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Deutscher Solar-Pionier geht pleite - und gibt EU die Schuld

Technologie

Der große Traktor reicht mit seinem breiten Mähwerk zu beiden Seiten bis auf wenige Zentimeter an die Solarzäune auf dem weiten Feld bei Donaueschingen-Aasen heran. Ohne die empfindlichen Paneele zu berühren, mäht er das Gras zwischen den senkrecht aufgestellten Solarmodulen, das anschließend als Heu oder Silage an die Tiere verfüttert wird.

„Das ist Agri-PV“, sagt Sascha Krause-Tünker (49), Geschäftsführer von Next2Sun: landwirtschaftliche Flächen größtenteils weiter bewirtschaften und sie gleichzeitig für die Stromerzeugung nutzen.

West und Ost statt Süd

Auf 14 Hektar, einer Fläche so groß wie 20 Fußballfelder, stehen 11.000 Solarmodule in 400 Meter langen Reihen. Die Anlage in Donaueschingen-Aasen verfügt über eine Leistung von 4,1 Megawatt Peak und produziert 4850 Megawattstunden (MWh) pro Jahr. Als sie 2020 eröffnet wurde, war sie europaweit die größte Agri-PV-Anlage ihrer Art.

Sie hat zudem eine Besonderheit: Die Solarmodule stehen vertikal, und sie zeigen nach Westen und Osten. Sie sammeln also nicht bei High Noon in der Mittagshitze die Sonne ein, sondern morgens und abends.

Die Idee dazu hatte sein CEO Heiko Hildebrand, sagt Krause-Tünker: „Er hatte schon vor mehr als zehn Jahren vorausgesehen, dass es in der Mittagszeit ein Überangebot geben wird.“ Die heutigen Probleme mit Negativpreisen und Netzengpässen um die Mittagszeit geben ihm Recht. „Antizyklisch“, nennt Geschäftsführer Krause-Tünker die Strategie: „Wir können damit mehr Geld verdienen als die anderen.“

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Plötzlich pleite

Doch die Sache mit dem Geldverdienen, die fiel Next2Sun zuletzt schwer. Ende September musste das Unternehmen für zwei seiner Tochtergesellschaften Insolvenz beantragen – die Next2Sun Technology GmbH und die Next2Sun Mounting Systems GmbH. Verschont bleiben die Next2Sun AG und die Next2Sun Projekt GmbH, die für das operative Geschäft sorgen. Der Geschäftsbetrieb laufe vorerst weiter, so das Unternehmen.

Was ist passiert? Wieso geht ein Unternehmen mit 140 Mitarbeitern, das zum Weltmarktführer in der sogenannten bifazialen Agri-PV aufgestiegen ist, plötzlich pleite?

Kleines Kraftwerk

Der Traum vom Solarpaket

Einen großen Teil der Schuld trage die EU, sagt Krause-Tünker. Noch vor zwei Jahren seien die Interessenten Schlange gestanden. Denn: Die damals regierende Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP hatte gerade das Solarpaket I auf den Weg gebracht. Das Paket sollte den Ausbau der Photovoltaik beschleunigen und bürokratische Hürden abbauen.

Und: Es stellte für die Agri-PV eine besondere Förderung in Aussicht. Um 2,5 Cent pro Kilowattstunde sollte sich die Einspeisevergütung für den Strom aus besonderen Solaranlagen erhöhen, darunter Agri-PV. Bundestag und Bundesrat segneten die Pläne ab.

Der Berlin-Brüssel-Streit

Eine Sonderbehandlung, die durchaus Sinn ergibt, erklärt Lisa-Marie Schieferstein, Expertin für vertikale Agri-PV am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Denn Agri-PV-Anlagen seien in der Installation teurer als Freiflächenanlagen, sie benötigten größere Abstände und mehr Licht und haben zunächst einen geringeren Stromertrag pro Hektar.

„Das, was Next2Sun macht, ist genau das, was sich viele Kommunen und Landwirte wünschen“, sagt Schieferstein. Das Problem war nur: Die EU-Kommission spielte nicht mit. Die erforderliche Genehmigung für die Förderung, auf die viele Interessenten und Investoren gesetzt hatten, blieb aus.

Denn: Brüssel machte die Zustimmung von einer Regelung abhängig, die übermäßige Gewinne von Betreibern begrenzen soll, wenn diese dank staatlich abgesicherter Vergütungen und hoher Strommarktpreise mehr einnehmen als ursprünglich kalkuliert. Deutschland hatte sich bereits 2022 verpflichtet, einen solchen Rückforderungsmechanismus einzuführen.

Über den Zeitpunkt der Umsetzung entbrannte jedoch ein Streit zwischen der Kommission und der Bundesregierung: Das Wirtschaftsministerium vertrat die Auffassung, die Übergewinn-Verpflichtung greife erst Mitte 2027. Die EU-Kommission bestand jedoch auf einer zeitnahen Umsetzung.

„Wir sind ein Kollateralschaden“

„Diese Verpflichtung ist eine Voraussetzung für die Genehmigung der deutschen Beihilferegelung“, hieß es noch im April 2026 in einer parlamentarischen Antwort der zuständigen EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera. Next2Sun-Chef Krause-Tünker nennt das „inhaltlich totalen Unsinn“, aber das Ergebnis blieb: Die EU und Deutschland konnten sich nicht einigen – die Förderung war Geschichte.

Die Folge für Next2Sun: Vollbremsung. Statt 2025 weiter zu wachsen, gab es nach eigenen Angaben keinen einzigen nennenswerten Neuauftrag. Die Hälfte des Umsatzes brach ein, Verbindlichkeiten mussten bedient, Personal bezahlt werden. „Das war für uns eine absolute Vollkatastrophe“, sagt Krause-Tünker. „Die haben uns vor den Bus geworfen. Wir sind ein klarer Kollateralschaden der Politik aus Brüssel.“

Letzter Rettungsversuch im September

Im September startete Next2Sun noch einen großen Versuch, um Geld aufzutreiben: In einer Pressemitteilung richtete sich das Unternehmen an die „Energiewende-Community“: Es rief „alle Interessierten“ auf, sich „an einer Technologie zu beteiligen, die einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann“, und senkte die Mindestzeichnungssumme der laufenden Aktienemission auf 600 Euro.

Es reichte nicht: Ende September folgte der Gang in die Insolvenz für zwei der Teilgesellschaften. Aufgeben will Krause-Trünker aber nicht, im Gegenteil. „Wir wollen bei unserer Belegschaft dreistellig bleiben und weiter skalieren“, sagt er. „Denn wir sind fest davon überzeugt, die Energiewende braucht genau das, was wir tun.“

Einen Fehler wolle er jedoch nicht noch einmal machen: sich auf Zusagen und kleine Aktionäre zu verlassen. Diesmal will er sich um einen Anker-Investor kümmern.

„Warnsignal für die gesamte Energiewende“

Wichtig seien für Unternehmer wie Next2Sun ebenso wie für Interessenten und Investoren vor allem verbindliche Regeln und politische Zusagen, sagt Lisa-Marie Schieferstein vom Fraunhofer ISE. Der Bundestag berät derzeit über die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), das weite Teile der Energiewende regelt. Danach müsse es eine „klare Basis geben. Dann gibt es auch Perspektiven. Viele Kommunen wünschen sich Agri-PV.“

Für Krause-Tünker ist der Crash seiner Firma ein „Warnsignal für die gesamte Energiewende“. Unsicherheit sei „Gift“ für die Branche. Die gesamte Energiewende wirke seit dem Amtsantritt von Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU) für ihn wie verstreute Puzzleteile: Deutschland wisse nicht, wohin es will, sagt Krause-Tünker. Und seufzt: „Nichts läuft Hand in Hand.“

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