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Deutsche zu „faul“? Merz und Konzernbosse reden am wahren Problem vorbei

Wirtschaft

Die Rufe nach längerer Arbeitszeit in Deutschland werden lauter. Vor allem die in der deutschen Autoindustrie übliche 35-Stunden-Woche ist aus Sicht vieler Wirtschaftsvertreter und Politiker nicht länger tragbar. „Wer glaubt, wir könnten uns bei weniger Arbeit denselben Wohlstand leisten, macht sich etwas vor“, sagte Unternehmer Martin Herrenknecht am Montag der Bild. Nikolas Stihl, Aufsichtsratschef des gleichnamigen Geräteherstellers, äußerte sich ähnlich: „Eine 35-Stunden-Woche können wir uns nicht mehr leisten“, sagte er der Deutschen Presseagentur. Dabei ignorieren diese Herren den wahren Kern der Probleme in Deutschland – und der ist sicherlich nicht, dass wir zu wenig arbeiten. Merz und die „Schlechte-Arbeitsmoral-Hitparade“ Auch Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hatte im Handelsblatt die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche gefordert – bei gleichem Gehalt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) stimmt ohnehin seit seinem Amtsantritt unermüdlich diese kaum noch zu ertragende Leier an. „Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können“, tönte er bereits im Mai 2025. „Die Schweizer arbeiten 200 Stunden mehr als die Deutschen“, legte der Kanzler zuletzt im ZDF-Sommerinterview nach. Die Bevölkerung straft ihn für diese realitätsfernen Parolen völlig zu Recht mit miserablen Zufriedenheitswerten ab. Zuletzt lagen diese laut neuer Forsa-Umfrage nur bei 14 Prozent. Doch bei einigen findet Merz auch Anklang. Viele Konzernbosse stimmen freudig in die „Schlechte-Arbeitsmoral-Hitparade“ ein. Dabei lenkt die Debatte bequem von ihrer eigenen Verantwortung und von Managementfehlern ab, die einen wesentlich größeren Anteil an der Krise haben als die Beschäftigten. Das Handelsblatt geht in einem aktuellen Kommentar sogar noch einen Schritt weiter und macht die sinkende Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie an angeblich überholten Privilegien der Belegschaften fest. Genannt werden unter anderem hohe Gehälter, Urlaubs- und Vorruhestandsregelungen, Zulagen und Abfindungen. Wer „viele Privilegien“ habe, solle „weniger Schutz vor Jobverlust“ genießen, so der Autor. Geht’s noch? Die Beschäftigten sollen für Managementfehler bezahlen Natürlich können Unternehmen auf Dauer nicht mehr verteilen, als sie erwirtschaften. Doch Gehälter, Urlaubstage und Kündigungsschutz sind keine Geschenke großzügiger Konzernchefs, sondern Teil der Vergütung und das Ergebnis von Tarifverhandlungen. Beschäftigte von 35 auf 40 Stunden hochzustufen, ohne ihnen mehr zu bezahlen, bedeutet 14,3 Prozent mehr Arbeitszeit. Der rechnerische Stundenlohn sinkt um 12,5 Prozent. Was Brudermüller, Stihl und Herrenknecht als Beitrag zu mehr Produktivität verkaufen, ist zunächst einmal eine drastische Lohnkürzung durch die Hintertür. Besonders dreist wirkt die Forderung mit Blick auf Mercedes. Der Autobauer verliert in China nicht deshalb Marktanteile, weil ein Bandarbeiter in Sindelfingen freitags früher Feierabend macht. Mercedes setzte jahrelang auf teure Autos und hohe Margen, während chinesische Hersteller bei Elektroautos, Software und digitalen Funktionen davonzogen. 2025 brach der Mercedes-Absatz in China um 19 Prozent ein, im ersten Quartal 2026 noch einmal um 27 Prozent. Diese Strategie haben keine Bandarbeiter beschlossen. Sie wurde von hoch bezahlten Managern entwickelt, deren Millionengehälter und Boni erstaunlicherweise nicht zu den Privilegien zählen, die angeblich „aus der Zeit gefallen“ sind. VW und Mercedes: Millionenboni für Vorstände – und Mitarbeiter müssen jetzt die Krise ausbaden? Vollzeitkräfte arbeiten fast so lange wie im EU-Schnitt Auch die Statistik passt nicht zur Erzählung vom kollektiven Müßiggang. Vollzeitbeschäftigte kamen in Deutschland 2025 laut Statistischem Bundesamt auf durchschnittlich 39,9 Wochenstunden. Im EU-Durchschnitt waren es 40,2 Stunden. Der Unterschied beträgt gerade einmal 18 Minuten. Dass Deutschland in internationalen Vergleichen trotzdem weit hinten landet, liegt vor allem am hohen Teilzeitanteil. Viele Menschen arbeiten jedoch nicht freiwillig weniger. Fehlende Betreuungsplätze, unpassende Öffnungszeiten und das Steuer- und Abgabensystem verhindern häufig, dass vor allem Frauen ihre Arbeitszeit erhöhen. Auch Merz’ Vergleich mit der Schweiz führt in die Irre. Die genannten 200 Stunden beziehen sich auf Vollzeitbeschäftigte. Werden alle Arbeitnehmer berücksichtigt, schrumpft der Abstand laut einem Faktencheck des ZDF auf weniger als eine Stunde pro Woche. Denn in der Schweiz ist Teilzeit noch weiter verbreitet als in Deutschland. Wer mehr Arbeitsstunden mobilisieren will, sollte daher für verlässliche Kinderbetreuung sorgen, Mehrarbeit finanziell attraktiver machen und unfreiwillige Teilzeit abbauen. Das wäre sinnvoller, als Beschäftigten pauschal fünf unbezahlte Wochenstunden aufzudrücken. Deutschlands Problem heißt Produktivität Vor allem aber verwechseln Merz und die Konzernbosse Arbeitszeit mit Produktivität. Längere Arbeitszeiten können die produzierte Menge erhöhen, machen die einzelne Stunde aber nicht effizienter. Wer zehn Stunden lang Formulare ausfüllt, die niemand braucht, ist nicht produktiver als jemand, der nach acht Stunden damit aufhört. „Deutschland ist nie durch mehr Arbeitszeit reich geworden und wird es auch nie“, sagte Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung auf Anfrage der Berliner Zeitung. „Wohlstand entsteht durch höhere Produktivität, nicht durch längere Wochen.“ Genau dort liegt das Problem. Während die Arbeitsproduktivität in Deutschland laut OECD-Daten zwischen 1991 und 2011 pro Arbeitsstunde um etwa 34,5 Prozent gestiegen ist, waren es zwischen 2011 und 2023 laut Statistischem Bundesamt nur 9,1 Prozent: Im Schnitt also nicht einmal um ein Prozent pro Jahr. 2023 ging die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde hierzulande sogar um 0,8 Prozent zurück. Gleichzeitig verlieren Beschäftigte Zeit durch überflüssige Berichtspflichten, veraltete Software, fehlende digitale Schnittstellen und eine marode Infrastruktur. Keine 40-Stunden-Woche repariert eine kaputte Bahnstrecke. Keine Zusatzschicht beschleunigt ein Genehmigungsverfahren. Und kein gestrichener Urlaubstag hilft einem Autobauer, dessen Fahrzeuge in China an den Wünschen der Kunden vorbeigehen. Mehr Arbeit ohne mehr Lohn kann die Kosten einzelner Unternehmen kurzfristig senken. Eine Strategie für den Wirtschaftsstandort ist es nicht. Deutschlands Beschäftigte müssen nicht länger arbeiten, um die Fehler von Politik und Management auszugleichen. Politik und Management müssen endlich dafür sorgen, dass in ihrer Arbeitszeit wieder mehr entstehen kann. Lesen Sie mehr zum Thema

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