Deutsches Tennis-Märchen in Hamburg 34 Jahre nach Steffi Graf
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen Aus den Lautsprechern am Rothenbaum dröhnte: „Oh, wie ist das schön!“ Und Tennis-Profi Tamara Korpatsch (31) lief strahlend zu ihrer Box. Erst umarmte sie ihren Trainer-Papa Thomas, dann Mama Birgit. Zum krönenden Abschluss bekam ihr süßes Hundemädchen Stella (7 Monate) einen dicken Kuss. Die Hamburgerin erfüllte sich einen Traum, gewann zum ersten Mal ihr Heimspiel bei den „Hamburg Ladies Open“ (WTA 250). Im Endspiel schlug die deutsche Nr. 1 Abo-Finalistin Anna Bondar (29/zum dritten Mal in Folge vertreten) aus Ungarn mit 6:3, 6:3. Dafür gab’s Blumen, einen Kristall-Pokal und 32.520 Euro Preisgeld. Als Bonus macht Korpatsch in der neuen Weltrangliste am Montag einen Sprung um 35 Plätze auf Rang 46 – Karrierebestwert! „Ich bin einfach super happy“, strahlte Hundemama Korpatsch. „Ich war vorher richtig aufgeregt, war super nervös und konnte am Samstag kaum einschlafen. Ich hatte so viele Gedanken im Kopf. Aber zum Glück konnte ich auf dem Platz die Gedanken wegschieben und locker aufspielen.“ Die Lokalmatadorin vom Club an der Alster begann stark, führte dank ihrer Vorhand-Peitsche gegen Bondar schnell mit 4:1. Im zweiten Satz gelang ihr im fünften Spiel das entscheidende Break. „Beim Matchball habe ich dann etwas gezittert und realisiert: Oh, nein! Ich kann das hier gewinnen ...“ Nach 1:27 Stunden war es tatsächlich so weit. Auch Turnier-Direktorin Sandra Reichel freute sich nach ihrem Traum-Finale mit der Siegerin. „Sie hatte es nie so leicht. Und jetzt zu Hause, auf ihrem Center Court zu gewinnen, ist ein Märchen.“ Korpatsch galt nie als Supertalent, erhielt nie eine Förderung vom Deutschen Tennis-Bund (DTB). In den Anfangsjahren tingelte sie mit ihrem Vater von Turnier zu Turnier. Um Kosten zu sparen, schliefen sie anfangs sogar im Auto! In der Corona-Zeit mussten sie auf dem Parkplatz eines Möbelhauses trainieren. „Sie stand immer ein bisschen im Schatten“, betonte auch Turnierbotschafterin Andrea Petković. „Jetzt ist es fast zu schön, um wahr zu sein.“ Die letzte Deutsche, die am Rothenbaum gewann, war Steffi Graf (57) im Jahr 1992. Damals hatte das Damenturnier allerdings noch Master-Status und stieg direkt vor den French Open in Paris. Erst 2021 hatten Reichel und ihr Vater Peter-Michael nach 19 Jahren Pause die Frauen zurückgeholt. „Als ich ein Kind war, haben die Leute immer gefragt: Wirst du die nächste Steffi Graf?“, erinnert sich Korpatsch, die als Kind mit der Hamburg-Fahne auf den Center Court einlief. „Es ist eine Ehre, die nächste Deutsche nach ihr zu sein, die hier gewonnen hat. Es ist aber auch so ein sehr besonderer Titel. Es ist meine Heimatstadt, mein Heimat-Klub, vor meiner Haustür.“ Korpatsch war nach ihrem ersten WTA-Titel 2023 in Cluj-Napoka/Rumänien vor zwei Jahren aufgrund von Krankheiten und Verletzungen bis auf Platz 185 der Welt abgestürzt. „Es war ziemlich schwer, sich da rauszuziehen. Ich habe das mit meiner Familie geschafft. Ich bin einfach nur super stolz darauf, dass ich es als einzige Tennisspielerin nur mit meiner Familie bis hierhin geschafft habe. Ich hatte einen harten, sehr, sehr langen Weg.“ Der führt sie schon am Dienstag weiter nach Nordamerika. Dienstag fliegt Korpatsch mit ihrem Team zum ersten Hartplatz-Turnier nach Toronto. „Eine große Feier gibt es nicht. Wir gehen irgendwo essen und ich bin gespannt, was die anderen für mich vorbereitet haben.“ Sandra Reichel: „Sind mehr als ein Tennis-Turnier“ Die erste deutsche Siegerin seit 34 Jahren, die Premiere des ITF-Rollstuhltennis-Turniers, zahlreiche Inklusions-Events und ganz viele Kinder auf der Anlage. Turnier-Direktorin Sandra Reichel war nach neun Tagen Tennis am Rothenbaum müde, aber zufrieden: „Wir sind mehr als ein Tennis-Turnier. Und wir haben dieses Jahr gezeigt, wohin unsere Reise geht. Und mir ist vor allem wichtig, die Sichtbarkeit des Frauensports zu erhöhen.“ Für den DTB hob Präsident Dietloff von Arnim zudem die Bedeutung des Turniers als Bühne für die eigenen Talente hervor. Insgesamt acht Spielerinnen erreichten das Hauptfeld. „Das ist so wichtig für uns.“ Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass es unter der Woche auf der Anlage meist leer war. Inklusive des Final-Sonntags kamen rund 20.000 Fans an den Rothenbaum. „Ich fühle mich wie ein Start-up“, betont Reichel. „Nach dem Ende des Doppel-Events mit den Herren (2024, d.Red.) müssen wir uns neu finden. Und ich bin überzeugt, dass wir ganz viele Samen gesät haben.“ Der Vertrag mit Titelsponsor „MSC“ läuft nach zwei Jahren aus. Reichel: „Wir werden uns im Herbst mit MSC und der Stadt Hamburg zusammensetzen. Aber ich bin zuversichtlich.“ Auch der Termin für 2027 steht noch nicht. Reichel würde kommendes Jahr gerne im Kalender eine Woche vorrücken – direkt nach dem Rasen-Klassiker in Wimbledon. Die WTA wird voraussichtlich erst rund um die US Open (23.8. – 13.9.) entscheiden.