Deutsches Palantir: KI von Orcrist soll Lücke der Fahnder schließen, um Anschläge wie beim CSD in Berlin zu verhindern
Der Name ist den Behörden seit Jahren bekannt gewesen: Abdul Ballout, der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Christopher Street Day, galt als islamistischer Gefährder, soll versucht haben, sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen, saß zwischenzeitlich im Gefängnis und wurde immer wieder observiert. Dennoch ist es ihm, nach allem, was die Strafverfolger wissen, gelungen, seinen Anschlag vorzubereiten und auszuführen. Wie konnte das passieren? Wie kann jemand zuschlagen, über den der Staat längst so viel wusste? Hinweise liegen verteilt in Polizeidatenbanken Wer mit Ermittlern spricht, hört oft, dass vorhandene Informationen nicht zusammenfinden. So erklärte der Innenausschuss des Bundestags nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt von Magdeburg: „Das Grundproblem aller Sicherheitsbehörden ist ..., dass diese polizeilichen Datenbestände in einzelnen polizeilichen Datentöpfen separiert gespeichert sind. ... Jedes dieser Silos muss manuell einzeln betrachtet werden ... Die entscheidenden Erkenntnisse ... sind also nicht schnell verfügbar.“ Die Hinweise liegen verteilt in Polizeidatenbanken, beim Verfassungsschutz, bei Ausländerbehörden oder dem Zoll. Jede Behörde besitzt einen Teil der Geschichte, doch niemand setzt sie rechtzeitig zu einem vollständigen Bild zusammen. Aus Sicht eines derzeit rasant wachsenden Berliner Technologieunternehmens ist das die eigentliche Schwachstelle der deutschen Sicherheitsarchitektur. ANZEIGE ANZEIGE Aus Tausenden Hinweisen wird ein Lagebild Das Unternehmen heißt Orcrist und wird in der Branche inzwischen als das deutsche Palantir gehandelt. Die Anspielung ist bewusst gewählt: Palantir, der amerikanische Datenanalyse-Spezialist des Tech-Milliardärs und Investors Peter Thiel, hat weltweit vorgemacht, wie sich Millionen Datenpunkte aus unterschiedlichsten Quellen zu einem Lagebild verdichten lassen. Militärs, Geheimdienste und Polizeibehörden nutzen die Software, um Zusammenhänge sichtbar zu machen, die einem Menschen in der Masse der Informationen verborgen bleiben würden. Die Nähe zu den Sicherheitsbehörden und die Vielfalt der gesammelten Daten macht Palantir in Deutschland allerdings seit Jahren zum politischen Reizthema. Hinzu kommt die geopolitische Dimension. Palantir ist ein amerikanisches Unternehmen, dessen Gründer Donald Trump politisch unterstützt. Politikern bereitet der Gedanke Unbehagen, dass eine zentrale digitale Infrastruktur deutscher Sicherheitsbehörden dauerhaft von einem US-Konzern abhängen könnte. Die Debatte ähnelt der über Cloud-Dienste oder Halbleiter: Es geht längst nicht mehr nur um Software, sondern um Souveränität. Orcrist wurde 2023 gegründet In diese Lücke stößt Orcrist, Teil der Vektor Group, einer deutschen Unternehmensgruppe mit Schwerpunkt auf Software für Verteidigung, Innere Sicherheit und Ausbildung. Das Unternehmen wurde 2023 gegründet, beschäftigt inzwischen rund 150 Mitarbeiter und ist dort groß geworden, wo Daten über Leben und Tod entscheiden: im Krieg in der Ukraine. Gemeinsam mit den ukrainischen Streitkräften entwickelte das Team Systeme, die Satellitenbilder, Drohnenaufnahmen, abgefangenen Funkverkehr, Chatprotokolle, Standortdaten und klassische Aufklärungsergebnisse innerhalb weniger Sekunden miteinander analysierbar macht. Erst aus dieser Verbindung entsteht das, was Militärs ein belastbares Lagebild nennen. „Wir nehmen Daten, die auf dem Gefechtsfeld vorkommen: Bilder, Videos, Worte und Funkverkehr. Für sich genommen haben sie oft wenig Aussagekraft. Erst ihre Verknüpfung ergibt ein vollständiges Bild„, sagt York Hesselbarth, ehemaliger Offizier und Mitgründer des Unternehmens. Die Software erkenne nicht nur, wo sich einzelne Fahrzeuge bewegen oder welche Funksprüche zusammengehören. Sie könne Hinweise kombinieren, Veränderungen erkennen und damit Entwicklungen . Aus einem Analysewerkzeug soll ein System werden, das Wahrscheinlichkeiten berechnet: Wo entstehen neue Ausbildungslager? Wo verdichten sich Truppenbewegungen? Welche Aktivitäten deuten auf einen bevorstehenden Angriff hin? Vom Krieg in der Ukraine in deutsche Polizeidienststellen Die Innovationsgeschwindigkeit aus der Ukraine soll nun in die deutsche Innenpolitik übertragen werden. Dafür gründete Orcrist Anfang des Jahres die Tochtergesellschaft Civitas Europe. Ihr Auftrag besteht darin, Sicherheitsbehörden mit denselben Fähigkeiten auszustatten, allerdings nicht gegen feindliche Armeen, sondern gegen Terrorismus, organisierte Kriminalität oder hybride Bedrohungen im Landesinneren. „Der Staat sitzt auf wahnsinnig vielen Daten, ist aber nicht wirklich handlungsfähig“, sagt Civitas-Geschäftsführer Tobias Börner. Jahrzehntelang seien innere und äußere Sicherheit organisatorisch getrennt worden, obwohl sich Bedrohungen längst über beide Bereiche hinwegbewegten. Kritische Infrastruktur, Energieversorgung oder Kommunikationsnetze seien heute ebenso Teil der nationalen Sicherheit wie klassische Polizeiarbeit. Für Börner liefert der Berliner Anschlag ein Beispiel dafür. „Es war einiges über Abdul Ballout bekannt. Nach den bislang bekannten Informationen lagen zahlreiche Erkenntnisse aus unterschiedlichen Quellen vor. Warum ist die Gefahrenperson nicht aus dem Spiel genommen worden?“ Seine Erklärung lautet nicht, dass Informationen fehlten, sondern dass niemand sie zusammengeführt hat. „Abteilung A hat offenbar nicht mit Abteilung B gesprochen. Das gemeinsame Lagebild fehlt.“ Mit der Plattform „Sentinel“ will Civitas Europe diese Lücke schließen. Ermittlungsdaten unterschiedlichster Behörden sollen zusammenlaufen und miteinander analysierbar werden. Aus Tausenden einzelnen Hinweisen soll die Software ein Bild zusammensetzen – ähnlich wie ein Ermittler, nur eben in Sekunden statt in Tagen. Polizeibeamte, Verfassungsschutz, Zoll oder später auch europäische Einrichtungen sollen dadurch schneller erkennen können, welche Hinweise zusammengehören und wo aus vielen kleinen Informationen ein Gefahrenbild Sentinel ersetzt keine Ermittler. Die Plattform unterstützt Fachkräfte dabei, Zusammenhänge schneller sichtbar zu machen. Entscheidungen treffen weiterhin ausschließlich die zuständigen Behörden. Der Wettlauf um Europas Sicherheits-KI hat längst begonnen Orcrist verbindet diesen technologischen Anspruch mit einem industriepolitischen. Das Unternehmen versteht sich nicht nur als Softwareentwickler, sondern als deutscher Gegenentwurf zu Palantir. Ziel sei „eine deutsche Alternative für sicherheitskritische Datenanalyse und damit ein Beitrag zur digitalen Souveränität Deutschlands“, sagt Börner. Während Frankreich inzwischen mit Systemen wie ChapsVision einen eigenen Sicherheitsapparat aufbaut und die Vereinigten Staaten seit Jahren auf Palantir setzen, darf Deutschland aus Sicht der Gründer bei einer Schlüsseltechnologie nicht dauerhaft auf ausländische Anbieter angewiesen sein. „Wir wollen eine deutsche Lösung“, bekräftigt der Civitas-Chef. „Wir haben eine eigene Idee von Europa.“ Der Zeitpunkt passt. Mit der Zeitenwende investiert Deutschland so viel Geld in Verteidigung und Sicherheit wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Milliarden fließen nicht mehr nur in Panzer, Flugzeuge und Drohnen, sondern auch in Software, künstliche Intelligenz und Datenfusion. Moderne Konflikte werden nicht allein durch Feuerkraft entschieden, sondern durch die Fähigkeit, Informationen schneller auszuwerten als der Gegner. Ob Orcrist den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day verhindert hätte, lässt sich nicht beantworten. Niemand kann seriös behaupten, dass eine Software Terroranschläge verhindert, die dann nicht passiert sind. Der Fall zeigt jedoch, wie groß die Lücke zwischen vorhandenen Informationen und behördlichem Handeln sein kann.