar. Sie hoffen, dass endlich die israelische Armee eintrifft. Doch die ersehnte Rettung bleibt aus. Sie werden überrannt von der schieren Anzahl der Terroristen, mehr als fünfhundert insgesamt. Die brechen in die Häuser ein, foltern, vergewaltigen, morden, brandschatzen und plündern.
Und 8.06 Uhr erhält Sonja Bohl-Dencker eine weitere Nachricht.
„Ich liebe dich mit meinem ganzen Herzen Momichen. Und bin dir unendlich dankbar für alles alles alles.“
Danach bekommt sie keine Nachricht mehr.
Sie befürchtet das Schlimmste. Verzweifelt versucht sie, die deutsche Botschaft und das Auswärtige Amt zu erreichen. Sie trifft niemanden an, der kompetent ist, ein versprochener Rückruf bleibt aus.
Es gelingt Familie Bohl, Kontakt aufzunehmen mit Dannys Familie, und mit deren Hilfe Auskünfte über Carolin zu erhalten.
Am frühen Abend des 8. Oktober geht Sonja Bohl-Dencker eine kleine Runde mit Hündin Aenne. Als sie zurückkommt, erfährt sie von Carolins Tod. Sie bricht auf der Wiese vor dem Haus zusammen, sie schreit, schreit minutenlang.
Für sie gibt es nur eines noch. Wenigstens Carolins Körper soll zurückkommen. Sie bemerkt: „Dafür musste ich nur zehn Tage kämpfen. Ich konnte das Leid der Angehörigen der anderen Opfer so sehr verstehen, die Hunderte Tage dafür kämpfen mussten.“
Im Kibbuz waren am 7. Oktober 47 Menschen brutal ermordet und 76 verschleppt worden.
Einer der Dateiordner auf Sonjas Computer trägt den Titel „Shahar Nir Oz – 23.11.23“. Sechzehn Tage nach dem Angriff geht Shahar, Dannys Freund, der überlebte, durch das Haus, in dem Carolin und Danny im Schutzraum ausgeharrt und versucht hatten, von innen die Türe zuzuhalten. Die Terroristen durchschossen die Tür. Dabei wurden Carolin und Danny verletzt und konnten keinen Widerstand mehr leisten. Die Mörder drangen ein und feuerten wild umher, die Wände waren übersät mit Einschusslöchern.
Ein Jahr danach fliegt ihre Mutter erstmals nach Israel
Shahar dokumentiert mit dem Handy für Carolins und Dannys Familien, was ihnen geblieben ist. Verwaiste Dinge, zuvor Alltagsbegleiter in Situationen ausgelassener Lebensfreude: ein lila Flipflop, eine gelbe, kurze Hose, ein schwarzes Top, ein Bündel Socken mit Blutflecken, eine Perlenkette, eine braune Baseballkappe, ein Bikinioberteil mit Vintage-Blumenmuster. Auch Carolins Personalausweis. Darauf, gut leserlich: „geboren am 28. Februar 2001“.
Gestorben am 7. Oktober 2023. Durch drei Schüsse – jener ins Genick war tödlich.
Geblieben sind den Familien Wunden so tief und so schmerzvoll, dass es dafür keine Worte und keine Heilung gibt.
Nachdem die lähmende Schockstarre etwas nachlässt, fragt sich Carolins Mutter: „Warum ist das geschehen? Warum wurde meine Tochter mit 22 Jahren gewaltsam aus dem Leben gerissen? Warum wurden so viele unschuldige Menschen ermordet?“ Sie weiß zu diesem Zeitpunkt sehr wenig über Israel, nur was deutsche Medien berichten. Das reicht ihr nicht mehr. Sie liest ausführlich über Israel und Antisemitismus.
Noch am selben Tag, an dem Carolin und weitere fast 1200 Menschen bei dem Massaker in Israel ermordet worden waren, feierten Sympathisanten und Anhänger der Terrororganisation Hamas auf Straßen in Deutschland das Blutvergießen. Der Beginn einer neuen Welle des Antisemitismus im Land.
Für Sonja Bohl-Dencker unerträglich: „Ich vermisse meine Tochter jeden Tag, jede Sekunde und versuche, irgendwie mit diesem Schmerz klarzukommen. Dann sehe ich in Deutschland Berichte über Menschen, die die Mörder meiner Tochter feiern. Menschen, die Hamas als Freiheitskämpfer bezeichnen oder meinen, ihre Taten seien gar nicht so schlimm. Das ist kaum auszuhalten. Mein Anliegen ist, dass diese Leute darüber nachdenken, ob es der richtige Weg ist, in einem Rechtsstaat Mörder zu feiern.“
Ein Jahr später, am 6. Oktober 2024, fliegt sie das erste Mal in ihrem Leben nach Israel. Sie möchte am Gedenktag in Nir Oz sein. Sie lernt Dannys Familie kennen und viele andere Trauernde, die Familienmitglieder verloren haben. Bei einer Gedenkfeier wird auch der Name ihrer Tochter genannt und gewürdigt.
Sie geht auf Carolins Spuren durch den Kibbuz, wagt, das Haus zu betreten, in dem Carolin ermordet wurde. Das hilft ihr, mit diesem unsagbaren Schmerz umzugehen. „Ich war so stolz auf meine Tochter und habe sie so sehr geliebt. In Nir Oz hat sie die letzten Tage ihres Lebens verbracht und war glücklich.“ Auf den Wegen dort fühlt es sich an, als gehe Carolin neben ihr.
Sonja Bohl-Dencker reist von nun an häufiger nach Israel und hilft ehrenamtlich beim Wiederaufbau des zerstörten Kibbuz. „Das wäre in Carolins Sinn“, sagt sie. Und sie ergänzt: „Im Kibbuz erinnern Überlebende Carolins Lachen, als würde die Sonne aufgehen.“